25 Jahre Hilfe für suchtkranke Mädchen und junge Frauen

"Ein Leben ohne Drogen": Wie JELLA Anna und Linda zurück ins Leben begleitet

Gewalt, Missbrauch und Drogensucht. Wenn es keinen Ausweg mehr zu geben scheint, hilft die Einrichtung JELLA in Stuttgart Mädchen und Frauen zurück ins Leben - seit nun 25 Jahren.

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Stand

Von Autor/in Philipp Pfäfflin

Anna ist 19 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Sie will über die schlimmen Erlebnisse in ihrer Jugend erzählen, dabei aber anonym bleiben: Scheidung der Eltern, Verfolgungswahn, Depressionen, immer wieder die Angst, dass sie entführt wird. Mit einer Freundin fängt sie an zu trinken, nach einem Umzug fängt sie an "Benzos" zu nehmen, also Benzodiazepine. Das sind verschreibungspflichtige Medikamente, die angstlösend und beruhigend sind, aber massiv abhängig machen. Anna besorgt sie sich illegal. Alles, was sie mit ihrem damaligen Minijob verdient, geht dafür drauf. Sie bestiehlt ihre Oma, ihren Vater, prostituiert sich.

Alltag bei JELLA mit klaren Regeln und neuen Chancen

Vor anderthalb Jahren kam sie zu JELLA in Stuttgart, hatte da schon mehrere Klinikaufenthalte und Entzüge hinter sich. JELLA ist eine suchttherapeutische Einrichtung speziell für Mädchen und junge Frauen, die nach eigenen Angaben erste und einzige in Deutschland. Das Besondere: Die Einrichtung ist nur für Frauen. 16 Mädchen und junge Frauen leben dort. Sie sind zwischen 14 und 21 Jahre alt.

Die Regeln sind klar: Wer hier lebt, muss clean sein. Keine Drogen mehr. Wer neu ist, darf erst einmal kein Handy nutzen. Feste Mahlzeiten, Therapie in der Gruppe und Einzelgespräche. Und vor allem müssen die jungen Frauen motiviert sein. Wer nicht kämpft und nicht versucht sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufzubauen, kann auf Dauer nicht bleiben.

Zwei Frauen sitzen sich bei einem Einzelgespräch in der suchttherapeutischen Einrichtung JELLA gegenüber.
Einzelgespräch mit JELLA-Leiterin Heidrun Neuwirth (l.)

Anna: "Ich bin clean und viel selbstbewusster"

Anna ist mittlerweile ziemlich stabil. Das sagen ihre Betreuerinnen und das sagt sie selbst. "JELLA hat mir gezeigt, wie schön auch ein Leben ohne Konsum sein kann und hat mir geholfen, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen und mich selbst überhaupt kennenzulernen." Ein Grund sei sicherlich, "dass man hier nüchtern ist und alles nüchtern meistern muss, aber auch erleben darf". Ohne den strengen Rahmen hätte sie das wahrscheinlich nicht hinbekommen, glaubt Anna, "weil ich halt voll tief im Konsum drin war und auch lange gar nicht eingesehen habe, dass ich überhaupt ein Suchtproblem habe".

JELLA wurde 2001 gegründet. Die heutige Leiterin Heidrun Neuwirth ist seit Anfang an dabei. Sie wundert sich, dass JELLA nach 25 Jahren bundesweit immer noch die einzige Einrichtung ist, die ausschließlich Mädchen und junge Frauen aufnimmt. Auch die Kombination aus Trauma- und Suchttherapie sei einzigartig. Dabei ist der Bedarf groß. Leiterin Neuwirth berichtet von jährlich mindestens 400 Anfragen. "Wir konnten dieses Jahr gerade mal sechs Mädchen einen Platz anbieten. Und allen anderen müssen wir sagen: Melde dich bitte in einem Dreivierteljahr wieder."

Kürzt Bundespolitik Unterstützung für über 18-Jährige?

Dazu kommen die aktuellen Kürzungspläne der schwarz-roten Bundesregierung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Noch laufen die politischen Diskussionen. Unklar ist, wie es mit dem Rechtsanspruch auf ambulante und stationäre Hilfen für junge Erwachsene weitergeht. Wird er gestrichen, müssten wohl junge Frauen wie Anna JELLA verlassen. Denn Anna ist 19, also über der diskutierten Altersgrenze von 18 Jahren.

Ein Bett mit vielen Kuscheltieren. In ihrem Zimmer fühlt sich Linda wohl. Es ist ein wichtiger Rückzugsort für sie.
Das Zimmer von Linda: Hier fühlt sie sich wohl. Ein Rückzugsort, der ihr Sicherheit gibt.

"So etwas wie JELLA gibt es nur hier", sagt Linda. Auch Linda heißt eigentlich anders, auch sie ist 19 Jahre alt, hatte schwere Traumata und unterschiedliche Drogen konsumiert. "Seit Tag 1 bei JELLA geht es mir gut. Ich fühle mich so frei." Sie hat - wie jede junge Frau bei JELLA - ein eigenes Zimmer. Einen Rückzugsort, den sie liebevoll mit Kuscheltieren, Fotos und anderen Erinnerungen gestaltet hat. Hier könne sie mit der Vergangenheit abschließen, die Ängste und Drogen hinter sich lassen. JELLA soll Schutz bieten, wie eine Familie Halt geben.

JELLA-Chefin: "Ich bin stolz auf die Mädchen"

Linda strebt die Fachhochschulreife an. Anna will in zwei Jahren ihr Abitur machen. Wer wie sie schwere Traumata durchgemacht hat und von vielen verschiedenen Drogen abhängig war, der sei mit 18 Jahren nicht bereit, das Leben allein zu meistern, sagt Einrichtungsleiterin Neuwirth. Vielmehr spricht sie von einem lebenslangen Prozess. Sie sagt auch: "Ich bin stolz auf die Mädchen. Ich bewundere den Willen von 14-, 15-Jährigen, die aufhören zu konsumieren, wenn andere gerade erst beginnen. Und es ist wirklich schön zu sehen, wenn es den Mädchen gelingt."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Philipp Pfäfflin
Portraitfoto von Philipp Pfäfflin
Reporter/in
Magdalena Haupt
Magdalena Haupt

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