Ende einer Ära

Skisprungschanze am Odenwälder Katzenbuckel wird teilweise abgerissen

75 Jahre lang traf sich am höchsten Berg im Odenwald der süddeutsche Skispringer-Nachwuchs. Doch schon lange war es still geworden an der Sprungschanze. Jetzt wird sie abgerissen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Friederike Kroitzsch

Seit 1950 gab es am höchsten Berg im Odenwald, dem Katzenbuckel bei Waldbrunn (Neckar-Odenwald-Kreis), eine Skisprungschanze. Hier trainierte die Elite der süddeutschen Skispringer-Jugend, seit 1995 sogar auf einer Mattenschanze, die Sprünge auch im Sommer möglich machte. Sie wird jetzt teilweise abgerissen. Damit endet eine Ära.

Skisprungschanze Katzenbuckel
Springergruppe vor der 1995 eingeweihten Mattenschanze am Katzenbuckel

Wenn Peter Schilla in diesen Tagen an der Skisprungschanze unterwegs ist, blutet ihm das Herz. Der 80-Jährige ist seit den 1950er Jahren Mitglied der "Skizunft Eberbach". Er kennt an der Schanze jeden Stein, jeden Grashalm. Er erinnert sich an vergangene Jahrzehnte, als die Schanze einen großen Namen hatte in der Wintersport-Szene und der Katzenbuckel bei Waldbrunn ein fester Begriff war in Skispringer-Kreisen. Unter der Woche trainierten fast täglich junge Nachwuchs-Springer am Katzenbuckel, an Wochenenden gab es Wettkämpfe und Wertungsspringen.

Volksfest-Atmosphäre an der Katzenbuckel-Schanze

In der Gaffsteinhütte neben der Schanze gab es Kaffee, Bier, Brot und heiße Würstchen für das sportbegeisterte Publikum. In einer Holzhütte überwachten strenge Kampfrichter das Sprung-Geschehen. "Hier oben war immer jede Menge Betrieb", erinnert sich Schilla.

Skisprungschanze Katzenbuckel
Schutt und Mattenreste liegen am Hang der früheren Skisprungschanze.

Vom Skisprung-Hotspot zum Lost Place im Odenwald

"Hier oben", das ist das Gelände der Skisprungschanze: der Turm aus Stahl, zwischen Bäumen und der steile Hang hinunter. Der Turm steht noch, das Holzpodest auf seiner Spitze ist schon demontiert. Die Schanze selbst ist zum Großteil auseinandergenommen, die Matten herausgerissen und das morsche Holz darunter entfernt. Unten im Tal, wo die Skispringer früher landeten, liegt ein großer Haufen Schutt und Mattenreste, dahinter dichtes Brombeergestrüpp, Büsche und Reste eines wackligen Holzzauns. Aus dem einst pulsierenden Zentrum der Skispringer-Nachwuchs-Förderung ist ein Lost Place geworden.

Skisprungschanze Katzenbuckel
Vom früheren Wintersport-Hotspot ist nicht mehr viel übrig.

Bei der Einweihung der ersten Schanze 1950 waren über 1.000 Menschen da!

Die Anlage hatte weit über die Region hinaus große Bedeutung: Bei der Einweihung war die nordkoreanische Jugendnationalmannschaft der Skispringer dabei. Später trainierte mit Takanori Kono ein japanischer Weltklasse-Athlet die Jugendlichen am Katzenbuckel. Kono ist als Olympia-Sieger und Weltmeister der Nordischen Kombinierer bis heute in seinem Heimatland berühmt.

Kai Bracht: Vom Katzenbuckel-Junior zum Bundestrainer

Noch ein berühmter Name: Kai Bracht. Geboren in Eberbach (Rhein-Neckar-Kreis), machte er erste Sprungversuche am Katzenbuckel und gewann dort bald Wettkämpfe. 1996 wurde er Juniorenweltmeister, gewann später Gold, Silber und Bronze bei Deutschen Meisterschaften. Inzwischen ist er Bundestrainer der Nordischen Kombinierer.

Immer wieder wurde die Schanze aus- und umgebaut, verlängert und um kleinere Schanzen für die jüngsten Skispringer erweitert. 1995 wurde sie zur modernen Mattenschanze, so konnte auch ohne Schnee und im Frühjahr und Sommer trainiert werden.

Jetzt steigt Peter Schilla über die auf dem Abhang verstreuten schmutzigen Mattenreste, über herausgerissene Holzlatten. "Ich bin auch mal da runtergesprungen", sagt Schilla mit Blick auf die Reste der Schanze, "einmal - und nie wieder!", erinnert er sich lachend. Skispringen war nicht seins. An der Anlage kümmerten er und seine Vereinskollegen der Skizunft Eberbach sich um das ganze Drumherum.

Skisprungschanze Katzenbuckel
Der Blick von der Schanze auf dem Odenwälder Katzenbuckel.

Turm bleibt "als Denkmal" stehen

Jetzt sind die Vereinsmitglieder alt geworden, die Anlage ist marode, der Verein hat sich verkleinert und der Nachwuchs fehlt. Kinder und Jugendliche interessieren sich nicht mehr für Wintersport, und schon gar nicht mehr fürs Skispringen, sagt Schilla. "Es gibt ja keine Winter mehr, die Kinder kommen gar nicht auf die Idee." Auch beim Abriss der Schanze ist das ehrenamtliche Engagement der Vereinsmitglieder gefragt, und das Geld der Skizunft. Weil auch das knapp ist, wird das massive Stahlgerüst oben am Hang stehenbleiben. "Da besteht keine Gefahr, das hält länger als der Eiffelturm in Paris", so Schilla. "Wir lassen den Turm stehen, als Denkmal." Als Erinnerung an die großen Jahrzehnte des Skispringens am Katzenbuckel.

Oberwiesenthal

Ehemaliger Skispringer | 4.1.2026 Jens Weißflog: Skisprung-Legende über die Entwicklungen im Wintersport

Dreimal Olympia-Gold, dreimal Weltmeister, viermal Sieger der Vierschanzen-Tournee – viel mehr geht nicht im Skispringen. Das ist die verkürzte Erfolgsbilanz von Jens Weißflog.

Leute der Woche SWR1 Baden-Württemberg

Titisee-Neustadt

Ausreichend Schnee vorhanden Titisee-Neustadt: So wird die Schanze für den Skisprung-Weltcup vorbereitet

Wieder abheben und Meter machen - Kunstschnee macht es möglich: Die Weltelite im Skispringen trifft sich Mitte Dezember wieder in Titisee-Neustadt - nach zwei Jahren Ausfall.

SWR4 am Dienstag SWR4

Hinterzarten

Virtuelle Realität in Hinterzarten Skispringen mit VR-Brille: Wie die Profis von der Adlerschanze

Im Skimuseum Hinterzarten kann man mit einer VR-Brille einen Sprung von der Schanze imitieren. Die Simulation ist nichts für schwache Nerven.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Friederike Kroitzsch
Friederike Kroitzsch

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!