Meteorologe klärt auf

Deshalb kommt es zu keinem Jahrhundertwinter

Drohen im nächsten Winter arktische Temperaturen wie zuletzt vor rund 50 Jahren? Ein Meteorologe erklärt, wie stark der Wintereinbruch 2025 ausfallen könnte.

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Von Autor/in Levin Horst

Wie jedes Jahr machen Spekulationen über die Wintertemperaturen die Runde. Zahlreiche Medien wie Euronews, Zeit oder The Weather Channel haben in den vergangenen Tagen vor einem seltenen Wetterphänomen gewarnt, das angeblich arktische Temperaturen und einen harten Winter bringen könnte - wie zuletzt im Winter 1978/79. Schuld soll ein sogenannter schwacher Polarwirbel sein. Warum diese Sorge übertrieben ist, erklärt der Meteorologe und SWR-Wetterexperte Gernot Schütz.

Was ist ein Polarwirbel?

Im Winter, wenn der Sonnenstand sinkt, kühlt die Stratosphäre über dem Nordpol stark ab. Es werden Bedingungen für einen stabilen Polarwirbel geschaffen. Dabei handelt es sich um ein großräumiges Tiefdruckgebiet in etwa 30 Kilometern Höhe, das kalte Polarluft wie in einem rotierenden Luftring festhält. Je stärker der Polarwirbel ist, desto besser bleibt die Kaltluft darin eingeschlossen. Ein schwacher oder gesplitteter Wirbel dagegen erhöht die Wahrscheinlichkeit für kalte Temperaturen in den mittleren Breiten.

Wetterereignis La Niña: Kein direkter Einfluss auf Europa

Viele Medien vermuten, dass der Polarwirbel in diesem Winter gestört sein könnte und kalte Luft nach Süden gelangt. Grund dafür sollen die im September festgestellten La-Niña-Bedingungen sein. Das bestätigt das Climate Prediction Centre der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA). La Niña bezeichnet eine Abkühlung der Meeresoberfläche im zentralen und östlichen Pazifik, El Niño steht für eine Erwärmung. Beide Phänomene beeinflussen das globale Wetter, haben aber laut Schütz nur einen geringen direkten Effekt auf Europa.

Major Warming: natürliche Schwächung des Polarwirbels

Ein Polarwirbel kann gestört oder geschwächt werden, sich aufspalten und durch meridionale Strömungen - also Luftbewegungen von Nord nach Süd - kalte Luft nach Süden transportieren, erklärt Schütz. Meteorologen sprechen dann von einer "gestörten Zirkulation". Ein sogenanntes "Major Warming" kann den Polarwirbel schwächen oder teilen - das ist jedoch ein völlig natürliches Ereignis im Winter, das regelmäßig auftritt.

Warum es keinen Jahrhundertwinter geben wird

Ein Jahrhundertwinter beziehungsweise ein Extremwinter, wie 1978/79, der in Deutschland Temperaturen von bis zu minus 23 Grad Celsius brachte, ist heute aufgrund des Klimawandels sehr unwahrscheinlich. Winter werden im Durchschnitt milder, auch wenn Wetterextreme wie starke Schneefälle oder heftiger Starkregen weiterhin möglich sind.

Es gibt Indizien für eine gestörte Zirkulation, aber das bedeutet nicht automatisch einen Jahrhundertwinter.

Zuverlässige Prognosen für Kälteeinbrüche seien erst ein bis zwei Wochen im Voraus möglich. Die entscheidenden Entwicklungen ließen sich frühestens im Dezember oder Januar absehen. Bislang wurde kein Aufspalten oder Verformen des Polarwirbels festgestellt. Wohin sich mögliche kalte Luftmassen verlagern könnten, ist unklar - das kann Europa, Nordamerika oder generell die Nordhalbkugel betreffen, sagt Schütz. Ein paar extreme Tage oder Schneefälle sollten daher nicht als Vorhersage für die gesamte Winterperiode interpretiert werden.

"Schlecht-Wetterereignisse sind Clickbate"

Medien platzieren "Klickköder“, um Nutzer möglichst lange auf ihren Plattformen zu halten und daraus Profit zu schlagen, erklärt Petra Grimm, Medienwissenschaftlerin an der Hochschule der Medien Stuttgart. Der Grund, warum Menschen auf solche Artikel ansprängen, liege vor allem in der Faszination für Katastrophen – Extremereignisse verbänden Menschen und weckten ihre Aufmerksamkeit. Grimm appelliert daher an die Medien, sich ihrer Verantwortung in der Berichterstattung stärker bewusst zu werden.

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