Einen so wichtigen Termin gab es bei Volkswagen (VW) lange nicht: Am Nachmittag des 9. Juli hat der Aufsichtsrat über mögliche Einschnitte im Konzern beraten. Die erhoffte Klarheit nach dem Termin ist allerdings ausgeblieben. Konkrete Beschlüsse hat VW bisher zu Stellenabbau und Werksschließungen nicht bekannt gegeben und auch nicht bestätigt, wovon in Medienberichten die Rede ist:
Dass das Unternehmen 100.000 - oder gar bis zu 120.000 Stellen - streichen und vier Werke schließen könnte - unter anderem das Audi-Werk in Neckarsulm. Zuerst hatte das "Manager Magazin" über die Pläne berichtet. Ein Sprecher von VW räumte vorab nur ein: "Wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen." Nach dem Termin gab es zwar Zitate von Konzern-Chef Oliver Blume und Finanzvorstand Arno Antlitz - allerdings keine konkreten Aussagen zu Standorten und Jobabbau.
Bekannt war bisher, dass 50.000 Stellen bis zum Jahr 2030 wegfallen sollen. Das hatte das Unternehmen im Geschäftsbericht bekräftigt.
- Worum ging es bei der Aufsichtsratssitzung?
- Wie steht es um Volkswagen?
- Warum hat die deutsche Autoindustrie so große Probleme?
- Wie reagieren die Arbeitnehmer?
- Was würden solche Pläne für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bedeuten?
- Könnten chinesische Hersteller deutsche Werke übernehmen?
Worum ging es bei der Aufsichtsratssitzung?
Der Konzernvorstand habe dem Aufsichtsrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit 12 Initiativen und das Zielbild 2030 vorgestellt, teilte der Konzern am späten Abend nach der Sitzung mit. So solle die Modellpalette schrittweise um bis zu 50 Prozent gestrafft werden und die Anzahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent sinken.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), der dem VW-Aufsichtsrat angehört, sagte: Tatsächlich sei die Frage, wann Entscheidungen getroffen werden, noch unklar. Betriebsratschefin Daniela Cavallo zeigte sich nach der Sitzung erbost. Sie forderte Blume auf, im Laufe des heutigen Freitags der Belegschaft gegenüber Stellung zu beziehen und sich unmissverständlich zu den Gerüchten über die angeblichen Vorstandspläne zu äußern.
Diskussion um Sparpläne bei VW Özdemir: Audi-Schließung in Neckarsulm wäre "fatales Signal"
BW-Ministerpräsident Özdemir will die Schließung des Audi-Werks in Neckarsulm verhindern. Der Mutterkonzern VW diskutiert derzeit über Sparpläne.
Wie steht es um Volkswagen?
Bei Volkswagen läuft es schlecht: Der Gewinn des Konzerns ist 2025 um knapp die Hälfte eingebrochen. Bei der VW-Tochter Porsche ist der Gewinn 2025 um mehr als 90 Prozent eingebrochen, Porsche hatte weltweit zehn Prozent weniger Fahrzeuge ausgeliefert als im Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2026 sanken die Verkäufe weiter - um 16 Prozent. In China, lange Porsches wichtigster Markt, verkaufte das Unternehmen 32 Prozent weniger Fahrzeuge.
Bei Audi ist die Situation nicht ganz so dramatisch. Das Werk in Neckarsulm steht potenziell trotzdem auf der Streichliste, weil es nicht genügend ausgelastet ist. Offenbar gibt es Überlegungen, die Produktion in Neckarsulm einzustellen, wenn die dort produzierten Modelle A5 und A6 auslaufen.
Warum hat die deutsche Autoindustrie so große Probleme?
Die Probleme sind nicht VW-spezifisch, sondern treffen die gesamte deutsche Autoindustrie. Beim Stuttgarter Konkurrenten Mercedes war der Gewinn 2025 um die Hälfte eingebrochen. Mercedes will Sparen, in dem Mitarbeiter in Zukunft 40 Stunden statt 35 Stunden arbeiten - bei gleichem Gehalt. BMW hat zuletzt seine Gewinnprognose für das laufende Jahr gekappt und geht auf Sparkurs.
Die deutschen Autobauer haben vor allem ein Problem: China. In China braucht es laut SWR-Recherche rund ein bis zwei Jahre, um ein Fahrzeug zu entwickeln, die Arbeitskosten pro Fahrzeug liegen bei 515 Euro. In Europa dauert es drei bis vier Jahre bis zur Marktreife, die Kosten liegen bei 2.900 Euro.
Wie reagieren die Arbeitnehmer?
Die Gewerkschaft IG Metall und die Betriebsräte hatten begleitend zur Aufsichtsratssitzung zu Aktionen aufgerufen. Vor dem Audi-Werkstor in Neckarsulm kamen Vertreter des Betriebsrats und Beschäftigte zu einer Kundgebung zusammen. In Stuttgart hatte die IG Metall Beschäftigte aus der ganzen Autobranche zu einem Autokorso eingeladen.
Was würden solche Pläne für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bedeuten?
In Baden-Württemberg geht es bei den Sparplänen um das Audi-Werk in Neckarsulm, in dem derzeit 15.000 Menschen arbeiten. An den Porsche-Standorten in Zuffenhausen und Weissach könnten mehr Stellen abgebaut werden als bisher angekündigt.
In Rheinland-Pfalz spielt die Automobilindustrie eine kleinere Rolle als in Baden-Württemberg. Insgesamt zählt der Verband der Automobilindustrie (VDA) 52 Betriebe mit knapp 21.000 Beschäftigten dort.
Könnten chinesische Hersteller deutsche Werke übernehmen?
Das ist nicht ausgeschlossen - auch weil chinesische Hersteller so Zölle umgehen würden, die sie derzeit zahlen müssen, wenn sie Autos nach Europa importieren. Der China-Experte Professor Sebastian Heilmann von der Universität Trier sagt, er halte dieses Szenario für realistisch - zwar nicht kurzfristig, aber es sei klar, dass es chinesische Interessen daran gebe, Kapazitäten in Europa zu nutzen und hier zu produzieren.
Ob eine Übernahme deutscher Autoproduktions-Standorte eine gute Nachricht wäre, ist umstritten: Ein Argument der Befürworter ist es, dass so Arbeitsplätze erhalten werden könnten, die sonst wegfallen würden. Allerdings gibt es Befürchtungen dazu, dass die guten Arbeitsbedingungen in der deutschen Autoindustrie gefährdet sein könnten. Bei Übernahmen müsse sicher gestellt werden, dass gewisse Standards erhalten blieben. Aber Beschäftigte müssen sich voraussichtlich ohnehin auf härtere Zeiten einstellen - nicht nur bei chinesischen Herstellern, sondern auch bei Deutschen.
Sehen Sie hier eine 20-minütige EXTRA-Sendung des SWR zur Autoindustrie aus: "Autoland in Aufruhr: Gewinneinbrüche, Stellenabbau und kein Ende?"