Experten schlagen Alarm

Neue Sucht-Welle in Baden-Württemberg? Wachsende Gefahr durch synthetische Drogen

Fachleute warnen vor einer neuen Suchtwelle durch synthetische Drogen. Die Beliebtheit steigt - gerade bei jungen Menschen.

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Von Autor/in Knut Bauer

Die Landesstelle für Suchtfragen warnt vor einer neuen Welle von Suchterkrankungen in Baden-Württemberg. Ursache dafür sind Opioide - neue synthetische Substanzen, die im Labor hergestellt werden und schmerzlindernd wirken. Dazu zählen Fentanyl oder Methadon, aber auch Tabletten wie Tilidin oder Oxycodon. Die Substanzen werden nach Erkenntnissen der Suchtexperten gerade bei jungen Menschen immer beliebter.

Sucht-Welle droht: Junge Menschen unterschätzen Drogen

Suchthilfe-Einrichtungen sprechen von einem gefährlichen Trend: Die Zahl junger Betroffener steigt, darunter sind nach Angaben der Landesstelle für Suchtfragen viele Jugendliche, vereinzelt aber auch Kinder im Alter von 11 oder 12 Jahren. Sie hätten keinerlei Vorstellung davon, wie gefährlich Opioide sind, sagt Nina Gerich, die in Ettlingen (Kreis Karlsruhe) die Suchtberatungsstelle leitet.

Die Substanzen würden in der Jugendkultur verharmlost und im Deutsch-Rap glorifiziert: "Konsum ist großes Thema bei deutschen Rappern. Ein 14-jähriger saß bei mir in der Beratung und sagte auf die Frage, warum er Tilidin genommen hat: Weil sein Lieblingsrapper das auch konsumiert und er es mal ausprobieren wollte." Damit würden die Substanzen mit einem bestimmten Lifestyle verbunden. Die Jugendlichen seien neugierig und nähmen Opioide, ohne zu wissen, dass es ein hohes Abhängigkeitspotenzial gibt, sagt die Suchtberaterin.

Drogen sind im Internet ständig verfügbar

Die starke Verbreitung von synthetischen Drogen hängt nach Einschätzung von Nina Gerich und ihrer Kollegen im Land auch mit der leichten Verfügbarkeit zusammen. Im Internet und über soziale Netzwerke bekomme man die Substanzen relativ einfach - diese Erfahrung macht auch Christoph Stoll, der bei der AWO in Karlsruhe die Substitutionsambulanz leitet: "Die wenigsten gehen an den Hauptbahnhof und gucken nach einem Dealer. Da gibt es in sozialen Messengerdiensten ganz andere Möglichkeiten, sich auszutauschen und an Drogen zu kommen. Das sind Entwicklungen, die erschreckend sind. Die Globalisierung und dieses unglaublich schnelle anonyme Vernetzen spielen dem natürlich in die Karten."

Mehr junge Drogentote

Ein großes Problem ist nach Angaben der Landesstelle für Suchtfragen der Mischkonsum von verschiedensten Substanzen und Drogen. Mitunter eine tödliche Mixtur: 191 Drogentote verzeichnet das Innenministerium in Baden-Württemberg für das Jahr 2025. Darunter sind so viele junge Drogenopfer wie noch nie: 15 Heranwachsende und 2 Jugendliche sind im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg an den Folgen ihrer Sucht gestorben. Gleichzeitig beklagen die Experten strukturelle Defizite bei der Prävention.

Landesstelle fordert Drug-Checking in BW

Die Landesstelle für Suchtfragen fordert von der künftigen Landesregierung die Zulassung von Drug-Checking wie in anderen Bundesländern, etwa Nordrhein-Westfalen. Beim Drug-Checking geht es im wesentlichen darum, die Gefahr eines Drogentods zu reduzieren. Drogen werden in anerkannten Beratungsstellen auf ihre Inhaltsstoffe überprüft, um zu verhindern, dass Konsumenten verunreinigte Stoffe oder gefährliche Substanzen zu sich nehmen.

Weitere Forderung der Landesstelle an die neue Regierung in Baden-Württemberg sind flächendeckende Programme zur Suchtprävention. "Es kann nicht sein, dass nur in einem Landkreis xy ein tolles Programm existiert, weil sich der Polizist gut mit dem Bürgermeister versteht. Wir brauchen etwas Gesteuertes zur Suchtprävention im ganzen Land", so Natalia Albrecht von der Landesstelle für Suchtfragen.

Ministerium hält Suchtprävention für ausreichend

Das baden-württembergische Gesundheitsministerium hält die Suchtprävention im Land dagegen für ausreichend. In Baden-Württemberg bestünden etablierte Meldestrukturen, die weiter ausgebaut werden sollen. "Die gut vernetzten Strukturen der Suchtprävention und Suchthilfe werden aktuell mit rund 15 Millionen Euro jährlich vom Land gefördert", teilt das Ministerium auf SWR-Anfrage mit. Und auch ein Entwurf für die Zulassung des Drug-Checking für das Erkennen von gefährlichen Drogen sei bereits in der Warteschleife. Er befinde sich derzeit in der politischen Abstimmung.

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Knut Bauer
SWR-Reporter und -Redakteur Knut Bauer

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