In den vergangenen Nächten sind die Temperaturen in vielen Orten in Baden-Württemberg nicht unter 20 Grad gefallen. Fachleute sprechen dann von Tropennächten. Tagsüber hat es teilweise fast 40 Grad. Angenehme Kühle im Schlafzimmer oder am Arbeitsplatz ist da in vielen Gebäuden fast unmöglich, wenn es keine Klimaanlage gibt.
Die Nachfrage nach den Geräten ist so hoch, dass kleine Anlagen für zu Hause gerade fast überall ausverkauft sind - aber sind die sehr energieintensiven Geräte wirklich der richtige Ausweg in Zeiten der fortschreitenden Erderwärmung?
Das war der Liveblog zur Hitze im Land ++ Abkühlung kommt langsam ++ Zahlreiche Einsätze nach Badeunfällen ++ In einigen Regionen "Außergewöhnliche Einsatzlage" ausgerufen ++ Neuer bundesweiter Temperaturrekord ++
Baden-Württemberg schwitzt - nach hohen Temperaturen auch am Sonntag soll die Hitzewelle enden. Alle Entwicklungen rund um die aktuelle Wetter-Lage in unserem Liveblog.
Klimaanlagen: Schlechter Ruf in Deutschland
In weiten Teilen Asiens und Amerikas sind Klimaanlagen längst normal. Und auch in Südeuropa setzen viele Haushalte mittlerweile auf technische Kühlung. Hierzulande waren die Geräte bisher eher die Ausnahme.
Bastian Schröter ist Professor an der Hochschule für Technik in Stuttgart im Bereich Energietechnik. Sein Eindruck ist, dass in Deutschland immer noch eine leichte Abneigung gegen Klimaanlagen als unnütze Stromfresser herrsche.
Tatsächlich haben Klimaanlagen einen hohen Energiebedarf. Zudem geben sie Wärme nach außen ab, was in dicht bebauten Wohngegenden mit vielen Klimaanlagen zu zusätzlicher Aufheizung führen kann.
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Weil die Sommer heißer werden, denken viele über eine Klimaanlage nach. Gleichzeitig müssen in den nächsten Jahren viele Heizungen umgerüstet werden. Eine Lösung für beide Probleme läuft noch unter dem Radar.
Senioren, Kranke und Kinder schützen
Trotzdem halten Fachleute wie Schröter es für sinnvoll, Klimaanlagen in Zukunft an bestimmten Orten einzusetzen. Am wenigsten umstritten sind dabei Gebäude, in denen sich Menschen aufhalten, für die Hitze besonders schnell zu einer Gefahr für die Gesundheit wird. Also Seniorenheime, Kindertagesstätten oder Krankenhäuser. Aber auch zum Beispiel Klassenzimmer, in denen sich auf engem Raum 30 junge Menschen aufhalten - und am besten auch noch konzentrieren sollen.
Klimawandelgerechte Gebäudesanierung zu langsam
Auch in Dachgeschosswohnungen hält Bastian Schröter Klimaanlagen während Hitzewellen für vertretbar. Aus ökologischer Sicht besser wäre es, wenn jedes Gebäude durch bauliche Maßnahmen an die Erderwärmung und die zunehmenden Hitzetage angepasst wäre. Also so gut isoliert, verschattet, begrünt und belüftet, dass eine technische, energieintensive Kühlung gar nicht notwendig wird.
Das hält Bastian Schröter in naher Zukunft allerdings nicht für realistisch: "Wir haben die letzten Jahre eine Sanierungsrate von 0,8 Prozent bei Gebäuden. Es ist, glaube ich, auch nicht absehbar, dass das deutlich schneller wird", sagt er.
Deshalb geht Schröter davon aus, dass in vielen Gebäuden die Hitze schneller unangenehm wird, als die Sanierungen voranschreiten. "Irgendwann verlieren die Leute die Geduld und überlegen, sich eine Klimaanlage einzubauen", vermutet Schröter. Gerade für gefährdete Personengruppen könne technische Kühlung schon jetzt ein wichtiger Schutz sein.
Hinzu kommt: Klimaanlagen laufen vor allem an Tagen mit vielen Sonnenstunden - also genau dann, wenn auch besonders viel Solarstrom erzeugt wird. Wenn sie an solchen Tagen um die Mittagszeit eingeschaltet würden, könnten sie laut Bastian Schröter sogar helfen, Stromüberschüsse abzufedern.
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Klimaanlagen trotzdem letzte Option
Auch Lamia Messari-Becker, Professorin für energieeffiziente Gebäudetechnik am KIT in Karlsruhe, spricht sich deshalb dafür aus, Klimaanlagen nicht mehr grundsätzlich zu verteufeln.
Auch sie sieht in Hitze einen "Risikofaktor für Gesundheit der Menschen, die Wirtschaft und die Infrastruktur". Sie warnt allerdings, dass Klimaanlagen nur der letzte Schritt und nicht die einzige Lösung sein können. Denn der Energieaufwand zur Kühlung sei sehr hoch.
Als weitere Maßnahmen nennt die Expertin zum Beispiel mehr Schatten, begrünte oder helle Fassaden, mehr Wasserflächen und Frischluftschneisen in Städten. Sie sorgen dafür, dass Gebäude oder ganze Stadtviertel sich gar nicht erst so stark aufheizen.
Kälteversorgung ist politische Aufgabe
Viele solcher städtebaulichen Maßnahmen sind Aufgabe der Kommunalpolitik. Viele Kommunen in Baden-Württemberg haben auch bereits Hitzeaktionspläne erstellt. Ein aktueller Gesetzesentwurf zur Änderung des Wärmeplanungsgesetzes sieht zudem vor, dass Kommunen mit mehr als 45.000 Einwohnenden in Zukunft Kältepläne erstellen müssen, um die Menschen ausreichend mit Kälte zu versorgen.
Werden solche Maßnahmen nicht eingeplant, führt das laut Lamia Messari-Becker dazu, "dass wir viel zu viele Klimaanlagen nutzen werden, die extrem viel Energie brauchen werden".
Klimaanlagen werden also durch die Erderwärmung an einigen Stellen notwendig sein. Sie sollten aber nicht die einzige Lösung sein, um Hitze aus unseren Gebäuden fernzuhalten.