Autoindustrie verlagert Produktion

Krise in Deutschland, Aufbruch in Ungarn: Mercedes feiert Werkserweiterung

Mercedes nimmt den ausgebauten Standort Kecskemét in Betrieb - dort wird ab sofort die elektrische C-Klasse gebaut. Mercedes-Benz betreibt damit das größte Autowerk in Ungarn.

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Von Autor/in Julian Gräfe, Tina Fuchs, Geli Hensolt

Mercedes-Chef Ola Källenius nannte bei der Eröffnung das Werk im ungarischen Kecskemét einen "Schlüsselstandort". Der weltweite Wettbewerb werde immer härter. Und das sowohl in technologischer Hinsicht als auch in Bezug auf Kosten, Geschwindigkeit und Qualität, sagte Källenius. Fabriken wie die in Kecskemét seien ein Wettbewerbsvorteil und ein kraftvoller Beweis, dass höchste Qualität und höchste Kosteneffizienz miteinander einhergehen können. Die Fabrikkosten setzten Maßstäbe in Europa.

Ungarns Ministerpräsident Péter Magyar würdigte das Mercedes-Benz-Werk als starkes Symbol für die deutsch-ungarische Zusammenarbeit. Es stehe für gemeinsames Wissen, gemeinsame Leistung und gemeinsame Verantwortung.

Für Mercedes mehr als nur eine Werks-Erweiterung

Die Erweiterung des Werks und die Produktion der elektrischen C-Klasse ist mehr als ein Modellwechsel: Der Konzern wertet damit das Werk weiter auf - während in Deutschland von Krise, Kostendruck und Stellenabbau die Rede ist.

Schon im vergangenen Jahr hatte Mercedes-Benz entschieden, die Kapazitäten in Kecskemét deutlich zu erhöhen. Künftig sollen dort 300.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen - etwa doppelt so viele wie bisher. Bislang produzierte der Konzern in Ungarn vor allem günstigere Kompaktmodelle wie die A‑Klasse. Mit der C‑Klasse steigt das Werk in eine höhere Fahrzeugklasse ein.

Recherchen der Branchenzeitschrift "Automobilwoche" gehen noch weiter: Ab 2027 soll auch die kommende kleine G‑Klasse, ein wichtiges SUV‑Modell, in Kecskemét gebaut werden. Mercedes hat diese Pläne bislang nicht bestätigt, doch der Ausbau des Werks und die Verlagerung eines Kernmodells zeichnen ein klares Bild: Ungarn gewinnt für den Konzern an Bedeutung.

Werk Kecskemét: Ausbau, Modelle und Signalwirkung

Der Ausbau des Werks in Kecskemét ist auch ein Signal an die Belegschaften in Deutschland. In einem Schreiben des Vorstands erfuhren die Beschäftigten zuletzt sehr deutlich formuliert, wie das Management die Lage einschätzt: Jede Vergabe neuer Produkte und jede zusätzliche Aufgabe an deutsche Standorte verschlechtere die relative Kostenposition von Mercedes.

Die Konsequenz: Investitionen und neue Modelle gehen verstärkt in Länder mit niedrigeren Produktionskosten. Während deutsche Werke um neue Aufträge kämpfen und Personalabbau droht, herrscht in Ungarn Aufbruchstimmung. Der Produktionsstart der elektrischen C‑Klasse steht damit exemplarisch für den Standortwettbewerb innerhalb Europas.

Produktion von Mercedes Autos der Blick auf das Montageband.
Mercedes-Benz baut die elektrische C-Klasse im erweiterten Werk in Ungarn. picture alliance/dpa/Mercedes-Benz Ag - Global Commun

Für Mercedes ist Kecskemét zudem strategisch günstig gelegen: Das Werk liegt näher an wichtigen Zulieferern in Osteuropa und kann von bestehenden Strukturen in der Region profitieren. Gleichzeitig zeigt der Konzern mit der Verlagerung eines höherklassigen Modells, dass Standorte außerhalb Deutschlands nicht nur für Einstiegsmodelle infrage kommen, sondern zunehmend auch für zentrale Baureihen.

Niedrige Löhne und längere Arbeitszeiten als Standortvorteil

Ein zentraler Grund für den Ausbau in Ungarn sind die deutlich niedrigeren Lohnkosten. Nach Angaben der Außenwirtschaftsagentur des Bundes, Germany Trade & Invest, liegt der durchschnittliche Lohn im verarbeitenden Gewerbe in Ungarn bei unter 2.000 Euro pro Monat. In Deutschland ist dieser Wert etwa drei Mal so hoch.

