"Der Fall des tot aufgefundenen Babys in Renningen (Kreis Böblingen) hat uns alle sehr, sehr tief betroffen. Ein Kind hat sein Leben verloren", sagt Dusan Minic, Sozialdezernent im Landratsamt Böblingen. Zusammen mit dem Leiter des Jugendamts Harry Hennig hat er am Montag Stellung zu im Internet kursierenden Vorwürfen genommen. Kommentare wie: "Wohl wieder ein Fall, bei dem das Jugendamt völlig versagt hat ... und jetzt wohl ein Baby auf dem Gewissen hat."
Jugendamt Böblingen weist Kritik zurück
Diesen Vorwurf weist Jugendamtsleiter Hennig deutlich zurück: "Wir sind zumindest soweit, dass wir unsere Abläufe gecheckt haben und können uns vor dem Hintergrund momentan keine Vorwürfe machen. Wir haben da sauber gearbeitet." Schon einige Tage nach dem Leichenfund hatte das Landratsamt mitgeteilt, dass die Mutter dem Jugendamt bekannt war. Sie hatte am Angebot der sogenannten "Frühen Hilfe" teilgenommen, einem Beratungs- und Unterstützungsangebot des Kreises. Dabei geht es um Fragen wie: "Trinkt das Kind genügend?" "Was kann man machen, wenn das Kind nicht genügend zunimmt?" "Gibt es einen Hausarzt?" "Hat die Familie genügend Geld?"
Teil des freiwilligen Angebots sind auch Hausbesuche. Im Fall des Jungen aus Renningen habe sich gezeigt, dass er sich "sehr gut entwickelt", heißt es beim Jugendamt weiter. Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung habe es nicht gegeben. In so einem Fall wäre das Jugendamt sofort eingeschritten, so Amtsleiter Hennig weiter.
Festnahme am Freitagvormittag Nach Fund von Babyleiche in Renningen: Mutter in U-Haft
Polizei und Rettungskräfte hatten in Renningen nach einem drei Monate alten Kind gesucht. Nachdem dieses tot aufgefunden wurde, steht nun die Mutter im Fokus der Ermittlungen.
"Frühe Hilfen": Kurze Wartezeit und hohe Nachfrage
Suchen junge Eltern Hilfe, gibt es im Kreis Böblingen in jeder größeren Kreisstadt Anlaufstellen der "Frühen Hilfe" - in Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg und Leonberg. Die Wartezeiten seien kurz, nach spätestens einer Woche habe man den ersten Kontakt mit der Familie aufgenommen, heißt es beim Landratsamt. Trotzdem habe das Jugendamt mit einem schlechten Image zu kämpfen: "Wir sind zu schnell oder zu langsam", fasst Amtsleiter Hennig die immer wiederkehrenden Vorwürfe zusammen.
Dabei gebe es klare Voraussetzungen, wann das Jugendamt ein Kind aus der Familie nehmen kann. Man muss eine akute Gefährdung feststellen können, die für Leib und Leben besteht, sagt Jugendamtsleiter Hennig. "Es können auch Verdachtsfälle sein, die unter Umständen ein Eingreifen rechtfertigen. Aber dazu braucht man eben Hinweise, unter Umständen von Dritten, wenn man nicht selber vor Ort ist."
Wir erreichen viele Familien im Landkreis.
Im Schnitt rund 400 Familien bitten jedes Jahr beim Jugendamt um Hilfe - Tendenz eher steigend. "Wir haben einen insgesamt sehr hohen Durchlauf und erreichen damit auch sehr viele Familien im Landkreis", sagt Amtsleiter Hennig. Dabei gebe es häufig die Rückmeldung, dass die "Frühen Hilfen" die Familien gut begleitet haben. Den Fall, dass eine Familie dem Jugendamt bekannt ist und ein Säugling stirbt, hat es laut Landratsamt bislang noch nicht im Kreis Böblingen gegeben.
Früheres Kind der Mutter war in Obhut genommen worden
Die Mutter des tot aufgefundenen Babys hat aus einer früheren Beziehung einen weiteren Sohn. Da sie bei der Geburt des Kindes aber sehr jung gewesen sei und für das Kind aus persönlichen Gründen nicht hätte sorgen können, hat es das Jugendamt nach eigenen Angaben in Obhut genommen. Wo dieses Kind lebt und wie es ihm geht, dazu macht das Jugendamt zu dessen Schutz keine Angaben.