Seit 1950 gab es am höchsten Berg im Odenwald, dem Katzenbuckel bei Waldbrunn (Neckar-Odenwald-Kreis), eine Skisprungschanze. Hier trainierte die Elite der süddeutschen Skispringer-Jugend, seit 1995 sogar auf einer Mattenschanze, die Sprünge auch im Sommer möglich machte. Sie wird jetzt teilweise abgerissen. Damit endet eine Ära.
Wenn Peter Schilla in diesen Tagen an der Skisprungschanze unterwegs ist, blutet ihm das Herz. Der 80-Jährige ist seit den 1950er Jahren Mitglied der "Skizunft Eberbach". Er kennt an der Schanze jeden Stein, jeden Grashalm. Er erinnert sich an vergangene Jahrzehnte, als die Schanze einen großen Namen hatte in der Wintersport-Szene und der Katzenbuckel bei Waldbrunn ein fester Begriff war in Skispringer-Kreisen. Unter der Woche trainierten fast täglich junge Nachwuchs-Springer am Katzenbuckel, an Wochenenden gab es Wettkämpfe und Wertungsspringen.
Volksfest-Atmosphäre an der Katzenbuckel-Schanze
In der Gaffsteinhütte neben der Schanze gab es Kaffee, Bier, Brot und heiße Würstchen für das sportbegeisterte Publikum. In einer Holzhütte überwachten strenge Kampfrichter das Sprung-Geschehen. "Hier oben war immer jede Menge Betrieb", erinnert sich Schilla.
Vom Skisprung-Hotspot zum Lost Place im Odenwald
"Hier oben", das ist das Gelände der Skisprungschanze: der Turm aus Stahl, zwischen Bäumen und der steile Hang hinunter. Der Turm steht noch, das Holzpodest auf seiner Spitze ist schon demontiert. Die Schanze selbst ist zum Großteil auseinandergenommen, die Matten herausgerissen und das morsche Holz darunter entfernt. Unten im Tal, wo die Skispringer früher landeten, liegt ein großer Haufen Schutt und Mattenreste, dahinter dichtes Brombeergestrüpp, Büsche und Reste eines wackligen Holzzauns. Aus dem einst pulsierenden Zentrum der Skispringer-Nachwuchs-Förderung ist ein Lost Place geworden.
Bei der Einweihung der ersten Schanze 1950 waren über 1.000 Menschen da!
Die Anlage hatte weit über die Region hinaus große Bedeutung: Bei der Einweihung war die nordkoreanische Jugendnationalmannschaft der Skispringer dabei. Später trainierte mit Takanori Kono ein japanischer Weltklasse-Athlet die Jugendlichen am Katzenbuckel. Kono ist als Olympia-Sieger und Weltmeister der Nordischen Kombinierer bis heute in seinem Heimatland berühmt.
Kai Bracht: Vom Katzenbuckel-Junior zum Bundestrainer
Noch ein berühmter Name: Kai Bracht. Geboren in Eberbach (Rhein-Neckar-Kreis), machte er erste Sprungversuche am Katzenbuckel und gewann dort bald Wettkämpfe. 1996 wurde er Juniorenweltmeister, gewann später Gold, Silber und Bronze bei Deutschen Meisterschaften. Inzwischen ist er Bundestrainer der Nordischen Kombinierer.
Immer wieder wurde die Schanze aus- und umgebaut, verlängert und um kleinere Schanzen für die jüngsten Skispringer erweitert. 1995 wurde sie zur modernen Mattenschanze, so konnte auch ohne Schnee und im Frühjahr und Sommer trainiert werden.
Jetzt steigt Peter Schilla über die auf dem Abhang verstreuten schmutzigen Mattenreste, über herausgerissene Holzlatten. "Ich bin auch mal da runtergesprungen", sagt Schilla mit Blick auf die Reste der Schanze, "einmal - und nie wieder!", erinnert er sich lachend. Skispringen war nicht seins. An der Anlage kümmerten er und seine Vereinskollegen der Skizunft Eberbach sich um das ganze Drumherum.
Turm bleibt "als Denkmal" stehen
Jetzt sind die Vereinsmitglieder alt geworden, die Anlage ist marode, der Verein hat sich verkleinert und der Nachwuchs fehlt. Kinder und Jugendliche interessieren sich nicht mehr für Wintersport, und schon gar nicht mehr fürs Skispringen, sagt Schilla. "Es gibt ja keine Winter mehr, die Kinder kommen gar nicht auf die Idee." Auch beim Abriss der Schanze ist das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder gefragt, und das Geld der Skizunft. Weil auch das knapp ist, wird das massive Stahlgerüst oben am Hang stehenbleiben. "Da besteht keine Gefahr, das hält länger als der Eiffelturm in Paris", so Schilla. "Wir lassen den Turm stehen, als Denkmal." Als Erinnerung an die großen Jahrzehnte des Skispringens am Katzenbuckel.