Hinzu kommt: In Ungarn werden laut internationalen Statistiken im Schnitt mehr Arbeitsstunden geleistet als in Deutschland. Organisationen wie die OECD und Eurostat melden zudem geringere Fehlzeiten in ungarischen Betrieben. Für einen global agierenden Konzern wie Mercedes zählt am Ende die Summe aus Lohnniveau, Arbeitszeit und Produktivität - und hier schneidet Ungarn im Vergleich derzeit besser ab.

Aus Sicht des Unternehmens bedeutet das: Neue Modelle lassen sich dort mit geringeren Kosten produzieren. Wenn gleichzeitig die Nachfrage nach Fahrzeugen unter Druck steht und hohe Investitionen in Elektromobilität notwendig sind, gewinnt jeder eingesparte Euro an Bedeutung.

Ungarn als Auto- und Batterie-Standort

Ungarn ist seit den 1990er‑Jahren gezielt zu einem Zentrum der Autoindustrie aufgebaut worden. Bereits 1993 eröffnete Audi in Győr ein Motorenwerk. Nach und nach folgten weitere große Hersteller sowie Zulieferer wie Schaeffler, Mahle, ZF und Bosch, die Teile ihrer Produktion nach Ungarn verlagerten.

In jüngerer Zeit kamen Batteriehersteller hinzu: Der chinesische Produzent CATL baut dort Kapazitäten auf, noch im laufenden Jahr will auch der chinesische Auto- und Batteriehersteller BYD einen Standort in Ungarn eröffnen. Damit entsteht ein Cluster aus Fahrzeugbau und Batteriefertigung, von dem Mercedes direkt profitiert.

Deutschland hingegen kämpft derzeit mit einer schwächeren Industriekonjunktur, hohen Energiepreisen und stark gestiegenen Löhnen. Die Einschätzung vieler Branchenbeobachter: Ungarn boomt, Deutschland schwächelt. Dass Mercedes ausgerechnet jetzt die Produktion in Kecskemét massiv ausbaut und ein Kernmodell dorthin verlagert, passt in dieses Bild.

Für die Zukunft der Autoindustrie in Deutschland stellt sich damit eine zentrale Frage: Gelingt es, die Standortkosten und Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass neue elektrische Modelle weiterhin in großem Umfang hierzulande produziert werden - oder wandern weitere Teile der Wertschöpfung ins Ausland ab?

Studie: "In Europa gibt es 35 Autofabriken zu viel"

Einer Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group zufolge sind viele Werke europäischer Autohersteller nur zu fast 60 Prozent ausgelastet - erstrebenswert sei aber eine Auslastung von 80 Prozent. Die Folge: Von etwa 90 Standorten innerhalb Europas seien etwa 35 überflüssig, mindestens zwölf sind der Einschätzung der Boston Consulting Group zufolge akut in Gefahr.

Beim Autobauer Volkswagen steht das Szenario von Werksschließungen bereits konkret im Raum: Ende Juni gab es erste Medienberichte, nach denen die Konzernstandorte Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm (Kreis Heilbronn) auf der Kippe stehen. Ein Stellenabbau von 100.000 oder gar mehr könnte damit verbunden sein. Auch wenn VW-Vorstand Oliver Blume Werksschließungen vermeiden will und von "intelligenteren Lösungen" spricht.

Alternative Nutzung von Auto-Fabriken in Zukunft?

Unterdessen wird auch erwogen, bisherige Auto-Standorte an andere Unternehmen zu übergeben. Dies könnten Autohersteller aus China sein, die ihre Kapazitäten in Deutschland und Europa in Zukunft voraussichtlich ausbauen werden - unter anderem, um EU-Zöllen zu entgehen, die sie bei Importen derzeit zahlen müssen.

Denkbar ist aber auch, dass etwa die Rüstungsindustrie Fabriken der Autobauer übernehmen könnte: Zwischen VW und dem staatlichen israelischen Rüstungskonzern Rafael - Hersteller des Raketenabwehrsystems Iron Dome - soll es Gespräche über das Werk Osnabrück geben. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters Ende April unter Berufung auf Insider. Mercedes soll laut Medienberichten mit dem deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS im Gespräch sein über das Werk in Ludwigsfelde in Brandenburg mit etwa 2.000 Mitarbeitenden. Beide Unternehmen schweigen zu dem Thema.

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Julian Gräfe
Tina Fuchs
Geli Hensolt
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Andreas Reinhardt
Bild von Wirtschaftsredakteur Andreas Reinhardt
Jutta Kaiser
Bild von Jutta Kaiser aus der SWR-Wirtschaftsredaktion.

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