Stadt: Gebäude zu hässlich

Streit über Baupläne in Kornwestheim: Soll Bahnpersonal mit dem Auto zur Arbeit?

Die Bahn plant in Kornwestheim ein neues Stellwerksgebäude. Selbst die Parkplatzpläne sorgen dort für Empörung - und den Verdacht: Die Bahn zweifelt am eigenen Verkehrsmittel.

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Von Autor/in Frieder Kümmerer

Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) ist eine Eisenbahnerstadt, nicht zuletzt wegen des großen Rangier-, Güter- und Umschlagsbahnhofs. Deswegen ist es auch für den ersten Bürgermeister Daniel Güthler (parteilos) keine Frage, dass die Stadt die Bahn unterstützen möchte, wenn es um die Förderung und Weiterentwicklung des Bahnverkehrs geht. Doch diesmal ist er von der Bahn schlicht enttäuscht. "Die Bahn will sich mit unserer Kritik nicht auseinandersetzen", beklagt Güthler im Gespräch mit dem SWR.

In dem aktuellen Streit geht es um ein neues Stellwerksgebäude direkt am Bahnhof, das die Bahn ab kommenden Jahr bauen will. Das Gebäude ist laut Güthler allerdings architektonisch nicht hochwertig genug. Außerdem sei es völlig überdimensioniert und vor allem: mit viel zu vielen Parkplätzen geplant. Das sorgt für Frust in der Kornwestheimer Stadtpolitik.

Neues Stellwerk in Kornwestheim für Stuttgart 21

Wie so vieles hängt auch dieses Bauprojekt im größeren Sinne mit Stuttgart 21 zusammen. Denn wenn der neue Stuttgarter Tiefbahnhof einmal in Betrieb ist, soll im Anschluss auch die Region von der modernen digitalen Technik profitieren. Die Bahn will deswegen direkt am Bahnhof Kornwestheim einen sogenannten Bedienstandort bauen, in dem Fahrdienstleiter und Zugverkehrssteuerer die Weichen stellen und den Verkehr lenken. Das ganze soll direkt gegenüber vom markanten Salamander-Areal - auf der anderen Seite der Bahngleise - ab kommendem Jahr gebaut werden. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant. Wie teuer das Gebäude werden soll, möchte die Bahn nicht sagen.

Neuer Standort optimal: direkt am Bahnhof

Man kann sich die Überraschung der Kornwestheimer vorstellen, als die Bahn der Stadt die Baupläne gezeigt hat: 32 Parkplätze sind dort laut Stadt vorgesehen. Dabei sollen im neuen Stellwerk pro Schicht nur 16 Personen arbeiten. Da aber zum Schichtwechsel parallel überlappend 32 Mitarbeitende da sind, seien auch 32 Parkplätze vorgesehen. Bürgermeister Güthler hält das für viel zu viel.

54 Meter lang, 17 Meter breit, 23 Meter hoch soll das Gebäude sein - und 32 Parkplätze soll es für die Bahnmitarbeitenden geben.
54 Meter lang, 17 Meter breit, 23 Meter hoch soll das Gebäude sein - und 32 Parkplätze soll es für die Bahnmitarbeitenden geben.

Viele Parkplätze: Zweifelt die Bahn am eigenen Verkehrsmittel?

"Es war ein Argument der Bahn, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch mit der Bahn oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen sollen", sagt Bürgermeister Güthler. Daher kann er sich über die Zahl der geplanten Autoparkplätze für Bahnpersonal nur wundern. Der Verdacht kommt auf, dass die Bahn ihren eigenen Mitarbeitern die eigene S-Bahn nicht zumuten will. So wirkt es zumindest auf den Bürgermeister. "Ich finde, man hat auch eine Vorbildrolle als Bahn. Und das wird nicht wirklich sichtbar durch die Anzahl der Stellplätze."

