Die Stadt Stuttgart hat zwischen Juni 2024 und Oktober 2025 einen Verkehrsversuch durchgeführt, der sich Superblock nennt. Im Stuttgarter Westen wurde eine Straße verkehrsberuhigt mit dem Ziel mehr Aufenthaltsqualiät zu erreichen. Das Projekt ist beendet, die Untersuchungen sind abgeschlossen. Es liegt jetzt in der Hand des Gemeinderats zu entscheiden, ob der Superblock bleibt oder nicht.
Typisch für den dicht besiedelten Stuttgarter Westen sind seine Altbauten, verziert mit Sandstein-Ornamenten an den Außenfassaden und mit Straßenzügen, durch die man gerne flaniert. Wer allerdings mit dem Auto kommt, hat verloren. Denn Parkplätze sind rar. Da ist im Sommer 2024 bei manchen in der Augustenstraße der Puls in die Höhe geschnellt als es hieß: Hier kommt jetzt ein Superblock hin - nach dem Vorbild von Barcelona. Menschen rein, Autoverkehr raus.
In der Augustenstraße leben, wohnen und arbeiten die Menschen
Der Autoverkehr sollte nicht ganz aus dem Stuttgarter Westen verbannt werden, aber sich durch die eingeführten Diagonalsperren und Einbahnstraßen reduzieren. Und das hat, fragt man Anwohnerin Claudia Wolf-Selzer, ganz gut funktioniert. Ihre Beobachtung: "Es kamen viel, viel weniger Autos rein, und die Nutzung der Straße hat sich geändert. Man sieht Federball spielende Menschen auf der Straße und Skateboardfahrer. Die Straße ist zur Hauptfahrradroute für die Lieferdienste geworden, die jetzt frei von Ampeln und den einklemmenden Autos die Augustenstraße zum Ausliefern nutzen. Man kann tatsächlich Kinder spielen lassen."
Der Superblock, oder wie manche auf der Straße auch sagen "Superblöckle", habe auf jeden Fall ziemlich emotionalisiert, bilanziert sowohl die Stadt als auch Anwohnerin Claudia Wolf-Selzer.
Was sagen die Kritiker zu dem Verkehrsversuch?
Gerade unter den Gewerbetreibenden kommt er nicht gut an. Der Weinhändler erzählt von wütenden Kunden, die mit ihrem Auto den Weg zum Geschäft nicht mehr finden. Der Zugang zum Parkplatz wurde über die Parallelstraße verlegt. Der Kioskbetreiber spricht von enormen Umsatzeinbußen. Alle, die kurz mit dem Auto vorbeikamen, um eine Zeitung oder Zigaretten zu kaufen, blieben seither weg.
Was sagen die Befürworter im Stuttgarter Westen?
Wer sich unter den Geschäftsleuten dagegen wünscht, dass es mit dem Superblock weitergeht, ist Mike Dieterle. Er betreibt ein Café in der Augustenstraße. 80 Prozent seine Gäste kommen zu Fuß. Er hat bei der Stadt ein sogenanntes Parklet beantragt, eine weitere Sitzgelegenheit auf der Straße, für die dann Parkplätze wegfallen würden. Ob er das genehmigt bekommt, sei noch nicht durch, so die Stadt auf SWR-Anfrage.
Der Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort war Teil der Evaluierung des Verkehrsversuchs. Mit runden Tischen, Stadtteilspaziergängen und über Infostelen wurden die Menschen im Quartier informiert. Nach anfänglicher Kritik, besonders was den Wegfall der Parkplätze angeht, waren die Rückmeldungen weitestgehend positiv, wie die Stadt Stuttgart mitteilt. "Die Menschen nehmen am Superblock aktiv teil."
Wissenschaft sieht klaren gesundheitlichen Gewinn
Auch die Universität Stuttgart, die im Rahmen eines EU-Projektes den Verkehrsversuch im Hinblick auf Lärm und Luftqualität wissenschaftlich begleitet hat, zieht eine positive Bilanz. "Die Analyse zeigt, dass sich die Feinstaubbelastung nach Einführung des Superblocks verringert hat", heißt es in der Studie, die dem SWR vorliegt. Auch die Lärmbelastung sei zurückgegangen. "Letztere führe direkt zu einem Rückgang lärmbedingter Gesundheitsprobleme. Betrachtet wurden dabei starke Belästigung, Schlafstörungen sowie kardiovaskuläre Erkrankungen". Rechnet man den gesundheitlichen Gewinn in Geld um und hoch auf 25 Jahre, läge "der monetäre Nutzen" bei über 50 Millionen Euro. Setzt man diese Summe den Projektkosten von rund 800.000 Euro entgegen, zeige sich "ein klar positives Kosten-Nutzen-Verhältnis".
Wie geht es weiter mit dem Superblock?
Nach Abschluss des Projektes im Oktober 2025 sind einige Sitzelemente wieder entfernt worden, ebenso die Infostelen. Als Ersatz für die Sitzelemente hat die Stadt nach eigenen Angaben weitere Baumkübel, Betonwürfel und Bänke aufgestellt. Das Labyrinth an Einbahnstraßen und Diagonalsperren existiert noch.
Claudia Wolf-Selzer, die seit 33 Jahren in der Augustenstraße wohnt, wünscht sich, dass es mit dem Superblock weitergeht und sagt: "Und ich würde mir viel, viel mehr Grün und Bäume in der Straße wünschen."
Der Gemeinderat soll noch vor der Sommepause entscheiden, ob der Superblock bleibt oder entfernt wird. Weitere Superblöcke wird es aufgrund der Haushaltslage in Stuttgart allerdings vorerst nicht geben.