Gitarren, Rockmusik und Blitzlichter

Headbangen auf der Kirchenbank: Metal Gottesdienst in Bruchsal-Obergrombach

Vor einem Jahr hat Mathias Fuchs den ersten Headbanger Gottesdienst in Bruchsal-Obergrombach ins Leben gerufen. Auch die zweite Auflage hat Massen von Metal-Fans angezogen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Mirka Tiede

Die Kirchen in Baden-Württemberg ringen um die Zahlen ihrer Mitglieder. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. In Bruchsal-Obergrombach (Landkreis Karlsruhe) ist das aber kein Problem. Pastoralreferent Mathias Fuchs von der katholischen Kirchengemeinde Bruchsal-Michaelsberg hat zusammen mit den anderen Gemeindemitgliedern immer wieder neue Konzepte und Ideen, um Menschen in die Kirche zu bringen.

Ideengeber des Headbanger Gottesdienstes in Bruchsal-Obergrombach: Pastoralreferent Mathias Fuchs steht vor der Kirche in Obergrombach in einem Wacken Shirt.
Ideengeber des Headbanger Gottesdienstes in Bruchsal-Obergrombach: Pastoralreferent Mathias Fuchs. Bild in Detailansicht öffnen
Pastoralreferent Mathias Fuchs bei der Predigt des Headbanger Gottesdienstes in Bruchsal-Obergrombach.
Pastoralreferent Mathias Fuchs bei der Predigt des Headbanger Gottesdienstes in Bruchsal-Obergrombach. Bild in Detailansicht öffnen

Lichteffekte, Luftballons und Dudelsackmusik im Headbanger Gottesdienst

Vor dem Gottesdienst werden noch ein paar Sicherheitshinweise gemacht. "Das ist bei einer solchen Veranstaltung auch einfach notwendig. Sollte etwas passieren, außer der Ekstase, die ihr nachher hoffentlich alle an den Tag legt", so die Ansage. Es sei zwar ein Gotteshaus, aber das Publikum dürfe sich trotzdem verhalten wie bei einem Konzert. Heißt konkret: Singen, Klatschen und Toben ist ausdrücklich erlaubt! Und dann geht es schon los.

Die typischen Gottesdienst-Elemente wie Bibeltext, Predigt und Gebet stehen im Wechsel mit Stroboskop- und anderen Lichteffekten, fliegenden Luftballons, rockiger Gitarrenmusik und sogar einer Einlage mit einem Dudelsack. Viele der Besucherinnen und Besucher lassen sich vollständig gehen - tanzen, klatschen und jubeln. Und manche sieht man sogar beim Headbangen. Das gemeinsame Amen wird nicht stoisch vorgetragen, sondern laut im Chor ausgerufen. War es zu leise, wird es noch mal wiederholt.

Die musikalische Untermalung kommt von der Band "Metal GodZ powered by Gelbsucht and friends". Die Formation hat sich extra für den ersten Headbanger Gottesdienst gegründet. Inzwischen spielt sie auch zu anderen Anlässen, wie beim vergangenen Weihnachtsgottesdienst oder beim Bikergottesdienst der Metal Biker Church am kommenden Samstag in der evangelischen Kirche in Gondelsheim (Landkreis Karlsruhe). Der Headbanger Gottesdienst endet mit Jubel und tosendem Applaus.

Die Tattoo-Segnung in Bretten im November 2024 war eine andere Aktion, die von Mathias Fuchs mit organisiert wurde:

Bretten

Wenn Tattoos und Religion zusammengehören Tattoosegnung in Bretten: Wenn Glaube unter die Haut geht

Ein Rosenkranz oder ein Kreuz: Viele Menschen tragen religiöse Symbole auf ihrer Haut. Bei einer Tattoosegnung in Bretten zeigt sich: Glaube und Tattoos schließen sich nicht aus.

