Maria Ribisi schüttelt sich. Sie kann es nicht fassen. Der Mann, der mit seinem Auto in Esslingen ihre Tochter und die beiden Enkel überfahren hat, kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Gerade hat die Richterin das Urteil verkündet, rekonstruiert in ihrer Urteilsbegründung ausführlich die Sekunden vor dem Unfall: 98 Kilometer pro Stunde Aufprallgeschwindigkeit, Lenkwinkel, durchgedrücktes Gaspedal - Maria Ribisi stützt ihren Kopf auf die Hand.
Zwei Plätze weiter, nur durch einen Rechtsanwalt getrennt, sitzt ihr Mann Guetano Ribisi, der Vater und Großvater der Getöteten. Sein Blick scheint leer. Später wird er sagen: "Ein Jahr und zehn Monate auf Bewährung - das ist nix! Der Mann läuft frei herum."
Schmerzensgeld und Führerscheinentzug
20.000 Euro muss der Unfallfahrer jedem Nebenkläger - also Maria und Guetano Ribisi sowie dem Mann der Getöteten Rocco Mangialardo - als Schmerzensgeld zahlen. Die drei nehmen es ohne größere Regung auf.
Christoph Kehlbach aus der SWR-Redaktion Recht und Justiz ordnet das Urteil ein:
Der Unfallfahrer ist zudem seinen Führerschein los. Zumindest drei Jahre lang. Danach könne erneut darüber befunden werden, sagte die Richterin. Ihm sei der Führerschein entzogen worden, weil er "ungeeignet zum Führen eines Fahrzeugs" sei. Weiter sprach die Richterin von einer "nicht hinnehmbaren Gefährdung des Verkehrs", auch habe er nicht "adäquat auf die Situation reagieren" können.
Richterin: Kein technischer Fehler, keine Ablenkung
Wie kam es zu dem Unfall? Ein technischer Fehler am Fahrzeug komme nicht infrage. Das habe ein Gutachter ausgeschlossen, so die Richterin weiter. Auch sei der Unfallfahrer nicht durch ein Smartphone abgelenkt und durch Alkohol oder Medikamente beeinflusst gewesen. Vielmehr sei er wohl darüber erschrocken, dass sich der Verbrennungsmotor seines Hybridfahrzeuges zugeschaltet habe.
Daraufhin habe er bremsen wollen. Stattdessen drückte er das Gaspedal. Durch zunehmende Geschwindigkeit geriet er in einen Ausnahmezustand. So sei er nicht in der Lage gewesen, diese "kognitive Fehlleistung" zu korrigieren, sagte die Richterin.
Mutter und ihre zwei Kinder gestorben Urteil im Prozess um drei Tote in Esslingen: Autofahrer erhält Bewährungsstrafe
Das Amtsgericht Esslingen hat am Donnerstag einen 55-Jährigen zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Er hatte eine Frau und ihre zwei Söhne angefahren und getötet.
Anwalt: Nebenklage will Berufung einlegen
"Das Urteil war vorhersehbar", sagt Markus Schwab, Anwalt von Maria Ribisi. Aber drei Menschen seien tot. Er werde noch am Abend Berufung einlegen. In diesem Punkt spreche er für alle Nebenkläger. Mit dem Urteil könne man nicht zufrieden sein. Es seien zu viele Fragen offen geblieben. Die von ihm beantragte Blutuntersuchung sei nicht gemacht worden. Was, wenn der Unfallfahrer aufgrund von beispielsweise synthetischen Drogen den Unfall verursacht habe? Das müsse vor dem nächst höheren Gericht, dem Landgericht Stuttgart, aufgearbeitet werden.
SWR-Reporterin Bernice Tshimanga erläutert das Urteil in Esslingen:
Die Richterin hatte hingegen in ihrer Urteilsbegründung auf ein toxikologisches Gutachten verwiesen. Dieses hatte ergeben, dass der Unfallfahrer während des Unfallzeitpunkts nicht durch Alkohol oder andere Rauschmittel beeinflusst gewesen sei.
Mann der Getöteten: "Wir sind lebenslang verurteilt"
Rocco Mangialardo, der Mann der getöteten Mutter, hatte während der früheren Prozesstage geschwiegen. Nach dem Urteil wendet er sich an die Öffentlichkeit. "Das Urteil ist eine Frechheit!", sagt er. "Der Mann hat drei Menschen getötet. Mir wurden Frau und Kinder genommen. Wir sind zu lebenslang verurteilt."
Den Angehörigen ist bewusst, dass selbst eine Gefängnisstrafe ihnen nicht ihr Leid nehmen würde. Aber sie wollen "wenigstens Gerechtigkeit" - das sagen die Angehörigen immer wieder. Und sie hätten gern eine weitergehende Reaktion des Angeklagten gehabt, um zu verstehen, wie es zu dem Unfall kommen konnte.
Angeklagter hielt Blick gesenkt
Bei der Urteilsbegründung hielt der Angeklagte den Blick gesenkt - meistens in Richtung Richterin. Auch er schien mit seinen Emotionen zu kämpfen.
Wie es weitergeht? "Ich versuche nach vorne zu schauen, weiterzuleben", sagt Guetano Ribisi. "Auch für den Sohn und die anderen Enkelkinder." Seine Frau Maria Ribisi sagt: "Meine Tochter ist jeden Tag bei mir. Ich spreche mit ihr. Und wenn Freunde der Tochter anrufen, dann denke sie, dass die Tochter auch dabei sei. "Das gibt mir Mut."