Als es am 1. Januar 2026 im Wintersportort Crans-Montana zu der Brandkatastrophe mit 41 Toten und 115 Verletzten kommt, hat Gwenaëlle Morgant Nachtschicht. Sie arbeitet auf der Palliativstation im Marienhospital. Die gebürtige Französin kümmert sich am Marienhospital eigentlich um Angehörige von Sterbenden und leitet ein Trauercafé.
Die Begleitung des Brandopfers und seiner Familie war auch für sie eine absolute Ausnahmesituation. Im SWR-Interview erzählt sie, wie sie den Eltern eine Stütze sein konnte und was sie aus der Zeit mitgenommen hat.
SWR Aktuell: Wie kam es dazu, dass Sie Esteban und seine Familie begleitet haben?
Gwenaëlle Morgant: Die Geschäftsführung fragte mich, ob ich eine französischsprachige Familie betreuen kann. Auf das, was dann kam, war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich hatte die Nachrichten nicht angeschaut, weil ich Nachtdienst hatte. Ich wusste nur, da ist ein junger Mann bei uns, seine Eltern sprechen Französisch und brauchen Hilfe. Am Anfang dachte ich, es geht um eine Betreuung von einer Stunde.
SWR Aktuell: Daraus wurden dann 50 Tage. Wie haben Sie die Familie unterstützt?
Morgant: Am Anfang war ich vor allem bei Esteban zum Übersetzen. Er hat ja einige OPs und ich war dabei für die Aufklärung. Aber er war isoliert, um ihn vor Keimen zu schützen. Daher habe ich mich später mehr um die Eltern gekümmert, obwohl das anfangs gar nicht so geplant war.
SWR Aktuell: Wie ging es den Eltern von Esteban?
Morgant: Sie standen unter Schock. Sie sind von einem Freund nach Stuttgart gefahren worden und hatten nur einen kleinen Rucksack mit. Dazu kam die Sprachbarriere. Die Mutter versteht zwar etwas Deutsch, aber nicht die Fachsprache, die im Krankenhaus gesprochen wird. Das hat dazu geführt, dass die Eltern wirklich hilflos waren.
SWR Aktuell: Aber Ihre Hilfe ging weit über das Übersetzen hinaus, oder?
Morgant: Ja, ich habe sie wirklich jeden Tag im Krankenhaus getroffen und von morgens bis abends begleitet. Sie haben dort im Schwesternwohnheim geschlafen während der 50 Tage. Ich habe sehr viel mit ihnen gesprochen. Man kann fast sagen, es war eine Art Trauerbegleitung. Sie sind durch so viele Gefühle gegangen und hatten auch immer wieder Angst, dass ihr Sohn stirbt.
SWR Aktuell: Das Klinikum schreibt auf seiner Website, Sie haben immer wieder für Lichtblicke für die Familie gesorgt. Was waren das für Lichtblicke?
Morgant: An einem Tag, als Esteban operiert wurde, bin ich mit seinen Eltern in die Wilhelma. Weil wir wussten, dass die OP Stunden dauern würde. Das war wirklich schön, weil ich die Eltern da zum ersten Mal entspannt gesehen habe. Außerdem sind wir in die Stadt gegangen zum Einkaufen, weil sie ja keine Klamotten dabei hatten.
SWR Aktuell: Esteban wurde jetzt aus dem Marienhospital entlassen. Haben Sie noch Kontakt zur Familie?
Morgant: Ja, täglich. Es ist wirklich eine Freundschaft entstanden. Ich bin sehr froh, dass es Esteban jetzt viel besser geht. Er ist wieder zuhause und kann Physiotherapie machen. Was mich besonders berührt hat, war unser Abschied. Ich hatte ihm zu Beginn Legos geschenkt, die hat er mir zum Abschied zusammengebaut zurück geschenkt. Das war für mich so schön, auch weil es ein Symbol war. Diese Hände, die so verbrannt waren, konnten plötzlich wieder etwas machen.
SWR Aktuell: Wie geht es Ihnen nach diesem fordernden und emotionalen Einsatz?
Morgant: Ich merke, dass es noch in mir arbeitet, auch durch das mediale Interesse. Aber ich bin aktuell im Kloster und gönne mir hier viel Ruhe und Stille. Ich kann am Ende viel Positives aus dieser Zeit ziehen. Ich habe bei uns im Krankenhaus so viel Menschlichkeit erlebt. Die Geschäftsführung hat zum Beispiel einen Translator gekauft für die Intensivstation, damit Esteban auch auf Französisch mit dem Pflegepersonal kommunizieren kann. Einer unserer Köche hat sich mit der Mutter zusammengesetzt und für eine Woche einen Speiseplan erstellt, weil Esteban das kalte Abendessen nicht schmeckte, es aber wichtig war, dass er gut aß. Jeder hat an seinem Platz getan, was er konnte.