Bänke in kleiner Kirche in Bruchsal-Obergrombach gut gefüllt

Vor einem Jahr hat der Pastoralreferent die sogenannte Headbangers' Church ins Leben gerufen. Schon der erste Gottesdienst vor einem Jahr im Mai 2024 hat nach Erzählungen der Besucherinnen und Besucher vor Ort die Kirchenbänke in der kleinen Kirche in Obergrombach an der Helmsheimer Straße bis zum Anschlag gefüllt. Auch beim zweiten Gottesdienst waren wieder zahlreiche Metal-Fans mit dabei.

Einige von ihnen bereits zum zweiten Mal. So wie Udo. Er ist von der Kombination aus Rock und Kirche fasziniert. Udo schätzt, dass die Organisatoren sehr engagiert sind und immer wieder neue Wege gehen, um andere Teile der Bevölkerung anzusprechen. "Man sieht, es kommt an", sagt er im Gespräch. Denies ist hingegen zum ersten Mal da. Es reize sie schon, erzählt sie.

Udo, ein Besucher des Headbanger Gottesdienstes in Bruchsal-Obergrombach
Udo war letztes Mal schon beim Headbanger Gottesdienst in Bruchsal-Obergrombach. Er ist von der Kombination aus Rock und Kirche fasziniert. Bild in Detailansicht öffnen
(v. r. n. l.): Marcus Dietrich, Holger Dietrich und Christin vor dem Headbanger Gottesdienst auf dem Platz vor der Kirche in Bruchsal-Obergrombach.
(v. l. n. r.): Marcus Dietrich, Holger Dietrich und Christin zieht die Stimmung zum Headbanger Gottesdienst. Bild in Detailansicht öffnen
(v l. n. r.) Michaela, Martina, Nicole und Heiko (v l. n. r.) Michaela, Martina, Nicole und Heiko sind Besucherinnen und Besucher des Headbanger Gottesdienstes.
(v l. n. r.) Michaela, Martina, Nicole und Heiko sind aus der Kirche ausgetreten. Sie sind da, um Mathias Fuchs zu unterstützen. Bild in Detailansicht öffnen
Jonas, ein Besucher, der mit dem Motorrad zum Headbanger Gottesdienst in Bruchsal-Obergrombach angereist ist.
Jonas ist Mitglied in einer christlichen Motorradgruppe. Er glaubt, dass man Leute mit bekannten Songtexten in die Kirche holen kann, die man sonst nicht erreichen würde. Bild in Detailansicht öffnen
Esther, die Freundin von Organisator des Headbanger Gottesdienstes Mathias Fuchs, am Eingang der Kirche in Bruchsal-Obergrombach.
"Es ist viel Rückenstärkung nötig", sagt Mathias Fuchs Freundin Ester. Egal ob Fahrdienste oder ein offenes Ohr, sie steht ihm bei der Organisation des Headbanger Gottesdienstes zur Seite. Bild in Detailansicht öffnen

Headbanger Gottesdienst: "Anderer Zugang zur Religion"

Auch von weiter weg kommen die Leute zum Gottesdienst. Mathias Fuchs habe mit Leuten aus dem Saarland gesprochen. Marcus Dietrich ist extra aus Freiburg nach Obergrombach gefahren. Er finde die Musik gut und sei vor dem Gottesdienst im vergangenen Jahr noch nie auf einem Festival oder Konzert gewesen. "Alle sind in einem Herzschlag. Die Energie ist krass", schwärmt er. Die Einheit des Publikums habe ihn beeindruckt.

Die Stimmung hat auch Holger Dietrich das letzte Mal begeistert. "Es hatte viel vom Heiligen Geist. Da war eine andere Energie drin, als man es von einem normalen Gottesdienst kennt." Das sei ein anderer Zugang zur Religion.

Ganz viel Power. Ganz viel Wow!

Viel Jubel und fröhliche Gesichter beim Headbanger Gottesdienst in Bruchsal-Obergrombach.
Viel Jubel und fröhliche Gesichter beim Headbanger Gottesdienst

Trotz Kirchenaustritt beim Gottesdienst

Christin, die Begleiterin der beiden, hatte den Gottesdienst das letzte Mal verpasst. Sie musste arbeiten. "Aber die beiden Herren waren da und haben geschwärmt. Da musste ich es mir mal anschauen", sagt Christin. Die Gottesdienste der Gemeinde seien nicht so steif, das gefalle ihr. Christin ist eigentlich aus der Kirche ausgetreten. Inzwischen gehe sie immer mal unregelmäßig in die Kirche, um Holger Dietrich zu begleiten, der sehr religiös sei.

