Radikalisierung erfolgt in sozialen Medien

In BW gibt es immer mehr rechtsextreme Jugendgruppen

Die rechtsextreme Szene erhält in Deutschland Zuwachs - auch in Baden-Württemberg. Laut BW-Verfassungsschutz vernetzen sich rechtsextreme Gruppierungen vor allem im digitalen Raum.

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Stand

Sie geben sich Namen wie "Unitas Germanica", "Zollern-Jugend Aktiv" oder "Störtrupp Süd": In Deutschland sprießen immer mehr jugendliche rechtsextremistische Gruppierungen aus dem Boden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vernetzen und radikalisieren sich dabei zunächst oft in sozialen Medien, wie der baden-württembergische Verfassungsschutz mitteilte.

Zuwachs insbesondere seit Sommer 2024

Die Zusammenschlüsse könnten großteils als neonazistisch eingestuft werden. "Grundsätzlich hat die rechtsextremistische Agitation im virtuellen Raum, sowohl bundesweit als auch in Baden-Württemberg, in den letzten Jahren deutlich zugenommen, insbesondere seit dem Sommer 2024", schrieben die Verfassungsschützer. Neben Demonstrationen und Kundgebungen würden die rechtsextremen Gruppen auch gemeinsame Wanderungen oder Kampfsporttrainings veranstalten. Die Sicherheitsbehörden schätzen das Gewaltpotenzial der jungen Rechtsextremisten als hoch ein.

Rechtsextremismusforscher: Provokation und Rebellion im Vordergrund

Es gehe meist um Rebellion, sagte Rolf Frankenberger, wissenschaftlicher Geschäftsführer beim Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen, der Deutschen Presse-Agentur. "Ohne es verharmlosen zu wollen, aber wenn ich die Erwachsenen provozieren will, bin ich heute rechts". Damit stellten sich Jugendliche klar gegen grüne und linke, aber auch konservative Weltanschauungen.

Zudem würden rechtsextreme Gruppierungen mit Narrativen wie Identität, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Stärke werben. Junge Menschen seien immer auf der Suche. Und: Junge Männer seien dafür anfälliger als junge Frauen. Auch die angespannte Weltlage spiele eine Rolle: "Krisen verunsichern", sagte Frankenberger. Die soziale Schicht oder bestimmte Charaktereigenschaften seien mit Blick auf die Anfälligkeit für solche Ideologien gar nicht so wichtig. Viele Jugendliche seien vor ihrer Radikalisierung in Umfeld und Freundeskreis gut integriert gewesen.     

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Innenminister BW: LGBTQ-Hass ist "Türöffner" zu rechtsextremen Gruppen

Feindbilder sind etwa Menschen muslimischen Glaubens, Ausländer oder Personen aus dem linken politischen Spektrum. Besonders der Kampf gegen die LGBTQ-Community sei "eine Art Türöffner", um sich der rechtsextremistischen Szene zuzuwenden, schreibt der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) in einer Antwort auf eine Anfrage der SPD-Fraktion. Immer wieder riefen sie zu Störaktionen und Gegendemonstrationen zu Veranstaltungen im Kontext des Christopher Street Day (CSD) auf. Erst am vergangenen Wochenende zeigten sich Anhänger auf den Straßen Pforzheims als Gegenveranstaltung zum CSD. Motto der Veranstalter vom "Störtrupp Süd": "Für traditionelle Werte und gegen Frühsexualisierung unserer Kinder."

Rechtsextreme Gruppierungen vor allem im ländlichen Raum

Die rechtsextremistischen Gruppierungen sind laut Verfassungsschutz in ganz Baden-Württemberg und zum Teil bundesweit aktiv. Es könnten keine bestimmten Regionen oder Landkreise hervorgehoben werden. "Momentan sehen wir schon, dass es eher kein Phänomen der Städte, sondern mehr der Gebiete drumherum ist", sagt Experte Frankenberger. Im ländlichen Raum würden rechtsextreme Gruppierungen immer sichtbarer werden. Besonders im Nordschwarzwald, auf der Schwäbischen Alb, im Gebiet des Schwäbischen Walds und in der Region Schwarzwald-Baar steige die Zahl an Gruppierungen an. 

Neben der Vernetzung im Internet laden die Gruppen etwa zu gemeinsamen Wanderungen und zu Kampfsport ein. Im Februar 2025 fand eine Fackelmahnwache in Pforzheim statt, an der sich mehrere Gruppen beteiligten, im März 2025 eine gemeinsame Wanderung in Nagold im Kreis Calw. Veranstaltungen seien ein Schlüssel bei der Rekrutierung, sagte der Tübinger Forscher Frankenberger. "Das gibt dem Ganzen so einen Eventcharakter". Auch über Musik ließen sich junge Menschen erreichen.

Gewaltpotenzial laut Sicherheitsexperten hoch 

Rechtsextreme Gruppierungen würden dabei gezielt darauf setzen, die Jugendlichen von ihrem bisherigen Umfeld zu isolieren, sagt Frankenberger. Je tiefer man in die Szene eintauche, desto offener würden dann die eigentlichen Ansichten der Gruppierungen offengelegt. "Die kommen natürlich nicht gleich am Anfang mit Hakenkreuz und Remigration um die Ecke."

Die Sicherheitsbehörden schätzen das Gewaltpotenzial der jungen Rechtsextremisten als hoch ein. Ein Teil der Aktivisten betreibe Kampfsport, einige Gruppen veranstalteten regelmäßige Kampfsporttrainings. "Kampfsport wird dort unter anderem trainiert, um für körperliche Auseinandersetzungen und größere Gewalttaten gewappnet zu sei", erklärten die Verfassungsschützer.  "So wird die Notwendigkeit von Kampfsport beispielsweise mit einer ständigen Gefahr körperlicher Angriffe durch gewaltorientierte Linksextremisten und durch Menschen mit Migrationshintergrund begründet", hieß es weiter. Außerdem würden Gruppen auch an Veranstaltungen des politischen Gegners teilnehmen, um "hierdurch eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung zu demonstrieren". 

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Julia Kunert