Maja ist schwerhörig. Sie fährt jeden Morgen etwa 40 Minuten zur Erich-Kästner-Schule in Karlsruhe. Denn hier bekommt die Schülerin Unterricht, der auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Auch viele andere Schülerinnen und Schüler nehmen einen langen Weg auf sich, um hierher zu kommen. Denn das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) ist eine der wenigen Schulen in Baden-Württemberg, die einen Förderschwerpunkt für Hörgeschädigte hat.
Hilfsmittel machen Unterricht für Schwerhörige einfacher
"Okay, dann fangen wir jetzt an", sagt die Lehrerin vor der 9a. Es ist Majas Klasse und es steht Deutsch auf dem Plan. Die Vertretungslehrerin hat Aufgaben von der Deutschlehrerin bekommen, die die Klasse jetzt bearbeiten soll. Fast alle Schülerinnen und Schüler haben schon ihre Hefte und Bücher aus dem Schrank geholt. Einer der Schüler fehlt aber noch. "Mach langsam", ruft einer ihm zu. "Je langsamer ihr macht, desto mehr Hausaufgaben bekommt ihr auch", erwidert die Lehrerin. "Beeil dich!", heißt es jetzt stattdessen.
Schon auf den ersten Blick fällt auf: Hier ist vieles anders als in anderen Schulen. Einige in der Klasse sind schwerhörig und brauchen Hilfsmittel, um alles richtig zu verstehen. Die Lehrerin trägt ein Mikrofon um den Hals. Auch auf den Tischen der Schülerinnen und Schüler stehen welche. Sie sind mit den Hörgeräten und Cochlea-Implantaten (CI) - also eine elektronische Hörprothese - der Schülerinnen und Schüler verbunden. Und eine Dolmetscherin überträgt alles Gesagte noch einmal in die Gebärdensprache.
Die Klasse ist sehr klein. Neun Schülerinnen und Schüler sitzen mit ihren Tischen in einem U zusammen - so dass auch jeder den Mund der anderen beim Sprechen sehen kann. Maja findet die kleine Klassengröße gut, weil man dadurch mehr hört. Aber es könne auch ein bisschen anstrengend sein. "Weil du öfter drangenommen wirst", sagt sie.
Maja macht auf SBBZ ihren Hauptschulabschluss
Am Ende des Schuljahres macht Maja ihren Hauptschulabschluss. Sie überlegt, danach für den Realschulabschluss auf eine höhere Schule zu wechseln. "Einfach, um es mal auszuprobieren, wie es ist." Sie kann sich vorstellen später Sozialarbeiterin zu werden und mit Jugendlichen zu arbeiten. "Weil ich mich irgendwie mit den Leuten sehr gut verstehe", erklärt Maja. "Ich habe auch einen guten Humor, um mich mit denen zu unterhalten. Und ja, ich mag es einfach in Gesellschaft."
Neben Mäppchen, Heften und Büchern gehört für Maja auch die Batterie ihres CI zur Grundausrüstung in der Schule. Und die sollte immer aufgeladen sein. Das habe sie auch schon mal vergessen. "Es war das erste Mal unangenehm", erinnert sich Maja. "Normalerweise vergisst man das ja nicht, weil man hört damit schließlich." Jemand hätte ihr dann eine Batterie ausgeliehen und somit das Problem gelöst.
Auch andere Dinge, an die vollständig Hörende nicht denken, können für Maja zum Problem werden. "Das ist das Schnellreden zum Beispiel. Oder dass im Hintergrund Musik läuft", erklärt sie. Aber das sei nicht so schlimm. Mit ihrem Implantat könne sie das gut ausblenden.
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Pädagogin: Es braucht beides - Inklusion und SBBZ
In der Schule wird nach Angaben von Tanja Richter, der Abteilungsleitung Hören der Schule, derselbe Stoff wie in anderen Schulen unterrichtet. Teilweise bekämen die Schülerinnen und Schüler Worterklärungen zur Verfügung gestellt. Manchmal würden die Sätze vereinfacht werden. Die Anforderungen der Prüfungsaufgaben blieben bei den Abschlussprüfungen am Ende aber gleich.
In ihren Augen sei es sinnvoll, beides zu haben: Inklusion an herkömmlichen Schulen und der Unterricht an den SBBZ. Bei Schülerinnen und Schülern, die nur eine Höreinschränkung hätten, technisch gut eingestellt und gut in die Sprache gekommen seien, sehe sie keine Schwierigkeiten bei der Inklusion. "Es gibt aber auch immer wieder Einzelfälle, wo es scheitert und nicht funktioniert", sagt sie. Und dann sei es wichtig, ein Netz wie das SBBZ zu haben, wo die Schüler dann entsprechend gefördert und gefordert werden könnten.
Durch ein Neugeborenen-Hörscreening werde bei vielen Kindern schon in der ersten Lebenswoche eine Hörschädigung diagnostiziert. "Das bringt natürlich sehr viel", so die Pädagogin. "Je früher ein Kind versorgt ist, desto normaler, verläuft der Spracherwerb." Früher wurden Probleme beim Hören bei Kindern häufig erst deutlich später entdeckt. Das hatte einen schwerwiegenden Einfluss auf die frühkindliche Entwicklung. "Wenn ich nichts benennen kann, dann kann ich die Welt auch nicht verstehen", erklärt Tanja Richter. "Das holt man auch sehr schwer wieder auf."
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Gebärdensprache war früher verboten
Inzwischen gewinne die Gebärdensprache in der Pädagogik rund um Hörschädigungen mehr an Bedeutung. Durch die UN-Behindertenrechtskonvention wurde sie als vollwertige Sprache anerkannt. Vorher wurde sie sogar unterdrückt. "Es war wichtiger, dass die Menschen Teil der Gesellschaft sind und sich mitteilen können", erklärt Tanja Richter. Deswegen wurde die Gebärdensprache 1880 auf dem Mailänder Kongress der Taubstummenlehrer an Schulen verboten.
Das wirkte sich auch außerhalb des Klassenraums auf die Gebärdensprache aus: "Da hat es wohl laut Berichten in der großen Pause auf die Finger gegeben, wenn die auf dem Pausenhof gebärdet haben", sagt die Pädagogin. Und es gab an den Schulen Techniken, mit denen die Kinder mit aller Kraft dazu gezwungen wurden, zu sprechen. Auch die Mentorin von Tanja Richter hat noch Abfühlübungen mit den Kindern gemacht. "Das heißt, die Kinder mussten bei ihr abfühlen, wo sie den Ton spüren", so Tanja Richter.
Von den Zeiten hat Maja nichts mitbekommen. "Es gibt viele Schüler, die kein CI oder Hörgerät haben", sagt sie. "Bei denen ist die Gebärdensprache Alltag." Eben diesen Mitschülern würde mit einem Verbot die Möglichkeit genommen werden, sich zu verständigen. "Man würde dann eigentlich nur da sitzen und hoffen, dass irgendjemand mit irgendwas versucht, mit dir zu interagieren." Für Maja ist ein Verbot der Gebärdensprache unvorstellbar.
Tanja Richter hält am Wochenende einen Vortrag bei der Jubiläumsveranstaltung "Ehrensache Hören":