Kommunen fordern mehr Geld für Eingliederung

Inklusion: Rebekkas Familie kämpft für 14-Jährige - Eltern sind oft auf sich gestellt

Ohne ihre Eltern wäre Rebekkas Leben mit Downsyndrom anders. Kinder mit Behinderung sind bei der Inklusion oft auf Eltern oder Kommunen angewiesen. Letztere müssen aber sparen.

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Von Autor/in Natalie Meyer, Jürgen Rose

Ausschneiden, kleben, beschriften. Hausaufgaben gehören nicht zu Rebekkas Lieblingsbeschäftigungen. "Hier wird beschriftet, beschriften, beschriftet", stöhnt sie während sie ein Bildchen nach dem anderen von fremden Ländern in ihr Geografieheft klebt. Zum Glück bekommt sie Hilfe von ihrem großen Bruder Franz. Rebekka ist vierzehn Jahre alt und besucht eine Werkrealschule in Stuttgart. Obwohl sie mit dem Downsyndrom lebt. Für ihre Eltern ist das keine Selbstverständlichkeit.

Rebekka Lämmlein
Rebekka und ihr Bruder Franz bei den Hausaufgaben.

"Es war schwierig. Dir werden als Eltern Optionen zur SBBZ gar nicht richtig gezeigt. Das hat uns belastet", sagt ihre Mutter Caroline Lämmlein. Ein SBBZ, also ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, kam für die Familie nicht infrage. Sie wollten, dass ihre Tochter mitten in der Gesellschaft aufwächst.

Heute ist Rebekka selbstständig, geht ihren eigenen Weg. Doch das lag an der Familie, nicht am System der Inklusion. "Sie muss sich einfach durchboxen, weil sie mithalten möchte und kann. Es gibt Länder, wo es anders und besser funktioniert", kritisiert Caroline Lämmlein. Deutschland habe da noch Möglichkeiten nach oben.  

In einigen nordeuropäischen Ländern wie Schweden oder Dänemark versucht man, Kinder mit Behinderung hauptsächlich an Regelschulen zu unterrichtet. In den Niederlanden etwa gibt es klarere Zuständigkeiten, dort gibt es die Sorgpflicht aller Regelschulen, Kindern mit Behinderung Unterstützung anzubieten.

Caroline Lämmlein und Rebekkas Bruder helfen der 14-Jährigen, ein Leben mitten in der Gesellschaft zu führen. Dazu gehört nicht nur Hilfe bei den Hausaufgaben und der Besuch der Realschule. Die ganze Familie unterstützt Rebekka im Alltag. Nicht nur bei den Hausaufgaben oder schulischen Aktivitäten. Rebekka kann auch ihren Hobbys nachgehen: Sie geht tanzen, reitet und macht gerade ein Praktikum - ohne das Engagement der Eltern für ein Kind mit Downsyndrom undenkbar.

Sie muss sich durchboxen. Es gibt Länder, wo es besser funktioniert.

Caroline Lämmlein
Caroline Lämmlein will ihrer Tochter Rebekka ein Leben mitten in der Gesellschaft ermöglichen.

Mögliche Kürzungen bei Leistungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung

Inklusion ist auf kommunaler Ebene für Betreuungs- und Unterstützungsangebote in der Schul- und Freizeit aus Sicht vieler Landkreise kostspielig. Laut Landkreistag gaben die Stadt-und Landkreise brutto insgesamt 3,1 Milliarden Euro für Leistungen der Eingliederungshilfe aus. 2025 rechnen sie mit 3,5 Milliarden Euro. Kosten, die sie größtenteils selbst tragen. "Wir erwarten von allen Parteien der künftigen Regierung, dass sich das Land stärker an den Eingliederungskosten beteiligt, die für Kinder und Jugendliche mit Behinderung oder Unterstützungsbedarf entstehen", teilte der Landkreistag auf SWR-Anfrage schriftlich mit.

Ohne zusätzliche Mittel könnten Leistungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen gekürzt werden. Bei den laufenden Sondierungsgesprächen von Grüne und CDU ist das Thema Bildung ein zentraler Punkt. Diskutiert wird unter anderem ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr. Dafür könnte an anderer Stelle gespart werden. Das macht auch Landrat Bastian Rosenau (parteilos) Sorgen. In der SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" sagte er, dass zwar vieles auch ohne finanziellen Aufwand machbar wäre. "Aber die Lage ist angespannt. Wir würden gern mehr tun. Wir sehen Bund und Land in der Pflicht, sich noch stärker zu beteiligen."

Samuel Koch für kreative Lösungen bei Inklusion

Samuel Koch, der seit einem Auftritt bei "Wetten, dass…?" querschnittsgelähmt ist, forderte in der Sendung, weniger in Regelungen zu verharren und kreative Ansätze bei der Inklusion in Deutschland zu finden. "Leute müssen sagen: Wir finden eine Lösung, finden neue Wege, statt: Das können wir uns nicht leisten. Das sind die eigentlichen Barrieren!"

Solche kreativen Lösungen entgegen den Regeln hat Rebekka Lämmlein mithilfe ihrer Eltern gefunden. Die 14-Jährige hat gerade einen Praktikumsplatz in einem Altersheim bekommen. Dort hilft sie in der Küche und hilft bei der Freizeitgestaltung. Nächstes Jahr wird sie die Realschule verlassen. Voraussichtlich ohne Abschluss. Ob sie danach auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten wird, ist unklar. Aber sie hat einen Traum. "Ich werde ein Koch sein", erklärt Rebekka stolz, während sie Kuchen für die Rentner auf Tellern platziert.

Für die Zukunft wünschen sich Rebekka und ihre Familie bessere Inklusionsangebote, damit andere Kinder auch ohne Einsatz der Eltern viele Chancen haben, mitten in der Gesellschaft mit Behinderung zu leben.

Samuel Koch setzt sich für Inklusion ein
Samuel Koch setzt sich für Inklusion ein.
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Autor/in
Natalie Meyer
Natalie Meyer ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".
Jürgen Rose
Jürgen Rose ist Teil der Redaktion von "Zur Sache! Baden-Württemberg".

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