Die Gruppe, die an diesem Vormittag das Karlsruher Naturkundemuseum betritt, sieht auf den ersten Blick aus wie jede andere Besuchergruppe auch. Es sind acht ältere Menschen, einige von ihnen sitzen im Rollstuhl, andere gehen am Rollator oder am Arm. Sie alle sind Demenzpatienten aus dem Seniorenzentrum Stutensee. Für jeden Patienten ist ein Betreuer oder eine Betreuerin mitgekommen.
Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Demenz
Die Idee, Führungen im Naturkundemuseum für Demenzpatienten und ihre Familien oder Betreuer anzubieten, hatten die Demenzberaterin Birgit Großhans und die Gerontologin - also Altersforscherin - Anna Ziegler vom Netzwerk Demenz in Karlsruhe. Ihr Ziel: Demenzpatienten kulturelle Teilhabe ermöglichen und Menschen zusammenbringen.
Pflege ich meine Mutter, traue ich mich im Zweifel nicht mit ihr ins Museum zu gehen. Weil sie in irgendeiner Form auffallen könnte. Wir versuchen das zu durchbrechen.
Besuch bietet Menschen mit Demenz eine kurze Auszeit
Besonders die Aquarien faszinieren die Gruppe. Manche der Besucher halten Ausschau nach den bunten Fischen und freuen sich, wenn einer etwas Futter ergattern kann oder machen bei Ratespielen mit.
Andere Besucher sitzen still in ihrem Rollstuhl und beobachten die Tiere minutenlang schweigend. Für Annett Houna, die Pflegedienstleiterin des Seniorenzentrums, ein ungewohnter Anblick. Auch Patienten, die sich im Pflegeheim unruhig hin und her bewegen, seien im Naturkundemuseum plötzlich ganz entspannt. "Die Beruhigung der Fische ist für sie einmalig", sagt Annett Houna.
Patienten öffnen sich im Naturkundemuseum in Karlsruhe komplett
Auch Betreuungskraft Ingrid Vásquez sieht die Wesensveränderung der Bewohner sofort. "Sie öffnen sich komplett", erzählt sie. Es sei selten, dass ein Bewohner negativ reagiert. "Entweder gucken sie ganz fasziniert oder sie machen einfach nur mit und fühlen sich in Gesellschaft gut."
Monika begleitet an diesem Tag ihre Mutter Ruth ins Naturkundemuseum. Beide haben sich schon wochenlang auf diesen Ausflug gefreut. Gemeinsam etwas als Familie zu unternehmen, stärkt die Bindung, sagt Monika. Den ganzen Vormittag weichen sich Mutter und Tochter nicht von der Seite.
Gemeinsame Erlebnisse sind gemeinsame Erinnerungen.
Auch für Angehörige wichtig - nicht nur für Menschen mit Demenz
Für Organisatorin Anna Ziegler ist genau das das Ziel: Menschen zu zeigen, dass auch mit Demenz noch viel möglich ist. "Man kann hier sein und man darf hier auch sein - egal ob man eine Demenz hat oder nicht." Nicht nur für die Demenzpatienten, sondern auch für die Angehörigen sei so ein Ausflug ins Museum wichtig. "Die gehen hier mit einem positiven Gefühl raus und wenn die auch gestärkt sind, dann haben sie wieder Kraft für die Menschen, die an Demenz erkrankt sind, da zu sein."
Für die Teilnehmer sind die Führungen kostenlos. Das Netzwerk Demenz Karlsruhe stellt das Budget für die Ausflüge. Interessierte werden von den Veranstaltern gebeten, sich über das Seniorenbüro der Stadt Karlsruhe anzumelden. Anna Ziegler und Birgit Großhans haben dieses Jahr insgesamt fünf Führungen im Naturkundemuseum und zwei Seminare für Betreuer und Familien geplant.