Wir haben mit Dr. Aileen Könitz von der KKH Krankenkasse darüber gesprochen.
Stress führt zu Isolation und Isolation verstärkt den Stress
SWR1: Warum macht größerer Stress die Menschen offenbar zunehmend einsamer? Wie hängt das zusammen?
Dr. Aileen Könitz: Das liegt daran, dass große oder anhaltende Belastungen häufig dazu führen, dass Menschen das Gefühl haben, keine Zeit oder keine Energie mehr für andere zu haben und sich dann immer mehr von Freunden und Familie entfernen und auch soziale Aktivitäten meiden.
SWR1: Das heißt, gerade wenn man Stress hat, wäre es eigentlich besser, sich mit Freunden zu verabreden.
Könitz: Genau, das haben Sie korrekt beschrieben. Das ist auch das Problem. Es entsteht dann eben ein Kreislauf, also Stress führt zu Isolation und Isolation wiederum verstärkt den Stress.
SWR1: Aber die Menschen machen es nicht. Warum nicht?
Könitz: Sie machen es tatsächlich nicht, weil es eben einfach daran liegt, dass sie sich durch viele Dinge so belastet fühlen und sich dadurch immer mehr zurückziehen. Und das hat auch evolutionsbedingte Gründe.
Das liegt auch an einem Kortisol-Spiegel, der steigt an, wenn Stress entsteht. Der erhöht wiederum das Bedürfnis nach Ruhe und verstärkt nicht das Bedürfnis nach Austausch. Und deshalb kommt es immer mehr zu diesem Gefühl, ich muss mich eher zurückziehen und schützen.
Trotz Stress soziale Kontakte pflegen
SWR1: Wie lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen?
Könitz: Im Grunde haben Sie es auch schon erwähnt. Es wäre gut, zumindest geringe soziale Kontakte zu pflegen, um den Stress abzubauen. Um die Lebensqualität zu fördern. Um Einsamkeit oder sozialem Rückzug vorzubeugen wäre es auch gut, möglicherweise in einen Sportverein zu gehen, Gruppenkurse zu machen.
Also, dass man sich wirklich aktiv die Zeit nimmt in unserem vollgestopften Alltag und sagt, "Okay, ich mache das jetzt. Ich gehe aktiv auf Menschen zu.
Das bedeutet natürlich auch, ich muss diesen Teufelskreis auch erst mal verstehen, dass dieser Stress zur Isolation führt. Wir von der Krankenkasse empfehlen dann auch Stressreduktionskurse, Resilienzkurse etc., dass man eben auch über seine Themen informiert wird.
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SWR1: Diese aktuellen Umfrageergebnisse beruhen auf Selbsteinschätzungen der Befragten, 2.000 Menschen zwischen 16 und 70 Jahren. Warum vergrößert sich allgemein überhaupt das persönliche Stressempfinden? Woran liegt das?
Könitz: Unsere Umfrage hat gezeigt, fast an der Spitzenposition, also 50 Prozent, benennen sie die Stressfalle Zukunftsangst. Und das kennen sie auch, das sind die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, inklusive Klimawandel.
Und die Hälfte aller Befragten, also 50 Prozent, empfinden dies als besonders belastend. An zweiter Stelle wurden bei uns die Ansprüche an sich selbst genannt, glaube ich, mit knapp 48 Prozent.