Von sexuellem Missbrauch bis hin zu Mord

Interview zu jugendlichen Gewaltnetzwerken: Wie groß ist ihr Einfluss?

In Esslingen stehen Jugendliche unter Verdacht des sexuellen Missbrauchs und eines geplanten Mordes. Ein Experte erklärt, was digitale Gewaltnetzwerke damit zu tun haben könnten.

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Stand

In Esslingen wurden am vergangenen Freitag vier Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren festgenommen. Eigentlich hatte das Cybercrime-Zentrum Baden-Württemberg wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in sogenannten Online-Netzwerken ermittelt. Im Rahmen dieser Ermittlungen sind die Beamten auf andere Pläne von Jugendlichen aufmerksam geworden. Vier von ihnen hatten sich wohl verabredet, um einen weiteren Jugendlichen vor der Schule abzupassen und ihm Gewalt zuzufügen - bis hin zur Tötungsabsicht, so die Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Zwei der Jugendlichen befinden sich nach wie vor in Untersuchungshaft.

Die Schilderungen der Ermittler erinnern an jugendliche Communties im Internet, die aktuell immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Miro Dittrich kennt sich mit diesen Communities aus. Er arbeitet als Senior Researcher zum Thema Rechtsextremismus bei CeMAS, einer gemeinnützigen Gesellschaft, und erforscht die Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft, mit Fokus auf menschen- und demokratiefeindliche Phänomene im digitalen Raum. Dabei geht es auch um Vernetzung und Radikalisierung online. Jetzt hat er das Research Paper "Gewalteskalation als System - Nihilistic Violent Extremism" veröffentlicht, in dem es um internationale jugendliche Netzwerke geht, die teils zu schwerer Gewalt aufrufen und diese auch ausführen.

SWR Aktuell: Sie beobachten Communities, die möglicherweise Ähnlichkeiten zu den Festnahmen in Esslingen aufweisen. Was sind das für Communities?

Miro Dittrich: Über die letzten Jahre hat sich im Digitalen eine Gemeinschaft entwickelt, die unterschiedliche Teile enthält, die in der Forschung derzeit "nihilistic violent extremism" (NVE) genannt wird, also nihilistische Gewalt. Diese unterscheiden sich nochmal in unterschiedlichen Aspekten. Wir sehen, es geht ihnen zentral um den Untergang. Sie wollen Zerstörung auslösen. Sie kommen digital in Gemeinschaften zusammen und dort kriegen sie Anerkennung, wenn sie Gewalt ausüben. Wir sehen dort sehr schnelle Radikalisierungsspiralen. Ein anderes Merkmal, was wir sehen, ist, dass es fast alles Minderjährige sind, die dort andere Minderjährige anstacheln, Gewalttaten zu begehen, andere zu erpressen, aber eben auch hin bis zu terroristischen Taten, die hier geplant werden.

SWR Aktuell: Wie außergewöhnlich sind dann Fälle, in denen sich Jugendliche im Internet verabreden und gemeinschaftlich einen Mord planen, wie es möglicherweise in Esslingen der Fall war?

Dittrich: Es ist sehr üblich für diese Communities, dass diese Dynamiken sich so entwickeln. Um Anerkennung zu bekommen, muss man Gewalt ausüben. Und wir sehen das sehr stark, dass es so eine eskalierende Spirale ist, also dass hier sehr schnell Gewalt ausgeübt werden muss. Weltweit stehen im Kontext dieses Phänomens 15 Morde. Also es ist nicht unüblich für diese Gemeinschaft, dass dieser Druck, der erzeugt wird, auch dazu führt, dass es bis zu Morden kommt.

SWR Aktuell: Im Fall Esslingen wird auch wegen sexuellen Missbrauchs im Internet ermittelt und im Zuge dieser Ermittlungen sind die Beamten auf den womöglich geplanten Mord gekommen.

Dittrich: Ja, das ist leider tatsächlich Normalität. Ein Teil der Dynamiken dieser Gruppen, ist sogenannte Sextortion, also Erpressung über erzwungenen Nacktbilder. Und das passiert nun mal mit Minderjährigen. Das heißt, unter falschen Vorwänden wird eine Beziehung mit Minderjährigen aufgebaut, es werden von ihnen Nacktbilder gefordert, um sie dann damit zu Gewalttaten zu erpressen.

SWR Aktuell: Sie haben heute, am Mittwoch, eine Publikation veröffentlicht, in der es um ähnliche Fälle geht, auch in Baden-Württemberg. Was für Fälle sind das?

Dittrich: Wir haben im Raum Stuttgart gesehen, dass eine dieser Gruppen nicht nur Menschen erpresst, sondern dass sie sich mehr ins Terroristische entwickelt und in diesem Kontext Brandanschläge im Raum Stuttgart verübt hat und die Videos davon online geteilt hat.

SWR Aktuell: Für Eltern, Lehrende oder die Gesellschaft allgemein klingt das alarmierend. Was müsste denn die Gesellschaft oder die Politik tun, um dem etwas entgegenzusetzen?

Dittrich: Wir sehen einen sehr erschreckenden Trend im Rechtsterrorismus, aber auch in diesem Feld allgemein, dass vermeintliche Täter immer jünger werden. Wir sehen ganz klar eine Generation, die sehr wenig Zukunftsperspektive hat. Also dieses NVE-Feld teilt diese Zerstörung, diesen Untergang. Sie sehen wahrscheinlich auch einen geringen Wert in sich selbst und teilen das dann nach außen. Wir sehen hier ein sehr großes Problem, was die Jugend angeht. Und gerade in solchen Entwicklungen, die derzeit stattfinden, ist es natürlich verheerend zu sehen, dass Jugendberatung eher gestrichen werden und dass es hier weniger Angebote geben soll.

SWR Aktuell: Also wäre Aufklärung oder Sozialarbeit Ihre Empfehlung?

Dittrich: Wir brauchen unterschiedliche Ansätze. Zum einen braucht es natürlich bessere Strafverfolgung, die derzeit zum Glück anläuft, dass diese neue Community besser überwacht wird und Straftaten möglichst schnell verhindert werden. Zum anderen brauchen wir grundsätzliche Antworten der Gesellschaft auf die Probleme. Wir erleben eine immer fragmentiertere Gesellschaft. Es geht um Einsamkeit. Es geht aber auch um fehlende, sinnstiftende Erzählungen, also um fehlende Perspektiven, warum arbeitet man eigentlich, warum tut man etwas? Dazu braucht es mehr Angebote, an die Jugendliche sich wenden können, die in Krisensituationen sind.

Esslingen

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SWR1 Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg

Erstmals publiziert am
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Das Interview führte
Magdalena Haupt
Magdalena Haupt
Onlinefassung
Anna Knake
Anna Knake

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