Die Kameras klicken zur offiziellen Übergabe an den neuen Vivariumsleiter des Naturkundemuseums Till Ramm in Karlsruhe. Doch er und sein Vorgänger Hannes Kirchhauser hören das Klicken nicht. Denn stilecht findet die Übergabe der Leitung unter Wasser statt.
Internationale Berühmtheit - alle Augen auf Karlsruhe
Dass sich so viele Menschen für die Amtsübergabe interessieren, hat mehrere Gründe. Bei der Haltung und Zucht tropischer Korallen nimmt das Vivarium im Karlsruher Naturkundemuseum eine Spitzenstellung unter den Schauaquarien Deutschlands ein. Aber auch Hannes Kirchhauser selbst hat sich in der Welt der Aquarianer einen Namen gemacht. Mehr als 30 Jahre lang schwamm er in seinem großen Aquarium mit Haien und Muränen um die Wette.
Wie es sich für ihn anfühlt, dem Aquarium den Rücken zu kehren? Kirchhauser erklärt: "Das wird mir schon fehlen, mein Baby, das ist ganz klar." Auf der anderen Seite bedeute weniger Verantwortung auch weniger Sorgen, glaubt der Biologe.
Aber trotzdem ist es natürlich ein toller Job gewesen über all die Jahre. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.
Lebende Korallen - selbst in Karlsruhe gezüchtet
Dass das Aquarium sogar internationale Bekanntheit erlangte, ist nicht zuletzt Kirchhausers Verdienst. Geschafft haben der Biologe und seine Mitarbeiter das vor allem mit lebenden Korallen, die eigens im Naturkundemuseum gezüchtet werden.
Kirchhauser drückt das so aus: "Wir haben einen gewissen Ruf aufgebaut, kann man sagen, weil wir in der Korallen-Aquaristik sehr gut dabei sind." Die Idee, Korallen überhaupt zu züchten, schaute sich Kirchhauser 1988 bei befreundeten, privaten Aquarianern ab.
Das kam daher, dass diese Korallen-Aquaristik bei Privatleuten sich entwickelt hat, so in den 1980er-Jahren. Als ich 1988 nach Karlsruhe kam, hatte ich Kumpels, die das zu Hause hatten.
1990 stieg das Naturkundemuseum dann ebenfalls in die Korallenzüchtung ein. In der Praxis funktioniert das Korallenzüchten so: Man schneide von einer Korallenkolonie ein Stück ab - dieses klebe man dann mit einem speziellen Unterwasser-Epoxidkleber etwa auf einen Stein oder eine Keramikplatte, erklärt Kirchhauser. Auf diese Weise wächst dann eine neue Kolonie der teils vom Klimawandel bedrohten Korallen heran.
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Kirchhausers Suche nach Borstenwurm blieb erfolglos
Und dann wäre da noch der Borstenwurm: von Hannes Kirchhauser jahrelang gejagt - aber für den Biologen leider eine Geschichte ohne echtes Happy End. Denn trotz der umtriebigen Suche blieb der Borstenwurm im Aquarium verschollen. Kirchhauser kann damit leben, sagt er. "Die Leute tun immer so, als ob der jetzt Riesenschäden im Aquarium verursacht hätte. Das ist nicht der Fall."
Allerdings merkt Kirchhauser noch an: Der Borstenwurm habe zwar die Korallen nur wenig geschädigt. Inzwischen sei aber auch bekannt geworden, dass er immer wieder Fische gefressen habe. Wie viele der Wurm allerdings erwischt hat, kann auch Kirchhauser nur schätzen.
Jungfernzeugung eines Haies - die "Fast-Sensation"
Und dann gab es da noch ein weiteres Abenteuer im Karlsuhrer Aquarium: Eine sogenannte Jungfernzeugung, die leider nicht sofort als solche erkannt wurde. Aber von Anfang an: Eine Jungfernzeugung ist eine Eientwicklung ohne Einwirkung eines Männchens - also ohne Befruchtung.
Genau das beobachtete Kirchhauser bei einem Riffhai im Aquarium. Fachleute sagten ihm damals, es gebe keine Jungfernzeugung bei Haien. Wie sich später herausstellte: eine Fehlannahme. Das sei das Ärgerlichste an der ganzen Geschichte gewesen, erinnert sich Kirchhauser mit einem Schmunzeln.
Vier Jahre später gab es in Amerika eine Veröffentlichung über eine Jungfernzeugung bei einem Hai und es war dann die Weltsensation. Hätte ich den Fachleuten nicht geglaubt und hätte gleich eine DNA-Untersuchung gemacht, hätte ich die Sensation gehabt.
Besondere Freundschaften mit acht Armen
Über die Jahre schloss der Biologe viele Freundschaften - darunter auch ungewöhnliche, etwa mit Kraken, die er immer wieder eigenhändig im Mittelmeer fing und dann für ein Jahr nach Karlsruhe holte, um sie hernach wieder auszusetzen. Weil Kirchhausers Nachfolger Till Ramm auf die Schnelle keine Exkursion organisieren konnte, um diese Tradition fortzuführen, entschloss sich der Biologe kurzerhand, den Kraken "Vinzenz" privat zurückzubringen. Für Kirchhauser war es Ehrensache. "Ich hatte es dem Kraken versprochen."
Die Freundschaft blieb dabei nicht einseitig. Kirchhauser erzählt: "Es ist auch unglaublich, dass Kraken in kürzester Zeit den Umgang mit uns Menschen als völlig normal hinnehmen." Sie stellen sogar ihren Lebensrhythmus um. Denn Kraken sind normalerweise nachtaktiv. Aber eben auch neugierig, weiß der Biologe: "Die wissen, tagsüber ist was los." Der neue im Karlsruher Vivarium ist gerade mal seit einer Woche zu sehen. Er heißt übrigens Alex, nach dem Schwiegersohn des alten Vivariumsleiters.
Nach ein paar Wochen haben die den kompletten Nachtrhythmus umgestellt. Weil tagsüber ist Halligalli. Und das lieben die Tiere, auch wenn die Besucher kommen.
Den Schlüssel zum Naturkundemuseum musste Kirchhauser zwar abgeben, die Flossen und die Tauchmaske aber nicht. Die wird der Biologe mitnehmen in den Ruhestand - für neue Abenteuer außerhalb des Karlsruher Meerwasseraquariums.