Karla ist zehn Jahre alt, kommt aus Franken und geht in die vierte Klasse. Am Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum HIT des Uniklinikums wird sie behandelt, weil sie einen Hirntumor hat - genauer gesagt hatte. Im Mai ist der Tumor bei einer Operation entfernt worden, doch damit möglichst keine Krebszellen zurückbleiben, kommt Atomphysik zum Einsatz. Statt wie bei der herkömmlichen Bestrahlung werden die Tumoren nicht mit Röntgenstrahlen, also mit Lichtteilchen, sondern mit hochbeschleunigten, geladenen Atomteilchen bekämpft.
Die Bestrahlung mit Ionen hat zwei Vorteile: Sie ist sehr viel präziser und wirkungsvoller. Man braucht außerdem nur eine kleine Dosis, um eine große Wirkung zu erreichen.
Ionenstrahlung wird eingesetzt, wenn ein Tumor auf die übliche Bestrahlung nicht gut reagiert, also resistent ist. Aber auch wenn das Geschwür sehr tief oder dicht an empfindlichen Organen liegt, zum Beispiel am Hirnstamm, Sehnerv oder Rückenmark. Denn Ionenstrahlen können präzise geleitet werden, so dass sie deutlich weniger Schaden an benachbartem Gewebe anrichten als herkömmliche Bestrahlung.
Karlas Hirntumor war etwa so groß wie eine 2- Euro-Münze, als er entdeckt wurde. Da hatte sie schon monatelang Kopfschmerzen und ihren ersten Krampfanfall. Für ihre Eltern war schnell klar: Nach der Entfernung des Tumors sollte ihre Tochter am HIT behandelt werden, um mögliche Folgeschäden so gering wie möglich zu halten. Sechs Wochen lang muss die Zehnjährige täglich ins HIT kommen. Eine Woche hat sie schon hinter sich:
Ich bin das jetzt schon ein bisschen gewöhnt. Da sind komische Geräusche, die haben mich am Anfang etwas verwirrt, aber inzwischen ist es normal.
HIT ist eine gigantische Anlage
Die Patientinnen und Patienten im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum ahnen kaum, wie riesig das Innenleben der Therapieanlage ist: Eine Fläche halb so groß wie ein Fußballfeld, verteilt auf drei Stockwerke, zwei davon unterirdisch. In großen Kesseln werden die Atomteilchen geladen und dann in langen Röhren mit über drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit zum Tumor geschickt, wo sie die Krebszellen zerstören. Dabei ist es völlig egal, welche Form der Tumor hat. Ähnlich wie bei einem 3D-Drucker rastern die maßgeschneiderten Strahlenbündel den Tumor millimetergenau ab.
Präzisionsarbeit auf Spitzenniveau
Vergleichbare Einrichtungen gibt es in Deutschland nur noch in Marburg (Hessen). Weltweit sind es derzeit 19 Institute. 2009 war Heidelberg europaweit Vorreiter. Seitdem sind mehr als 10.000 Patientinnen und Patienten im HIT behandelt worden - aus aller Welt und jeden Alters. Das jüngste Kind, das hier behandelt wurde, war elf Monate alt. Jeden Tag werden in Heidelberg rund 70 Menschen mit Ionen bestrahlt, zwölf Stunden am Tag, von Montag bis Samstag.
Das ist eine Spezialtechnik, die in bestimmten Fällen einen Riesenunterschied macht. Leider können wir nicht alle behandeln, für die diese Form der Bestrahlung in Frage kommt.
Die Kosten für eine Behandlung am HIT sind etwa dreimal so hoch wie bei einer konventionellen Strahlentherapie - auch das ist ein Grund, warum nicht alle, die davon profitieren würden, diese Spezialbehandlung auch wirklich erhalten. Man arbeite aber stetig daran, die Akzeptanz bei den Kostenträgern zu steigern, sagt Semi Harrabi. Allerdings könne man gar nicht mehr Patientinnen und Patienten behandeln, dafür fehlten einfach die Kapazitäten. Doch auch daran arbeite das Team.