Aus der Wissenschaft zum Wirtschaftsfaktor?

KI, Start-ups, Forschung: Private Investitionen sichern Baden-Württemberg Spitzenposition

Im Land der Tüftler und Denker sollen aus Spitzenforschung Start-ups hervorgehen - und die heimische Wirtschaft etwa vom KI-Hype profitieren. Wo es funktioniert - und wo es hakt.

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Von Autor/in David Beck

Baden-Württemberg ist nicht nur das Land der Häuslebauer, sondern auch der Forscher und Entwickler. Am Ellis Institut in Tübingen beispielsweise lernen Maschinen das Sehen, erklärt Wieland Brendel, der am Institut die Arbeitsgruppe für robustes maschinelles Lernen leitet: "Wir schauen uns auf der einen Seite an, wie funktioniert Sehen in Menschen? Wie nehmen wir unsere Umwelt wahr? Wie verstehen wir unsere Umgebung? Und versuchen dann Maschinen eine Art von Sehen beizubringen, die ähnlich funktioniert wie in Menschen."

Forschung an robustem maschinellen Lernen zu Start up geworden

Robustes maschinelles Lernen nennt sich das. Mit "robust" ist gemeint, dass Maschinen und Roboter ein Weltverständnis erhalten sollen, das sie in jeder Situation anwenden und ihr Verhalten entsprechend anpassen können. In Brendels Labor entstand zum Beispiel der Polybot, der reife von unreifen Tomaten am Aussehen unterscheiden und dann ernten kann. Etwas, das für Menschen relativ einfach ist, aber für Maschinen bisher zu schwierig war, sagt Brendel.

"Und zum ersten Mal haben wir jetzt Techniken entwickelt, die das auf einem Robustheitsniveau schaffen, wie Menschen das auch können. Das heißt, selbst wenn sich mal die Beleuchtungssituation ändert, das funktioniert trotzdem." Vor wenigen Jahren habe das noch nicht funktionert, so der Forscher, "dann wurden die Maschinen total verwirrt".

Aus dem Laborprojekt ist mittlerweile ein kleines Start-up in Tübingen entstanden, dass den Roboter weiterentwickeln und vermarkten soll. Dabei hilft die öffentliche Hand. Sowohl in dem Start-up als auch im Ellis Institut stecken Fördergelder.

Wichtigste Förderungen in Baden-Württemberg privat finanziert

Insgesamt hat das Land Baden-Württemberg im vergangenen Jahr mehr als fünfeinhalb Milliarden Euro für die Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE) im Land ausgegeben.

Mit einem Anteil von weniger als einem Prozent am Bruttoinlandsprodukt hinkt das Land damit zwar anderen hinterher, was die öffentlichen Gelder angeht - Bayern gibt mit gut acht Milliarden etwas mehr als ein Prozent des BIPs für Forschung und Entwicklung aus.

Rechnet man allerdings auch private Investitionen von Unternehmen und Stiftungen mit ein, im Fachjargon FuE-Intensität genannt, dann zeigt sich Baden-Württemberg als deutlich stärkerer Wissenschaftsstandort. Das EU-Ziel dafür liegt bei 3,5 Prozent. Das verfehlt Deutschland insgesamt mit 3,1 Prozent und Bayern liegt mit 3,4 Prozent knapp darunter. Baden-Württemberg ist deutlicher Spitzenreiter mit 5,7 Prozent. Damit läge das Land im weltweiten Vergleich hinter Israel und Liechtenstein auf Platz drei.

Grafik, auf der steht: Baden-Württemberg gibt 5,55 Milliarden Euro, das sind 0,85 Prozent des Bruttoinlandproduktes, zudem stammen 5,7 Prozent von Unternehmen oder Stiftungen. In Bayern sind es 8,05 Milliarden für Forschung und Entwicklung, das sind 1,05 Prozent des Bruttoinlandproduktes, dort stammen 3,4 Prozent der Gelder von Unternehmen oder Stiftungen.
Vergleich der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Baden-Württemberg und Bayern

Das bedeutet: In Baden-Württemberg sind die wichtigsten Förderungen oft privat. Im Ellis Institut stecken zum Beispiel auch 100 Millionen Euro der Hector-Stiftung von SAP-Mitgründer Hans-Werner Hector und seiner Ehefrau Josephine Hector.

