"Ich bin morgens aufgewacht, fuhr mir so durch das Gesicht und habe gedacht, oh, das ist weg. Also ich habe eine taube Gesichtshälfte." So erging es Ela Kirchner aus Esslingen eines Morgens, erzählt sie. Damals wusste sie noch nicht, dass sie die Nervenerkrankung Multiple Sklerose (MS) hat. 20 Jahre später sitzt sie im Rollstuhl und tritt mit einem Optimismus als Sängerin auf, für den ihr Mann und Wegbegleiter größte Bewunderung hat. Am diesjährigen Welt-MS-Tag am Samstag singt Ela Kirchner passend zum Motto "Diagnose Multiple Sklerose. Jetzt erst recht!“ in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) und ihrer Heimat Esslingen.
Diagnose Multiple Sklerose: ein schlechter Aprilscherz?
"Wenn ich sage, dass ich MS habe, dann sagen Leute, 'Oh, das tut mir leid'. Und ich sage mittlerweile: Mir nicht", sagt Kirchner. Sie hadere schon lange nicht mehr mit ihrer Krankheit: "Mir geht es wunderbar, und ich erfahre so viel Unterstützung, Freundlichkeit und Liebe." Rückblickend nennt die 52-Jährige ihre MS-Diagnose vor 20 Jahren "meinen persönlichen April-Scherz", es war nämlich der 1. April 2006.
Diese Leichtigkeit hatte Kirchner jedoch nicht schon immer. Die Diagnose Multiple Sklerose war damals ein Schock für sie: "Ich hab' tatsächlich gedacht: Die Welt geht unter." Als alleinerziehende Mutter war sie sich damals unsicher, wie sie ihr Kind weiter betreuen kann oder wie es mit dem Arbeiten klappt. "Ich war völlig hilflos mit dieser Situation zunächst."
Über Krankheit reden? Angst vor der Reaktion von Arbeitskollegen
Doch so schlimm wie befürchtet war es erstmal gar nicht. Es ging alles weiter wie zuvor: Kirchner ging weiterhin arbeiten, ist gereist, hat Fahrradtouren gemacht und jedes Fußballspiel ihres Sohnes besucht. MS wird jedoch die Krankheit der 1.000 Gesichter genannt – denn bei jedem der rund 280.000 Betroffenen in Deutschland entwickelt sich der Krankheitsverlauf anders. Bei Kirchner war als Nächstes das Laufen immer schwerer möglich. Auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, machte ihr damals Angst.
Wenn irgendjemand mal erfährt, dass ich MS habe, dass die Leute dann denken: Mit der brauchst du nicht mehr rechnen, denn irgendwann kann die das dann alles nicht mehr. - Das war immer meine Angst, dass niemand mehr mit mir rechnet.
Also kämpfte sie sich trotz abnehmender Kraft in den Beinen auf die Arbeit: "Ich habe das ja auch lange im Geschäft gar nicht gesagt. Erst als ich wirklich so stark gehumpelt habe, habe ich gedacht, jetzt muss ich mal drüber reden." Kirchner hatte Angst vor negativen Reaktionen von Arbeitskollegen. Doch die Angst war bisher jedes Mal unbegründet, sagt Kirchner, die bis heute als kaufmännische Ausbilderin arbeitet.
Elas Mann: "Ela hat eine Energie, das ist Wahnsinn"
"Ich bin ein sehr optimistischer Mensch", sagt Ela Kirchner und so machte sie nicht weniger, sondern eher mehr: Sie entdeckte das Singen für sich. Musik spielte schon immer eine große Rolle in ihrem Leben. Aber irgendwann fing sie dann an, mit ihrem Mann Andreas zusammen Musik zu machen. Der Gitarrist mit Künstlernamen Buddy findet seine Frau "unglaublich stark. Also Ela hat eine Energie, das ist Wahnsinn. Sie lässt sich da von nichts unterkriegen. Sie hat eine Power und geht positiv damit um. Und das ist, glaube ich, auch wichtig, um das Gute zu sehen."
Als es dann mit dem Laufen immer schwerer wurde, hat Ela Kirchner sich einen Rollstuhl zugelegt. Heute ist ihr Rollstuhl gar nicht mehr wegzugdenken, sie nennt ihn ihren "besten Kumpel": "Ich hab gedacht, der schränkt meine Freiheit ein, dabei hat er mir meine Freiheit zurückgegeben." Angst habe sie heute keine mehr: "Was soll jetzt noch kommen? Ich werde das machen, was ich die ganze Zeit gemacht habe. Ich werde alles tun, was ich tun kann, worauf ich Lust habe."
Als Band "Ela und die Herzensbrecher" durch Baden-Württemberg
Elas Herzensprojekt: Das Ehepaar Kirchner spielt mit Akkordeonspieler Manne und Bassist Hardy als Band. Gemeinsam singen sie Schlager und heißen "Ela und die Herzensbrecher" - seit Mittwoch sind sie auf Straßentour durch Baden-Württemberg unterwegs. Was sie an Geld einsammeln, spenden sie dem Verein Amsel, welcher sich für Menschen mit Multipler Sklerose engagiert.
Zum Welt-MS-Tag ist Ela Kirchner besonders eins wichtig: "Begegnung auf Augenhöhe. Wir brauchen keine Sonderbehandlung." Sie gehe nicht auf die Bühne als Sängerin trotz Krankheit, sagt die MS-Betroffene: "Ich mache es nicht trotzdem, sondern ich mache das."