Eine Mischung aus Show und Ernst

Meinung: Nur Swinger-Club-Schlagzeile oder auch ernste Politik?

Der Mannheimer Stadtrat Julien Ferrat ist ein Medienphänomen. Er macht Schlagzeilen, seine politische Arbeit ist eine Mischung aus Show und Ernst, findet SWR-Redakteur Christian Scharff.

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Von Autor/in Christian Scharff

Ein Hoch auf die Sponti-Kommunalpolitik. Endlich gibt es etwas Unterhaltsames aus den drögen Gemeinderäten zu berichten. In der Region sitzen die Spontanen und bemüht Witzigen in Heidelberg und Mannheim im Gemeinderat.

Der Mannheimer Einzelstadtrat Julien Ferrat ist ein Beispiel, er macht seit Monaten weltweit Schlagzeilen mit seinem Sommer-Swinger-FKK-Feriencamp nach Cap d’Agde, einem bekannten FKK-Swinger-Ressort in Südfrankreich - einschließlich Sex-Trainingscamp und Politik-Programm. Und er erfreut sich riesig an der Resonanz aus aller Welt, aus der Mongolei, Kongo oder China, wo unter anderem in Online-Artikeln darüber berichtet wird.

Julien Ferrat hält das aktuelle Amtsblatt mit seinem Artikel in den Händen.
Julien Ferrat, Stadtrat der Mannheimer Wählervereinigung "Die Mannheimer", hält das Amtsblatt mit seinem Artikel in den Händen. picture alliance/dpa | Uwe Anspach

Das "Spontihafte" in der Politik

Aber was machen die Sponti-Politiker eigentlich, wenn es um die eher beschwerliche Arbeit im Gemeinderat geht? Einige erinnern sich vielleicht noch an das Bierdeckel-Orakel in Heidelberg, mit dem Björn Leuzinger von der Satirepartei "Die Partei" die Abstimmung über den Betriebshof entschied. Als Bierdeckel-Orakel nutzte er den Aufdruck unter dem Kronkorken einer Welde-Bierflasche. Die Entscheidung gegen den Neubau eines Betriebshofs für Busse und Bahnen in Heidelberg gilt heute als kaum bezahlbare Fehlentscheidung. 

Den Gemeinderat lahmlegen  

Eine solche wirksame Gelegenheit sich als Stachel im Fleisch der langweiligen Kommunalpolitik zu präsentieren, hatte Julien Ferrat in Mannheim noch nicht. Bei den Beratungen zum Haushalt 2025/26 versuchte er mit einer Aktion den Gemeinderat lahm zu legen: Er erschien mit einem dicken Aktenordner im Ratssaal, gefüllt mit rund 300 meist gleich lautenden Anträgen. Das Ziel ganz offensichtlich: Die bisweilen schwerfälligen Abläufe im Gemeinderat bloßzustellen. 

Demokratische Spielregeln gezielt genutzt

Dass Ferrat in der vorherigen Wahlperiode im Jahr 2017 mit einem Rap-Schmähvideo ziemlich unter der Gürtellinie gegen den damaligen Oberbürgermeister Peter Kurz Schlagzeilen machte, passt ins Konzept. Und dass er seinen Aufruf zum Swinger- und FKK-Bildungsreise nach Frankreich als "politische Bildungsfahrt" so geschickt formulierte, dass selbst das Amtsblatt der Stadt Mannheim nicht um einen Abdruck herum kam, zeigt, wie gezielt er die Spielregeln der Demokratie für einen öffentlichkeitswirksamen Aufschlag nutzt.  

Beim Uniklinikum demonstrativ enthalten

Überhaupt stimmt Ferrat des Öfteren dagegen oder enthält sich demonstrativ, wie bei der jüngsten Abstimmung über die Übergabe des Mannheimer Uniklinikums an das Land, meist verbunden mit einem Wort über das Versagen des Gemeinderats. 

Dabei mischen sich ernsthafte Ansätze und Blödsinn: Ferrat zum Beispiel kritisierte im Rahmen einer Haushaltsrede den Gemeinderat 2018 als "faul und ideenlos". Das Nationaltheater bezeichnete er als Fass ohne Boden, mit dieser Einschätzung steht er heute nicht mehr allein. Auch die Anfrage zu der komplett aus dem Ruder gelaufenen Polizeikontrolle auf der Kurpfalzbrücke in Mannheim in diesem Jahr gehören zu seinen Aktionen. 

Sein Antrag aus dem Jahr 2017, den Bau einer Mensa und einer Turnhalle für zwei Schulen umgehend zu beginnen, ist auch als ernsthaft gemeintes Anliegen dokumentiert. 

Nacktfoto geistert durch die Welt

Doch das ist Jahre her. Jetzt ist in erster Linie Nacktheit sein Zugpferd oder die schlüpfrige Vorstellung, wie Stadträte und ihre Freunde sich in einem Swinger-FKK-Urlaub vergnügen: Um gegen den Haushalt zu demonstrieren, ließ sich Ferrat fast vollständig nackt ablichten – nur ein Schild mit der Aufschrift "Nein zum Haushalt" verdeckte ihn. Das Foto geistert heute noch um die Welt. 

Es gibt zweifellos eine große Fan-Gemeinde für solche Sponti-Aktionen, weil die Prozesse in der Kommunalpolitik so zäh erscheinen. Da sind solche Ausreißer wie Ferrat plötzlich als Systembrecher willkommen. Die langweilige Arbeit in Gemeinderäten ist für einige nur noch einen Lacher wert oder ist noch mehr Menschen weitgehend unbekannt. Und weltweit funktioniert die Ferrat-Methode auch, weil skurrile Geschichten immer ziehen.

Erfolgreiche Selbstdarsteller im Lokalen

Ferrat nutzt Haushaltsreden und Anträge als Plattform – mit provokanten Aktionen, aber auch mit konkreten, sachlichen Vorschlägen. Und auch Björn Leuzinger in Heidelberg ist nicht nur Sponti, will in der Diskussion in Bezirksbeiräten immer ernst genommen werden. 

Figuren wie Julien Ferrat sind aber zuerst Selbstdarsteller, mit denen normal engagierte Gemeinderäte bestenfalls mit einer guten Portion Humor fertig werden können. Die Politik muss sich indes auch fragen, warum Ferrat und Co. immer wieder tausende Stimmen bei Kommunalwahlen bekommen, künftig vielleicht noch mehr.

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Christian Scharff
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