Ein agiler Fördertopf ermöglichte Start-up-Gründung

Geld, ob öffentlich oder privat, ist also da. Schneller dranzukommen, gerade an Förderungen vom Land, das wünscht sich Wieland Brendel für die Zukunft. Vor allem, wenn es darum geht, die erforschte Technologie in die Anwendung zu bringen, wie bei der Gründung des Start-ups für den Polybot. Geklappt hat das laut Brendel nur durch einen Fördertopf der Stadt Tübingen und des Tübingen AI Centers, mit dem Projekte schnell mit größeren Summen gefördert werden können.

"Mit den traditionellen Förderprogrammen, die typischerweise so acht, zwölf, sechzehn Monate dauern, bevor man mal starten kann, hätte ich das wahrscheinlich nie angefangen", sagt Brendel. Eine agile Förderung würde Baden-Württemberg aus seiner Sicht gut tun, die für eine gute Idee statt in einem Jahr binnen wenigen Wochen verfügbar wäre.

Gebäude des Amazon-Forschungszentrums im Cyber Valley in Tübingen
Auch das amerikanische Unternehmen Amazon ist mit einem Forschungs- und Entwicklungszentrum im Cyber Valley in Tübingen ansässig.

Das Ellis Institut ist Teil des Cyber Valleys in Tübingen, eine Kooperation von Universitäten, wissenschaftlichen Instituten, Unternehmen und öffentlichen Partnern wie dem Land Baden-Württemberg. Dort soll KI- und Robotik-Forschung in der Region gefördert und diese Forschung zur Anwendung gebracht werden.

So soll ein Ökosystem für den sogenannten Technologietransfer zwischen Forschungseinrichtungen und der Industrie entstehen, aber auch für Ausgründungen von Start-ups, wie im Falle des Polybots.

Zweites Zentrum für Innovation entsteht in Heilbronn

Mit dem Innovationspark KI (IPAI) in Heilbronn entsteht in Baden-Württemberg derzeit auch noch ein zweites Zentrum für genau diesen Zweck. "Wir schaffen mit IPAI einen zentralen Ort, an dem alle Zutaten zusammenkommen, die wir brauchen, um von Künstlicher Intelligenz zu profitieren.", sagt Moritz Gräter, Geschäftsführer des IPAI und führt weiter aus: "Dafür braucht es digitale Elemente, Zusammenarbeit, Projekte, die gemeinsam zwischen den Unternehmen, die hier angesiedelt sind, entstehen. Wir brauchen aber auch physische Infrastruktur - Reallabore, Rechenzentren, Testgebiete, Datenfelder - all das bringen wir an einem Standort zusammen und das ist unser IPAI-Campus."

Es ist praktisch ein neuer Stadtteil, der in Heilbronn entsteht. Gut 35 Fußballfelder groß, davon viel Grünflache und mittendrin der kreisrunde Campus. Auch im IPAI steckt Geld vom Land, 50 Millionen Euro. Mehr als eine Anschubfinanzierung ist das allerdings nicht. Schätzungen zufolge könnte der IPAI am Ende etwa drei Milliarden Euro kosten. Das meiste davon wird von privaten Geldgebern kommen.

Voraussetzungen für einen erfolgreichen Wissenschaftsstandort im Ländle existieren

Die größten Partner des IPAI sind derzeit die Schwarz-Gruppe, gegründet von dem Heilbronner Unternehmer Dieter Schwarz, sowie dessen Stiftung. Mit den Töchterunternehmen Kaufland und Lidl ist die Schwarz-Gruppe das größte Handelsunternehmen in Europa.

Am Beispiel IPAI zeigt sich, wie Projekte mit öffentlichen Geldern angestoßen und mit privaten Investitionen ausgebaut werden können. Baden-Württemberg sei das in den letzten Jahren gut gelungen, findet Gräter. Auch wenn es nicht der Löwenanteil ist, das Geld vom Land reiche, sagt er. Wie Wieland Brendel wünscht sich Gräter von der Politik etwas anderes: "Ich glaube, was wir brauchen, ist Geschwindigkeit und Mut, Innovation nach vorne zu bringen. Wir brauchen in der Regulierung ein innovationsfreundliches Setup und diese Geschwindigkeit, die kann uns die Politik bieten."

Es gibt also noch Stellschrauben, an denen die Politik in Baden-Württemberg drehen kann. Aber die richtigen Zutaten für einen erfolgreichen Wissenschaftsstandort, die gebe es im Land der Tüftler und Denker, ist IPAI-Geschäftsführer Moritz Gräter ist überzeugt.

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Autor/in
David Beck
Bild von David Beck, Reporter und Redakteur SWR Wissen aktuell sowie Redakteur bei SWR Kultur Impuls.
Onlinefassung
Leila Boucheligua

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