Florian Hambach engagiert sich bei den Maltesern ehrenamtlich im Katastrophenschutz und ist Kreisbeauftragter der Malteser im Rems-Murr-Kreis. Beruflich ist er Lehrer an einem Gymnasium in Winnenden und leitet dort eine AG zu den Themen Katastrophen, Krisen und Bevölkerungsschutz sowie Eigenvorsorge. Nach dem verheerenden Stromausfall in Reutlingen aufgrund von Sabotage haben wir mit ihm gesprochen, wie man sich am besten vorbereiten kann.
SWR Aktuell: Herr Hambach, Sie beschäftigen sich mit den Themen Katastrophenschutz und Krisenresilienz. Nach dem Stromausfall in Reutlingen: Was müssen wir denn bei einem Stromausfall machen?
Florian Hambach: Das A und O ist, sich gedanklich damit auseinanderzusetzen, wie meine wohnliche Situation ist und was passiert, wenn der Strom für ein paar Tage weg ist. Welche Gerätschaften fallen aus, und wie kann ich mich darauf vorbereiten? Kleines Beispiel: Es gibt Haushalte, die haben einen Gasgrill, und wenn ich da noch eine zusätzliche Gasflasche habe, bin ich schon gut auf alternatives Kochen vorbereitet. In einem Mehrfamilienhaus im 10. Stock geht das eher nicht. Da muss ich mir Gedanken machen, wie ich sonst alternative Kochmöglichkeiten schaffen kann.
SWR Aktuell: Haben Sie da Vorschläge oder Ideen?
Hambach: Es gibt so kleine Gaskocher mit Gaskartuschen, die auch für den Innenbereich geeignet sind. Die reichen im Notfall wirklich gut aus, weil so eine Kartusche mehrere Stunden hält. Und wenn ich mir dann noch die geeigneten Lebensmittel beschaffe, die wenig Energie brauchen, beispielsweise Nudeln, die eine viel kürzere Kochzeit als Reis haben, dann komme ich mit so einem Gas-Kartuschenkocher über einige Stunden beziehungsweise Tage gut aus.
SWR Aktuell: Kochen ist ein wichtiger Punkt. Worauf sollte man noch achten?
Hambach: Es gibt drei große Felder. Zuerst: Wie gelange ich an Informationen, wenn das Handynetz bei einem großflächigen Stromausfall ebenfalls ausfällt? Da sollte man ein Notfallradio besitzen. Die sind noch nicht so weit verbreitet. Ein Notfallradio ist ein Radio, das sich ganz einfach bedienen lässt und Energie über eine Kurbel oder Solar kriegt. Dann: Wie kriegt mein Smartphone Strom? Eine geladene Powerbank beispielsweise ist immer sinnvoll. Powerbanks liegen in der Regel daheim in einer Schublade und sind nicht geladen. Deshalb empfehle ich, sich alle paar Wochen mal anzuschauen, ob die Powerbank geladen ist.
Wie Menschen für den Notfall planen Katastrophenschutz: Wie gut ist BW auf Krisen vorbereitet?
Der Brandanschlag in Berlin macht deutlich, wie verwundbar unsere Infrastruktur ist. Viele Menschen sorgen für den Ernstfall vor, andere verlassen sich lieber auf den Staat.
Das zweite Feld ist das Thema Heizung und Kühlung. Also wenn man jetzt an Berlin denkt, da war es ja Winter. Habe ich genügend Decken? Habe ich genügend alternative Heizmöglichkeiten? Da gibt es Möglichkeiten mit einer Gasheizung. Oder wenn ich daheim einen Kachelofen habe, dann muss ich aber genug Holz zu Hause haben. Oder die simpelste Variante: einfach sehr viele warme Decken zu Hause haben. Und genau andersherum im Sommer: Ist eine Klimaanlage vorhanden? Wenn ich unter dem Dach wohne: Wie warm wird es da, und habe ich die Möglichkeit, mich abzukühlen? Habe ich für den Notfall jemanden, der in einer Kellerwohnung wohnt, bei dem ich für ein paar Tage unterkommen kann?
Und der dritte Aspekt ist eben das Thema Verpflegung. Ich sollte für jeden Tag mindestens zwei Liter Trinkwasser pro Person haben. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, einen Notvorrat für zehn Tage zu Hause zu haben. Über diese zwei Liter hinaus natürlich noch Wasser für meine Haustiere, für Hygiene, Körperpflege, fürs Kochen.
SWR Aktuell: Wie weit sind die Menschen mental vorbereitet? Sind wir uns bewusst, dass so etwas tatsächlich jederzeit passieren kann?
Hambach: Wir leben in einer Art Übergangszeit. Vor zwei Jahren war das Thema noch sehr weit weg. Aber jetzt setzen sich viele damit auseinander. Die Ahrtal-Katastrophe hat dazu beigetragen. Und wir hatten ja hier im Rems-Murr-Kreis vor zwei Jahren auch das Starkregen-Hochwasser-Ereignis. Auch die Nachfrage und Teilnahme an Krisenresilienzkursen und Vorsorgekursen hat zugenommen. Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hin müssten, um die Bevölkerung komplett krisenresilient zu machen und das System des Bevölkerungsschutzes im Krisenfall zu entlasten.
SWR Aktuell: Gut vorbereitet zu sein ist wichtig. Gibt es aber auch ein Zuviel, ein Verfallen in Panik, wo Sie sagen, das ist vielleicht eher kontraproduktiv?
Hambach: Ja, es gibt Panikkäufe. Man sollte immer nur das einkaufen, was man verbrauchen kann. Wenn ich alles auf das Thema Krise ausrichte, tut mir das zudem mental nicht gut. Die Krisenvorbereitung ist das eine, um Resilienz zu erlagen. Aber wir brauchen auch die positiven Momente, denn das hilft uns dabei, resilient zu bleiben.
Beim Notvorrat gebe ich immer den Tipp, jetzt nicht im Supermarkt für 300, 400 Euro einzukaufen, sondern so etwas systematisch zu machen. Step by Step kann man sich überlegen: Was habe ich schon daheim? Jeder hat sicher Kartoffeln, Zwiebeln und so immer zu Hause. Dann sollte ich überlegen, wie ich das Schritt für Schritt sinnvoll ergänzen kann, damit es auch zu meinem Leben passt. Dann passe ich mein Leben ein Stückweit einer potenziellen Krise an, aber richte nicht alles darauf aus. So verfällt man auch nicht unbedingt in Panik oder macht Hamsterkäufe.
SWR Aktuell: Was ist sonst noch wichtig?
Hambach: Ganz wichtig ist, bei einer Krise die vulnerablen Gruppen nicht zu vergessen. Wen habe ich im Haushalt? Sind da Babys? Habe ich dann ausreichend Milchpulver und Babynahrung? Habe ich zu pflegende Angehörige, die auf ein Heimbehandlungsgerät angewiesen sind? Es ist wichtig, dass man sich dann einfach mal Gedanken macht, wie lange so ein Akku von so einem Gerät hält. Und dass ich mir dann frühzeitig Hilfe oder Unterstützung hole und nicht erst, wenn die Geräte ausfallen. Und: Habe ich genug Nahrung und Wasser für mein Haustier?