Diakonie-Klinikum Stuttgart

Hilfe bei Prostata-Krebs und mehr: Roboterbasierte Operation zum Zuschauen

Das Diakonie-Klinikum Stuttgart ist eins der modernsten Roboterzentren Deutschlands. Ein neues System hilft unter anderem Prostata-Patienten. Man kann sogar bei der OP zuschauen.

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Von Autor/in Anna Knake

Bernhard Heerens Prostata-OP ist erst zwei Tage her - und er läuft schon wieder über den Krankenhausflur im Diakonie-Klinikum Stuttgart. "Mir geht es eigentlich ganz gut", sagt er grinsend und nimmt sich eine Zeitung. Für die Operation ist er extra aus Bayern nach Stuttgart gekommen, weil die Ärzte hier besonders viel Erfahrung mit roboterbasierten Operationen haben. Heeren ist selbst Arzt und kennt die Technik.

Das hat mir sehr viel Vertrauen eingeflößt, weil diese Technik erst ermöglicht, besonders fein und agil zu arbeiten. Und gerade wenn man selber vom Fach ist, dann weiß man das zu schätzen, dass das doch nochmal ein richtiger Meilenstein in der Urochirurgie ist.

OP-Roboter: Ein Zugang für alle Werkzeuge

Der Meilenstein ist ein "Single-Port"-Roboter der Firma Da Vinci. Er ist seit Oktober Teil des Klinik-Teams. Mit seinem Vorgängermodell haben die Ärztinnen und Ärzte im Diakonie-Klinikum schon rund 10.000 Operationen durchgeführt. Damit hat die Klinik deutschlandweit eine der höchsten Fallzahlen der robotergestützten Chirurgie. Der bisherige "Da Vinci"-Roboter ähnelt optisch einer Spinne. Für seine verschiedenen Werkzeug-Arme mussten bisher fünf Schnitte gesetzt werden. Beim neuen "Single-Port"-Roboter reicht hingegen ein einziger Schnitt.

Eine angehende Fachärztin bereitet den "Single Port"-Roboter auf die Prostatektomie vor.
Eine angehende Fachärztin bereitet den "Single Port"-Roboter auf die Prostatektomie vor.

Premiere: Live-Übertragung für eine Selbsthilfegruppe

Für Chirurg Christian Schwentner, Chefarzt an der Urologischen Klinik am Diakonie-Klinikum Stuttgart, gehört der neue "Da Vinci"-Roboter längst zu seinem Berufsalltag. Rund sechs Patienten kann er mit seinem technischen Helfer am Tag operieren. Für seinen letzten Eingriff an diesem Tag bringt er einen Laptop mit in den OP-Saal, denn zum ersten Mal wird dieser für eine Selbsthilfegruppe von Betroffenen live übertragen. 

Rund 50 Personen sitzen dafür in einem Hörsaal im Klinikum und verfolgen alles auf einer Leinwand, während Oberarzt Stephan Hintermeier erklärt, was genau passiert. Seit ungefähr 15 Jahren organisieren das Diakonie-Klinikum und die Selbsthilfegruppe immer wieder Veranstaltungen zusammen - die Live-OP ist jedoch eine Premiere. "Einen Patienten, der über Wissen verfügt, können wir viel besser führen," erklärt Schwentner. "Und der Patient hat natürlich weniger Angst, wenn er versteht, worum es geht und was passiert."

Rund 50 Menschen sitzen in einemm Raum und sehen auf eine Leinwand auf der gleich eine Live-OP übertragen wird.
Die Selbsthilfegruppe wartet auf den Beginn der OP.

OPs mit Robotern: Präzise Bewegungen, kein Zittern

Über eine Steuerungsstation am Rand des OP-Saals kann Schwentner die verschiedenen OP-Werkzeuge steuern - fast wie bei einem Computerspiel. "Obwohl der Raum, in dem man sich bewegt, sehr klein ist, ungefähr so wie ein kleiner Tennisball, kann man die Bewegungen ganz präzise ausführen", erklärt der Chirurg. Dabei stabilisiert der Roboter auch seine Bewegungen. "Ohne jegliches Zittern, ohne jegliche Fehlbewegungen, die man mit konventionellen Instrumenten natürlich schon hat."

Chirurg Christian Schwentner bedient an einer Station mit Griffen für die Finger und Pedalen für die Füße die Roboterarme.
An dieser Station steuert Chirurg Christian Schwentner den "Single Port"-Roboter.

Roboter in der Medizin: Vorteile für Patienten

Für den Patienten hat die minimalinvasive Methode mehrere Vorteile: Da die Werkzeuge nur durch einen einzigen Schnitt in den Körper geführt werden, hat der Patient weniger Schmerzen und die Heilung verläuft schneller. Das entlastet auch das Klinikpersonal nach der Operation. Zum anderen entstehen durch diese Art der OP keine Verwachsungen. Auch vorherige Operationen und Narben stören bei der Behandlung nicht. Außerdem spielen Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Beschwerden und Augenleiden eine geringere Rolle, da der Patient fast in der Waagrechten statt in einer Steillage operiert werden kann.

Prostatakrebs: Häufigste Tumorerkrankung bei Männern

Diese Vorteile sind entscheidend, denn Prostatakrebs ist die häufigste Tumorerkrankung des Mannes. Sie tritt vor allem ab einem Alter von 65 Jahren auf - eine Altersgruppe, die häufig Vorerkrankungen mitbringt. Frühzeitig erkannt, kann ein Prostatakarzinom meistens gut behandelt werden. Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass die relative 10-Jahres-Überlebensrate von Prostatakrebs-Patienten bei 89 Prozent liegt.

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Ausblick: "Single-Port"-System in verschiedenen Bereichen

Die minimalinvasive OP mithilfe des "Single-Port"-Roboters wird im Diakonie-Klinikum Stuttgart nicht nur bei der Prostata-Entfernung eingesetzt. Auch in der Darmchirurgie und bei brusterhaltenden Brustkrebsoperationen arbeiten die Ärztinnen und Ärzte mit dem System. Ein vierter Bereich ist bereits in Planung, erklärt Christian Schwentner: "In der endokrinen Chirurgie, also bei Eingriffen am Hals - zum Beispiel Schild- oder Nebenschilddrüse - ist gerade die Narbe am Hals ein relevantes Thema. Und die kann mit dem System über alternative Zugänge eben vermieden werden."

Selbsthilfegruppe beeindruckt von Live-OP

Nach ungefähr 30 Minuten ist die Prostata des Patienten entfernt. Im Hörsaal verfolgen die Anwesenden der Selbsthilfegruppe die letzten Nadelstiche. "Das war für mich sehr interessant, mal zu sehen, wie so eine Live-Operation überhaupt stattfindet", erzählt Jürgen Renner, der alles verfolgt hat. "Allerdings musste ich auch immer die Luft etwas anhalten, weil ich dachte: Mensch, wenn das bei mir selber so gemacht wird, wie würde ich das verkraften?" Ein paar Plätze weiter hat Stefan Dunkel die Operation schon hinter sich, die Übertragung hat ihn trotzdem beeindruckt. "Ich interessiere mich einfach für solche Dinge, deswegen bin ich sehr gerne her gekommen."

Für Bernhard Heeren hat die minimalinvasive Operation mithilfe des Roboters gehalten, was sie verspricht. Er ist im Kopf schon bei seiner Entlassung: "Ich freue mich am meisten auf meine Familie und meine Frau. Die wartet nämlich zu Hause auf mich." Bis dahin muss er sich wohl nur noch wenige Tage gedulden.

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