Nicht einmal jeder fünfte Fall wird aufgeklärt

Einbrecher vor Gericht: Warum Wohnungseinbrüche so selten aufgeklärt werden

Vier Männer sollen Beute im Wert von rund 120.000 Euro gemacht haben. Nun stehen sie vor dem Landgericht Stuttgart. Eine Ausnahme. Die meisten Einbrüche werden nicht aufgeklärt. Warum?

Teilen

Stand

Von Autor/in Christine Bilger

Die Spur führte einerseits kreuz und quer durch Süddeutschland, andererseits aber schnurstracks nach Ostfildern (Kreis Esslingen). Dort sollen vier Männer eine Wohnung angemietet haben, von der sie zu Einbruchsserien ausschwärmten. Die Polizei hat sie erwischt. Ende Januar klickten die Handschellen in Recklinghausen und Esslingen. Am Mittwoch hat der Prozess gegen das Quartett am Stuttgarter Landgericht begonnen. Der Wert ihrer Beute wird mit 120.000 Euro angegeben - gestohlen zwischen Merklingen (Alb-Donau-Kreis), Göppingen, Ostfildern, Laichingen (Alb-Donau-Kreis) und Wangen im Allgäu.

Vier Einbrecher stehen in Stuttgart vor Gericht

Das Besondere an dem Prozess: So alltäglich wie die Ermittlungen nach Einbrüchen für die Polizei sind, so selten sind Fälle, die bis zur Anklage kommen. Denn Wohnungseinbrüche haben nach wie vor eine recht niedrige Aufklärungsquote. Im Jahr 2025 lag sie bei 17,6 Prozent der 5.844 Fälle in Baden-Württemberg. Es wird also weniger als ein Fünftel der Fälle aufgeklärt. Auch deswegen warnt die Polizei gerade jetzt wieder zu Beginn der dunklen Jahreszeit vor Einbrechern.

Warum aber sind die Einbrecher so schwer zu fassen? "Meist werden Einbrüche erst mit Zeitverzug entdeckt und gemeldet, teilweise Stunden oder sogar erst Tage nach der Tatbegehung", sagt Steffen Grabenstein, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Damit sinkt zum einen die Chance für die Ermittelnden, die Tatpersonen noch auf der Flucht zu erwischen. Zum anderen werden dadurch Spuren verwischt und damit weniger hilfreich.

Tipp an Opfer: Keine Spuren verwischen

Daher hat der Polizeisprecher für Opfer ein paar Tipps: Sie sollten so wenig wie möglich am Tatort verändern - sprich dem Impuls widerstehen, in den durchwühlten Raum zu gehen und zu Boden gefallene Habseligkeiten aufzuräumen.

Wir stellen eine Häufung von Wohnungseinbrüchen entlang großer, überregionaler Verkehrswege fest.

Zudem legen Einbrecher Wert darauf, schnell wegzukommen. "Wir stellen eine gewisse Häufung von Wohnungseinbrüchen entlang großer, überregionaler Verkehrswege fest", sagt Steffen Grabenstein. Im Landkreis Ludwigsburg sind das die Autobahnen 8 und 81 sowie die Bundesstraßen 10 und 27. "Solche Straßen stellen schnelle Fluchtmöglichkeiten in unterschiedliche Richtungen dar und bieten daher gerade für überregionale Tätergruppierungen entsprechende Anreize", ergänzt der Polizeisprecher.

Polizei: Einbrecher werden immer professioneller

Im Kreis Göppingen sind es die Bundesstraßen 10 und 297, sowie die Landesstraßen, welche in die angrenzenden Landkreise führen, heißt es beim Ulmer Präsidium. Auch das erschwert die Arbeit der Polizei: Sie muss, wie auch der nun am Landgericht verhandelte Fall zeigt, in großen Radien suchen. Die vier dort angeklagten Tatverdächtigen seien "durch umfangreiche verdeckte Maßnahmen" aufgeflogen. Mehr verraten die Ermittlungsbehörden nicht, um ihre Methode vor weiteren Tätern geheim zu halten.

