Aufgewachsen in Offenbach am Main, wohnhaft in Stuttgart: Musiker Haftbefehl prägt seit seinem Durchbruch 2010 die Deutschrap-Szene wie kaum ein anderer. Die Netflix-Dokumentation "Babo - die Haftbefehl Story" zeigt, wie die Kokain-Sucht ihn fast sein Leben gekostet hätte. Im Interview mit SWR Aktuell erklärt Drogenberaterin Elena Feller, warum sie die Doku so wichtig findet. Außerdem geht es in dem Gespräch um die Folgen von Kokain-Konsum und darum, was Freunde und Angehörige machen können.
SWR Aktuell: Frau Feller, im Deutschrap geht es immer wieder um Drogen. Manchmal werden sie glorifiziert, manchmal verteufelt. Was macht das mit Fans?
Elena Feller: Die Glorifizierung ist gefährlich. Denn das, was die Fans von ihren Stars an Coolness, Spaß und Energie sehen, ist nur ein Teil. Ein Teil, der in dem Moment auf der Bühne sicherlich auch gelebt wird, aber die Folgeerscheinungen sehen dann viele nicht.
SWR Aktuell: Welche Folgeerscheinungen meinen Sie?
Elena Feller: In der Haftbefehl-Doku sieht man diese Folgen gut: Wie er seine Familie enttäuscht, er sich verändert. Ganz zu schweigen von seiner Gesundheit. Und man darf auch nicht vergessen, wie teuer das ganze ist. Haftbefehl und andere erfolgreiche Rapper können sich das leisten, andere nicht. Dann verliert man seine Wohnung, seine Arbeit.
Das ganze passiert auch nicht von heute auf morgen. Und das ist das Gefährliche daran, weil man immer denkt, man hat es noch im Griff. Aber das ist ein Prozess, den viele nicht richtig voraussehen.
SWR Aktuell: In seiner Instagram-Story hat Haftbefehl eine Nachricht von einem Fan geteilt. Dieser schrieb: "Wahrscheinlich hast du mir mit dieser Doku mein Leben gerettet!" Er habe sich das Koksen bisher immer schön geredet. Kann so eine schonungslose Doku also auch etwas bewirken?
Elena Feller: Ich glaube, die Doku ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie krass Drogen einen beeinflussen und verändern können. Das wird deutlich. Ich finde die Haftbefehl-Doku ein sehr gutes wie abschreckendes Beispiel für Drogen-Konsum.
Diese 25 Jahre, die Haftbefehl das mitgemacht hat, waren auch nur deswegen möglich, weil er Haftbefehl ist. Ein erfolgreicher Musiker, der die finanziellen Mittel und auch das Standing hat, dass die Menschen immer noch auf ihn warten.
SWR Aktuell: "Sie werden am Kokain sterben", sagt eine Therapeutin als Haftbefehl 2022 in eine Klinik kommt. Trotzdem haut er in einer Nacht- und Nebelaktion ab. Er selbst sagt darüber: "Es war keine Sache, die ich in der Hand hatte." Frau Feller, woher kommt dieses Gefühl, dem Konsum so ausgeliefert zu sein?
Elena Feller: Das ist einfach die Sucht, das Krankheitsbild. Dieses Gefühl, dem Konsum alles unterzuordnen, das ist ein Symptom der Abhängigkeit.
KOMBO soll Leben retten Erster sicherer Drogen-Konsumraum in Stuttgart eröffnet
Unter Aufsicht sicher konsumieren, das können suchtkranke Menschen nun auch in Stuttgart. Der Konsumraum gehört zu einem ganzheitlichen Konzept und soll in Zukunft Leben retten.
SWR Aktuell: Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren in einem Bereich, der mit Drogen zu tun hat. Nimmt der Konsum von Kokain zu?
Elena Feller: Ja, und gerade Kokain ist eine sehr verherrlichte Droge, die auch etwas mit Status zu tun hat. Auch weil sie eine unfassbar teure Droge ist.
SWR Aktuell: Haftbefehl hat offenbar schon als 13-Jähriger angefangen, Kokain zu konsumieren. Kennen Sie solche Fälle auch aus Stuttgart?
Elena Feller: Ja, ich kenne vereinzelt Klientinnen und Klienten, die super früh angefangen haben. Ähnlich wie bei Haftbefehl sind die Voraussetzungen bei ihnen schwer. Zum Beispiel, wenn der eigene Vater Suizid begangen hat oder wenn im direkten Umfeld Drogen konsumiert werden. Es gibt nach wie vor eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Es gibt Menschen, die haben es leichter, die verfallen nicht so leicht den Drogen.
SWR Aktuell: Je früher jemand mit dem Drogen-Konsum anfängt, desto schwieriger ist es, damit aufzuhören - ist das so?
Elena Feller: Auf jeden Fall. Wenn jemand wie Haftbefehl mit 13 Jahren angefangen hat, dessen Alltag, dessen Gewohnheiten richten sich nach den Drogen. Die Bewältigung von Krisen ist oft zwangsläufig mit Drogen verknüpft. Das ist ein Teufelskreis, aus dem es schwierig ist herauszukommen.
SWR Aktuell: In der Doku sieht man nicht nur den Zerfall von Haftbefehl selbst, auch seine Familie und seine Freunde leiden darunter. Was sind Ihre Erfahrungen? Welche Auswirkungen hat der Konsum auf das Umfeld von Betroffenen?
Elena Feller: Die Sorgen sind riesengroß. Da sind Ängste zum Thema Gesundheit und auch um das Überleben: Wie geht das Leben weiter? Auch das Thema Enttäuschung spielt eine große Rolle. Das Vertrauen geht oft verloren.
SWR Aktuell: Zum Schluss bringt Haftbefehls jüngerer Bruder ihn in eine Klinik in der Türkei. Wie können Angehörige Betroffenen sonst noch helfen?
Elena Feller: Trotz allem ist Verständnis ganz wichtig. Egal, um was es geht, niemand will bevormundet, unter Druck gesetzt und mit Vorwürfen konfrontiert werden. Also Verständnis für die Suchterkrankung selber und dafür, dass das Loskommen von den Substanzen ein Prozess ist. Das dauert in der Regel eine ganze Weile, bis man davon wieder richtig losgekommen ist. Da Geduld zu üben und Unterstützung anzubieten, das ist wichtig. Aber man muss auch als Angehöriger nach sich selbst schauen.