Daniela Becker liegt in Karlsruhe für eine Ohren-OP auf dem Operationstisch. Es läuft der entscheidende Test. "Jetzt machen wir im Saal alles leise", sagt ihre Ärztin Serena Preyer. "Können Sie mich hören?" Die Patientin nickt mit glasigen Augen. Sie kann ihre Freudentränen gerade so zurückhalten. Sie strahlt dabei über das gesamte Gesicht. Denn durch die OP kann Daniela wieder richtig hören.
Nach OP: Kein Hörgerät mehr für Daniela?
"Wenn es so bleibt, wie ich gerade gehört habe, dann kann mir nichts Besseres passieren", sagt sie überglücklich nach der OP. Zwei Jahre lang hatte sie Probleme mit einem ihrer Ohren. Vor der OP konnte sie mit ihm nur noch etwa die Hälfte hören.
Es sei ein schleichender Prozess gewesen, erzählt Daniela. Es wurde immer schlimmer. "Gerade jobmäßig in Meetings oder Richtungshören hat nicht mehr funktioniert", erinnert sie sich. Deswegen hat sie sich für die Operation entschieden. Wenn alles wie geplant verheilt, muss Daniela in Zukunft kein Hörgerät mehr tragen.
Daniela hatte eine sogenannte "Otosklerose". Bei der Erkrankung kann sich der Steigbügel an seinem Eingang zum Innenohr nicht mehr richtig bewegen. Bei dem Eingriff wurde das Gehörknöchelchen im Ohr durch eine Prothese ausgetauscht.
HNO-Spezialistin und Klinikdirektorin in den ViDia Christlichen Kliniken Karlsruhe Serena Preyer erklärt, wie der Eingriff funktioniert:
Serena Preyer: Schwerhörigkeit isoliert Menschen
Auch der Komponist Ludwig van Beethoven ist durch Otosklerose schwerhörig geworden. Damals hätten die Ärzte die Erkrankung aber nicht operieren können, sagt Serena Preyer. "Menschen, die schwerhörig sind, sind immer ein Stück weit bei sozialen Zusammentreffen von Menschen ausgeschlossen", so die Ärztin.
Blindsein trennt von den Dingen, aber Nichthören trennt von den Menschen.
Beethoven sei dadurch misstrauisch und missmutig geworden. Denn wer Unterhaltungen nicht mitbekomme, habe den Eindruck, dass über einen geredet oder gelacht werde. "Wenn sie durch Hörhilfen wieder besser am allgemeinen Gespräch teilnehmen können, dann ist das einfach Gold wert", so die HNO-Spezialistin.
Mikrofon am Hals, Dolmetscherin im Raum Für diese Schule pendelt Maja jeden Morgen 40 Minuten zum Unterricht
Maja steht kurz vor dem Hauptschulabschluss. Sie hat ihre komplette Schullaufbahn in Karlsruhe auf der Erich-Kästner-Schule verbracht - eine der wenigen für Schwerhörige in BW.
"Technische Revolution": Deutlich bessere Hörgeräte
Im Bereich der Hörgeräte hat laut Preyer eine technische Revolution stattgefunden. Implantierbare Hörgeräte oder Cochlea-Implantate hätten einen Riesensprung nach vorne gemacht und seien inzwischen wirksamer und besser geworden. Zum Beispiel, indem sie Störgeräusche rausfiltern oder bestimmte Frequenzbänder - also verschiedene Tonhöhen - bevorzugt verstärken. Dennoch gibt es Bereiche, in denen Schwerhörige auch mit Implantaten Probleme haben.
Superohren
Hören ist eine der aufwändigsten Sinnesleistungen von Tier und Mensch. Dabei können nicht nur Ohren Schallwellen einfangen! Biologie ab Klasse 5
Bei der Innenohrforschung entwickelt sich laut der Ärztin momentan viel. "Die Industrie hat für sich entdeckt, dass es eine riesengroße Zahl von Schwerhörigen gibt", sagt sie. "Und dass man, wenn man Medikamente finden würde, auch finanziell profitieren könnte." Gerade in Deutschland ist mit der immer älter werdenden Gesellschaft ein potenziell wachsender Markt vorhanden. Etwa 70 bis 80 Prozent der über 60-Jährigen sind nach Angaben von Serena Preyer schwerhörig.
Wird Schwerhörigkeit schon bald heilbar?
Vor zwei Jahren ist es US-amerikanischen und chinesischen Forschern in einer Studie gelungen, schwerhörige Kinder mit einem Gendefekt erfolgreich zu behandeln. Auch in Tübingen ist 2025 einem Patienten mit der Therapie geholfen worden. Eine Genmutation hat bei den Kindern dazu geführt, dass sie schwerhörig wurden. Das gesunde Gen ist bei den Studien in das Innenohr eingeschleust worden, wodurch sie hören konnten.
"Jetzt ist man natürlich dran und schaut, andere genetische Erkrankungen auch so zu behandeln", erklärt Serena Preyer. Die Forschung versuche darüber hinaus, Medikamente zu entwickeln, mit deren Hilfe sich die Sinneszellen im Innenohr selbst reparieren. "Es ist jetzt nicht morgen fertig", sagt die Ärztin. "Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre das eine oder andere Medikament in die Hände bekommen."