Dass die Täter große Reisen antreten, um an Beute zu gelangen, ist ebenfalls so ein Problem für die Polizei. "Viele sind reisende Täter aus dem Ausland, die hier noch nie aufgefallen sind", sagt Stephan Widmann von der Stuttgarter Polizei. Wenn keine Spuren in der Datenbank aus vorherigen Taten sind, wird es schwer, sie zu überführen. "Zudem steigt die Professionalisierung: Die wissen ganz genau, wie sie keine Spuren hinterlassen", fügt der Polizeisprecher hinzu.

Stuttgart: Leichter Anstieg der Einbruchszahlen

Einbrecher suchen oft den Schutz der Dunkelheit. Damit ist die Gefahr voraussichtlich nun im Herbst und dann im Winter höher als noch im Sommer. Noch ist kein Alarm von der Polizei zu hören: "Bislang konnten keine steigenden Zahlen aufgrund der etwas früheren Dunkelheit wahrgenommen werden", sagt Bernd Kunz für den Kreis Göppingen. Erfahrungsgemäß spiele die Zeitumstellung Ende Oktober aber eine Rolle und die Zahlen steigen dann. Diese Erfahrung bestätigen seine Kollegen in den anderen Landkreisen. Allerdings spielt auch die Urlaubszeit im Sommer eine große Rolle, wenn Häuser oder Wohnungen wochenlang leerstehen. Diese Erfahrung habe man auch im Kreis Göppingen gemacht. "Da kommt dann erschwerend hinzu, dass man keine genaue Tatzeit hat, weil die längst über alle Berge sind, wenn die Bewohner zurückkommen", sagt Stephan Widmann von der Stuttgarter Polizei.

In der Landeshauptstadt deutet sich nach den Sommermonaten ein leichter Anstieg der Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr an. Den Schutz der Dunkelheit nutzen die Täter nach Erfahrung der Stuttgarter Kripo vor allem am frühen Abend aus, wenn die Bewohner noch bei der Arbeit sind. "Sie kommen selten nachts", sagt Widmann.

 Manche Opfer können nicht in die Wohnung zurück

Was macht es mit den Opfern, dass die Aussichten auf Fahndungserfolge so gering sind? Das ist laut Günther Bubenitschek, Landespräventionsbeauftragter beim Weißen Ring in Baden-Württemberg, nicht das erste Problem der Betroffenen, wenn Täter im Haus waren. Vor allem die Tatsache, dass jemand im geschützten Raum der eigenen vier Wände war, mache den Opfern zu schaffen. "Ich habe da schon viel erlebt: Eine Familie, die umziehen musste, weil die 16-jährige Tochter traumatisiert war. Oder eine ältere Dame, die über einer Bäckerei wohnt. Es wurde gar nicht bei ihr eingebrochen, sondern im Geschäft darunter. Das hat sie aber massiv verunsichert", sagt der Präventionsbeauftragte. Er wünscht sich mehr Anlaufstellen für Opfer von Straftaten. 

Baden-Württemberg

Sicherheitsbericht des Innenministeriums Wohnungseinbrüche in BW weiterhin auf niedrigem Niveau

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in BW steigt zwar leicht an, liegt aber noch auf relativ niedrigem Niveau. Opfer leiden oft lange unter den psychischen Folgen.

Stuttgart

Anklage wegen versuchten Mordes Landgericht Stuttgart: Einbrecher soll auf schlafende 15-Jährige eingestochen haben

Der Einbruch war laut Polizei mitten in der Nacht. Eine Jugendliche schlief in der Stuttgarter Wohnung. Der Einbrecher soll auf sie eingestochen haben. Jetzt steht er vor Gericht.

SWR4 am Nachmittag SWR4

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Christine Bilger

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!