Eine andere Vierer-Gruppe ist da, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten ist. Sie kennen Mathias Fuchs und seien da, um ihn zu unterstützen. Sie schätzen die moderne Art der Kirche. Es sei einfach mal was anderes. Im letzten Jahr sei die Kirche so voll gewesen wie zuletzt vor 40 Jahren, erzählen sie.

Zwei Metaler umarmen in der Kirche beim Headbanger Gottesdienst.
Alle sind Willkommen: Beim Headbanger Gottesdienst durften sich die Besucherinnen und Besucher auch gegenseitig in die Arme nehmen.

Mathias Fuchs: Alle sind willkommen

In der Gemeinde habe Mathias Fuchs mit der Idee offene Türen eingerannt. Er habe Rückendeckung vom Ortspfarrer, vom Dekan und für den Gottesdienst gebe es sogar finanzielle Unterstützung von der Erzdiözese Freiburg. Tatkräftige Unterstützung erhält Mathias Fuchs auch von seiner Freundin Esther. Sei es als Fahrdienst oder auch als offenes Ohr: "Es ist viel Rückenstärkung nötig", erzählt sie. Sie sei sehr stolz auf ihn, dass er erfolgreich ist und seine Ideen umsetzen kann.

Die Organisation macht dem Pastoralreferenten eine riesige Freude. Und dass er die zwei Fundamente in seinem Leben teilen kann: der Glaube an Gott und die Verbundenheit mit der Musik. Mathias Fuchs selbst ist leidenschaftlicher Metaler und fährt jedes Jahr zum Musikfestival Wacken. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder und jede bei Gott willkommen ist. Mit dem Headbanger Gottesdienst wolle er deswegen einen Ort für alle schaffen, die sich nicht akzeptiert und von der Kirche ausgeschlossen fühlen.

Andere Artikel zur Erzdiözese Freiburg:

Baden-Baden

Erster Gottesdienst nach Abberufung Volle Kirche, klare Worte: So lief der Neustart für Pfarrer Koffler aus Baden-Baden

Pfarrer Matthias Koffler ist am Sonntag als Rektor der Autobahnkirche Baden-Baden eingeführt worden. So lief sein erster Gottesdienst rund zwei Monate nach seiner Abberufung.

SWR Aktuell Baden-Württemberg mit Sport SWR BW

Baden-Württemberg

Austrittswelle etwas abgeflacht Kirchen in Baden-Württemberg verlieren erneut Zehntausende Mitglieder

Fast hunderttausend Menschen sind vergangenes Jahr aus den beiden großen christlichen Kirchen im Land ausgetreten. Der Rückgang schwächt sich jedoch leicht ab.

Stuttgart

SWR-Befragung beendet Wir wollten wissen: Warum treten Sie aus der Kirche aus?

Der SWR hat Menschen, die aus der Kirche austreten, nach ihren Gründen befragt. Über die Ergebnisse haben die Bereiche Datenjournalismus und Religion und Welt gemeinsam berichtet.

Speyer/Singen

Frisch verheiratet Bistum Speyer: Ex-Generalvikar Andreas Sturm bereut Kirchenaustritt nicht

Andreas Sturm war Generalvikar im Bistum Speyer und trat aus Protest vor zwei Jahren aus der katholischen Kirche aus. Der Grund: Zu wenig Reformen. Heute ist er wieder Pfarrer. Jetzt hat er geheiratet. Wie gehts ihm?

Passen Heavy Metal und die katholische Kirche zusammen? Mathias erzählt!

Mathias ist Pastoralreferent und großer Heavy Metal Fan. Er entwickelt deshlab ein besonderes Projekt mir der katholischen Kirchengemeinde im Landkreis Karlsruhe: die Headbangers‘ Church.