25 Jahre Notfallseelsorge Stuttgart

Interview: Wenn der Tod einem den Boden wegzieht, gibt es Hilfe

Seit 25 Jahren gibt es die Notfallseelsorge in Stuttgart. Ein wichtiger, aber meistens sehr leiser Dienst. Warum er mehr Aufmerksamkeit verdient, erklärt Leiter Andreas Groll.

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Sie sind rund um die Uhr erreichbar und haben immer ein offenes Ohr für Menschen in Notlagen: Notfallseelsorger. In Stuttgart gibt es die Notfallseelsorge bereits seit 25 Jahren. Die damaligen Verantwortlichen Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU), der evangelische Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich sowie der katholische Prälat Bernhard Kah unterzeichneten 2001 eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und der Feuerwehr - die Notfallseelsorge Stuttgart war geboren.

Warum die Einrichtung von evangelischer und katholischer Kirche in Stuttgart, der Stadt und der Feuerwehr nach wie vor wichtig ist und was das mit der Resilienz der Stadtgesellschaft zu tun hat - das erzählt der Leiter der Stuttgarter Notfallseelsorge Andreas Groll im Interview.

SWR Aktuell: Warum ist die Notfallseelsorge wichtig?

Andreas Groll: Zusammen haben wir diesen Dienst 2001 gegründet, weil wir der Überzeugung sind, dass wir diesen Dienst der Nächstenliebe tun müssen, wenn Menschen in Not geraten und schwerwiegende Ereignisse erleben. Und wir haben die Überzeugung, dass die Menschen in solchen Situationen nicht allein sein dürfen, wie das eben früher oft der Fall war.

SWR Aktuell: Jetzt gibt es dazu ja auch eine Ausstellung im Rathaus - ist es noch notwendig, für mehr Sichtbarkeit zu sorgen?

Groll: Ich denke, das steigert unter anderem die Resilienz der Menschen, wenn sie merken: Oh, wenn es mal wirklich brennt, wenn meine Seele brennt, da muss ich nicht allein sein, da kommt dann jemand zu mir, auch wenn ich keine Verwandtschaft in der Nähe habe.

zwei Mitarbeiterinnen der Notfallseelsorge Stuttgart (Archivbild)
Zwei Mitarbeiterinnen der Notfallseelsorge Stuttgart. (Archivbild) Notfallseelsorge/Simon-David Tschan

Zum anderen ist das Thema in der Öffentlichkeit nicht so bekannt. Mit dem Tod möchte man sich eher nicht so gerne auseinandersetzen. Ich erlebe bei den Menschen, die unsere Dienste in Anspruch nehmen, dass sie das Gefühl haben, jetzt wird ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen. Das zerstört ihre innere Weltsicht auch zum Teil. Die eigenen Bewältigungsstrategien reichen nicht mehr aus. Aber wenn dann jemand zu ihnen kommt und sie stützt - da erleben wir dann eigentlich immer sehr große Dankbarkeit. Das ist vermutlich auch der Grund, warum wir den Dienst überhaupt tun können. Wir haben schon das Gefühl, dass uns mehr auf die Schultern geladen wird als wir tragen können. Aber die Dankbarkeit, die von diesen Menschen zurückkommt, ist natürlich auch etwas, das uns wieder stärkt und bestätigt in unserem Tun.

SWR Aktuell: Da sind wir mittendrin: Es ist belastend. Auch für die in der Notfallseelsorge. Trotzdem haben Sie sehr viele Mitarbeitende und zwei Drittel davon machen das ehrenamtlich. Haben Sie Nachwuchsprobleme oder gibt es genug Nachfrage? Und wenn ich mitmachen will, wie viel Zeit muss ich da investieren für das Ehrenamt?

Groll: Die Nachwuchsfrage hat mich sehr beschäftigt, als ich das Amt übernommen habe. Es ist schon teils schwer, Leute zu finden. Wir machen Werbung über die Kirchengemeinden, sprechen schon mal Menschen persönlich an. Aber viele kommen auch über Ehrenamtsbörsen zum Beispiel. Wir haben inzwischen sehr viele neue Notfallseelsorger ausgebildet, 58. Es übernehmen immer mehr Ehrenamtliche, weil die hauptamtlichen Diensten gerade in den Kirchen zurückgehen. Ehrenamtlich geht das in einer zweijährigen Ausbildung. Es gibt ein aufwändiges Auswahlverfahren und dann etwa 340 Unterrichtseinheiten in der Ausbildung. Die Leute machen ein Praktikum im Krankenhaus, in der Seelsorge, einen Kurs "ehrenamtliche Seelsorge", um sprachfähig zu sein in den Notsituationen. Und dann auch die Grundausbildung, damit wir wissen, wie klappt die Zusammenarbeit mit der Polizei, mit der Feuerwehr, mit den Rettungsdiensten. Und es geht auch um die Zusammenarbeit mit den Nachsorgediensten, die sich etwa um Suizid-Hinterbliebene kümmern oder wo es um häusliche oder sexuelle Gewalt geht. Da müssen Sie ja fachlich auch gut gewappnet sein. Einiges läuft parallel, und nach zwei Jahren dürfen sie sich dann "Fachberaterin Seelsorge" nennen.

SWR Aktuell: Sie haben es gesagt - niemand spricht gerne über den Tod. Vielleicht können Sie aber ein Beispiel nennen, wie Sie schon den Menschen helfen konnten, was Ihnen eindrücklich während Ihrer Tätigkeit im Gedächtnis geblieben ist.

Groll: Da erinnere ich mich zum Beispiel an einen Fall in einer Schule. Da gab es den Suizid von einem Mädchen. Ganz plötzlich ist da eine Lücke in der Klasse, in der ganzen Schule - das Mädchen war dort auch bekannt. Da hatten wir einige Tage lang zu tun, um für die Lehrer da zu sein, für die Kinder, für die Angehörigen. Aber die Zusammenarbeit mit dem Kriseninterventionsteam der Schule war hervorragend. Bei so etwas sind ganz viele Ängste da. Dann beraten wir - wir sind ja Fachberater - die Schule, erarbeiten zusammen Kriseninterventionspläne, wie wir diese Situation auffangen können und wie ein würdiger Abschluss stattfinden kann. Ganz abgeschlossen ist es natürlich nie. Oft entstehen daraus langfristige Kontakte. Schule und Elternschaft wenden sich dann immer wieder an uns. In dem Fall hat die Elternschaft im Nachhinein für die Notfallseelsorge Geld gesammelt, weil sie unsere Arbeit so wertvoll fand.

Wie facettenreich und wichtig die Arbeit der Notfallseelsorge ist, das zeigt aktuell auch eine Ausstellung im Rathaus. Sie ist bis zum 18. März zu sehen. Weitere Veranstaltungen im Jubiläumsjahr sollen folgen.

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Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Kerstin Rudat
Kerstin Rudat

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