Ist das verhältnismäßig?

Bahnprojekt Hesse-Bahn: 80 Millionen Euro kostet der Fledermaus-Artenschutz

Die Hermann-Hesse-Bahn fährt nicht - immer noch nicht. Seit 2018 sollten zwischen Calw und Weil der Stadt eigentlich Züge fahren. Doch Fledermäuse in zwei Tunneln haben das Vorhaben ausgebremst.

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Von Autor/in Simon Hartmann

Der Artenschutz, genauer der Schutz von Fledermäusen, verzögert seit Jahren die Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn. Frank von Meißner, Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn (HHB) steht auf dem neu gebauten Bahnhof in Calw-Heumaden - einer Haltestelle für eine Bahn, die bereits seit Jahren Menschen von Calw über Weil der Stadt bis nach Stuttgart bringen sollte. Mit 2.800 Gästen pro Tag rechnet der Landkreis auf der Strecke - irgendwann mal...

Frank von Meißner begeht Tunnel für Fledermäuse der Hermann-Hesse-Bahn
Frank von Meißner begeht Tunnel der Hermann-Hesse-Bahn. Simon Hartmann

Nun könnte dieser Tag allerdings zügig näher rücken. Ende August wurde die letzte bürokratische Hürde genommen. Die Trennwände für die Fledermaustunnel wurden genehmigt. Die Fledermäuse sollen einen eigenen Tunnel bekommen, damit der Bahnbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

Hermann-Hesse-Bahn: 80 Millionen für den Artenschutz

Bisher rechnet der Zweckverband mit einer Summe von 207 Millionen Euro für das Gesamtprojekt - ob das ausreicht, ist allerdings noch unklar, so der Landkreis Calw gegenüber dem SWR. Davon entfallen etwa 80 Millionen Euro auf den Artenschutz. Eine enorme Summe, gerade für einen Flächenlandkreis wie Calw. Die Frage, ob er diese Summe für verhältnismäßig halte, möchte von Meißner gegenüber dem SWR nicht beantworten.

Wir haben nicht zu bestimmen, welche Ausgleichsmaßnahmen ergriffen werden. Das wird uns vorgegeben von den Behörden. Wir sind insgesamt glücklich, dass wir einen Weg gefunden haben zwischen Zugverkehr einerseits und Artenschutz andererseits.

Er fügt hinzu: "Nach Abschluss des Projektes wird bestimmt genauer untersucht, ob für die Zukunft auch andere Ausgleichsmöglichkeiten machbar sind." An die Politik hat er einen Wunsch: Verkürzung der Planrechtsverfahren.

HHB: Fledermäuse haben Heimat in den Tunneln gefunden

Das Regierungspräsidium Karlsruhe legte allerdings dar, dass die Herausforderung mit den Fledermäusen dem Landkreis Calw von Anfang an klar gewesen sein sollte. Die Situation in den Tunneln sei eine besondere, so Tobias Korta, zuständig für Naturschutzrecht beim Regierungspräsidium Karlsruhe.

So gebe es Fledermausquartiere von nationaler Bedeutung, sagt er. In Zahlen: 14 von 16 in Baden-Württemberg vorkommenden Arten überwintern hier - insgesamt 1.400 Exemplare. Alle Fledermausarten in Baden-Württemberg seien auf der Roten Liste: Das heißt, sie sind gefährdet und sehr selten.

Wir wissen vom Klimaschutz, dass die Kosten, die wir heute für den Artenschutz ausgeben, vergleichsweise niedrig sind. Alles, was wir auf die Zukunft verschieben müssen, wird erheblich teurer. Es ist unsere Aufgabe natürlich heute, das Artensterben nicht noch zu beschleunigen.

Diese Tiere haben ihr Zuhause in den Tunneln "Forst" und "Hirsau" bei Althengstett. Dort gefällt es ihnen sehr gut - von alleine gehen sie nicht. Stattdessen wurde ein "Pionierprojekt" ins Leben gerufen, wie es alle Beteiligten bezeichnen. In Calw baue man nun einen zweiten Tunnel, einen Tunnel im Tunnel - extra für die Tiere. Wäre es nicht auch anders gegangen?

Hermann-Hesse-Bahn: Tunnelneubau wollte man nicht

Eine mögliche andere Option wäre ein kompletter Tunnelneubau gewesen, so Johannes Enssle, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (NABU). Dann wären die Fledermäuse überhaupt nicht betroffen gewesen. Denn: der Landkreis habe von Anfang an gewusst, welche Bedeutung das Fledermaushabitat vor Ort habe, betont Enssle.

Strecke der Hermann-Hesse-Bahn in Calw wird begutachtet
Johannes Enssle, Landesvorsitzender NABU, Christian Dietz, Biologe und Umweltberater der Hermann-Hesse-Bahn, Frank von Meißner, Geschäftsführer Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn bei der Begehung einer Baustelle. (v.r.n.l.) Simon Hartmann

Ein Neubau wäre womöglich schneller und günstiger gewesen. Davon wollte der Zweckverband allerdings am Anfang nichts wissen.

Dazu hätte es aber auch einer Veränderung der Strecke bedurft. Dann habe man sich auf eine andere Lösung geeinigt, so Enssle. "Das hat eben seinen Preis", ergänzt er.

Fledermaustunnel der Hermann-Hesse-Bahn bei Calw
Fledermaustunnel der Hermann-Hesse-Bahn bei Calw. Bernd Weißbrod

Ein eigener Tunnel für die Fledermaus: Was steckt dahinter?

Aktuell wird eine Art Tunnel-im-Tunnel installiert. Dafür braucht es rund 300 tonnenschwere Bauteile, die als Trennwand fungieren. Dahinter sollen sich dann die Fledermäuse einnisten - ungestört vom Bahnverkehr.

Wissen die Fledermäuse, wo sie in Zukunft wohnen dürfen?

Damit die Fledermäuse den richtigen Weg finden, bekommen sie ganz besondere Wegweiser. Es werden Ultraschalllautsprecher aufgestellt. Diese sollen die Fledermäuse davon abhalten, in den Bahntunnel zu fliegen. Stattdessen möchten die Experten die Fledermäuse animieren, in die für sie vorgesehenen Kammern des Tunnels zu fliegen. Erste Tests würden aktuell sehr erfolgreich laufen, so von Meissner.

Auf dieses Projekt sind die Beteiligten sehr stolz. Zu Recht - denn ein solches Unterfangen gab es bisher so noch nicht in Deutschland, betonen Naturschutzbund (NABU), Regierungspräsidium und der Landkreis. Hier sind sie sich einig.

Zusätzlich zum "Fledermaustunnel" muss der Landkreis auch noch Ausgleichsmaßnahmen vornehmen. Dazu gehören zum Beispiel Streuobstwiesen sowie eine Waldweidewirtschaft. Dort sollen die Fledermäuse Insekten vorfinden, die ihnen als Nahrung dienen.

Hermann-Hesse-Bahn: vielleicht fahren bald die ersten Züge

NABU, Regierungspräsidium und der Landkreis Calw waren im HHB-Projekt oft durchaus uneins, das wird in den Gesprächen klar. Inzwischen ziehen die drei Parteien aber an einem Strang. Alle Beteiligten betonen, wie wichtig es sei, gemeinsam das Projekt erfolgreich zu beenden. So verwundert es auch nicht, dass die Hoffnung im Raum steht, dass noch dieses Jahr Züge von Calw nach Weil der Stadt fahren könnten.

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Simon Hartmann
SWR-Reporter Simon Hartmann bei einer Live-Schalte für SWR Aktuell

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