Im Nationalpark soll ein Wolf totgeschossen werden

Meinung: Wie ein armer Wolf in Wahlkampfzeiten unter die Räder der Politik geriet

"Was hat der Hornisgrinde-Wolf den Politikern in Stuttgart getan, dass sie ihn totschießen wollen?", fragt sich SWR-Reporter Heiner Kunold. Eine Meinung zum Abschuss des Wildtieres.

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Von Autor/in Heiner Kunold

Was hat der Wolf der Hornisgrinde den Politikern in Stuttgart nur getan, dass sie ihn jetzt totschießen wollen? Diese Frage drängt sich mir auf, wenn ich die Genehmigung aus dem Umweltschutzministerium lese. Nach der soll der Wolf im Frühsommer 2024 Menschen mit Hunden über eine Strecke von mehreren Kilometern verfolgt haben. Dieses Verhalten, sagen Experten, sei "problematisch". Sie starteten Versuche, das Tier zu fangen. Aber der Wolf war zu schlau. Er tappte einfach in keine Falle und deshalb muss er nun "entnommen" werden.

Abschuss droht: Ist GW2672m wirklich verhaltensauffällig?

Aber: Ist es verhaltensauffällig, wenn ein Wolf tut, was ein Wolf tun muss, in dem er versucht, ein Weibchen zu finden? Und ist es nicht die normalste Sache der Welt, dass er in seiner Not auch auf Hündinnen ausweicht? In der Genehmigung des Ministeriums steht zu lesen, dass der Hornisgrinde-Wolf bei allen Begegnungen ein ruhiges und entspanntes Verhalten zeigte. Ist das verhaltensauffällig?

Wieso ist ein wilder Wolf so wenig scheu?

Muss man nicht vielmehr fragen: Wie kommt es eigentlich, dass ein wildes Tier seine natürliche Scheu verloren hat? Wer hat solche Erfahrungen provoziert. Das müssen doch wohl Menschen gewesen sein?

Warum gehen Hundebesitzer mit ihren Tieren trotz der bekannten Warnungen in der Ranzzeit im Nationalpark spazieren? Fordern sie auf diese Weise solche Begegnungen nicht geradezu heraus? Und wenn schon diese Tierfreunde unbelehrbar sind, warum erlässt nicht zum Beispiel der Nationalpark in der Paarungszeit der Wölfe ein Besuchsverbot für Hunde im Park?

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Wurde wirklich alles unternommen, um das Tier zu retten?

Und auch diese Frage muss erlaubt sein: Haben die Experten wirklich alles versucht, den Wolf zu retten? Wenn so viele Hundert Menschen Bilder und Videos von dem Tier "schießen" konnten, warum haben es die Experten nicht geschafft, das Gleiche mit einem Betäubungsgewehr zu tun? Und warum kommt ausgerechnet in Wahlkampfzeiten eine Abschussgenehmigung aus einem grünen Umweltministerium?

"Wenn Sie mich jetzt nach dem Wolf fragen würden (…), den schießen wir ab. Im Nationalpark, da gibt es einen. Der hat sich Menschen angenähert und auch Tieren. Das finden wir gar nicht gut. Deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut, dass der abgeschossen werden soll. Das Kommando ist schon unterwegs", sagt der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir im Interview. Warum tut er das? Ein böser Gedanke drängt sich mir auf: Wird der Wolfsabschuss womöglich für den politischen Stimmenfang missbraucht?

Das ist Heiner Kunold
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Ausgerechnet im Nationalpark soll ein Wolf "entnommen" werden

Da soll also erstmals in Baden-Württemberg ein Wolf totgeschossen werden. Und dass ausgerechnet im Nationalpark Schwarzwald. Was für ein trauriges Bild! Wie glaubwürdig wird dort in Zukunft der Natur- und Tierschutz noch sein? Wo, wenn nicht im Nationalpark (Slogan: "Eine Spur wilder!") sollen Wölfe denn dann noch ein Zuhause finden?

Ich meine, die Grüne Willkommenskultur für den Wolf ist krachend gescheitert. Es ist ein Schlag ins Gesicht aller engagierten Umweltschützer und Tierfreunde im Nordschwarzwald. Durch das Zielfernrohr des Wolfskommandos betrachtet werden sämtliche Versuche einer friedlichen Koexistenz mit den wilden Wölfen Makulatur - also hinfällig. Schade!

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