Das neue Stellwerk in Kornwestheim war auch Thema in der SWR1-Sendung "Bloß kein Stress!":

Die Bahn reagiert auf SWR-Anfrage zurückhaltend auf die Vorwürfe der Stadt. Von einem Sprecher heißt es dazu: "Die Zahl der Parkplätze orientiert sich nicht an der Zahl der Arbeitsplätze für Fahrdienstleiter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu Arbeitsständen im laufenden Planungsprozess nicht weiter nicht äußern."

Weitere Vorschläge der Stadt werden nicht aufgegriffen

Doch mit der Parkplatzsituation nicht genug: Insgesamt findet die Stadt Kornwestheim das Gebäude - direkt gegenüber des Salamander-Areals - völlig überdimensioniert: 54 Meter lang, 17 Meter breit, 23 Meter hoch. "Das ist so hoch wie acht Wohngeschosse", so Güthler. Das sei ähnlich hoch wie das Salamander-Areal in Sichtweite.

"Die Architektur ist städtebaulich nicht passend. Es ist ein Stadteingang, weil viele Leute hier über den Bahnhof in die Stadt Kornwestheim kommen. Wir haben hier als Stadt Kornwestheim einen höheren Gestaltungsanspruch." Findet er also das Gebäude zu hässlich? Güthler sagt auf die Frage: "Dem kann ich nicht widersprechen, ja."

Noch rollen hier die Bagger und LKW für den Bau eines neuen Abstellgleises, doch ab 2026 soll hier das neue Stellwerk gebaut werden.
Noch rollen hier die Bagger und LKW für den Bau eines neuen Abstellgleises, doch ab 2026 soll hier das neue Stellwerk gebaut werden.

Deswegen hat die Stadt Vorschläge gemacht, sogar einen alternativen Standort vorgeschlagen oder darum gebeten, dass man wenigstens die Dachflächen begrünt oder Photovoltaikanlagen aufs Dach setzt. "Es gibt eine Pflicht, auf jedem Neubau in Baden-Württemberg, egal ob Wohnhaus oder Nichtwohngebäude, eine Photovoltaikanlage zu realisieren." Und dass dies in einem Gebäude der Bahn, das viel Strom verbraucht, nicht vorgesehen ist, wundert ihn. Die Bahn erklärt dazu: "Die mögliche Ausrüstung mit einer Photovoltaikanlage wird überprüft."

Bahn: Kommunen können sich an Planung nicht beteiligen

Tatsächlich hat die Stadt kaum Möglichkeiten, sich einzumischen, da das entsprechende Grundstück als Eisenbahnfläche gewidmet ist. Daher wird der Bau nicht von der Stadt, sondern vom Eisenbahnbundesamt genehmigt.

Wir können weder baurechtlich als Genehmigungsbehörde dort mitreden, noch können wir planungsrechtlich agieren.

Auf keine der Forderungen der Stadt sei die Bahn bisher eingegangen, heißt es, auch wenn es durchaus mehrere Gesprächstermine gab. "Wir hatten gehofft, dass es auch eine ernsthafte Auseinandersetzung gibt mit unseren Argumenten." Das sei aber nicht passiert. "Wir bezweifeln überhaupt nicht, dass das neue Gebäude wichtig ist, aber wir hätten einfach erwartet, dass man auch über Alternativen redet."

Ein Bahnsprecher erklärt dem SWR: "Das geplante Gebäude ist Teil der deutschlandweiten Betriebssteuerungsstrategie der DB InfraGO und unterliegt somit standardisierten Vorgaben sowie sicherheitsrelevanten Anforderungen, die im Kontext kritischer Infrastrukturen zwingend einzuhalten sind." Eine enge Beteiligung von Kommunen sei deshalb grundsätzlich nicht möglich. Das sei der Stadt Kornwestheim auch frühzeitig mitgeteilt worden.

Hoffnung auf das Eisenbahnbundesamt

Der Gemeinderat und die Stadt Kornwestheim hoffen daher nun auf das Eisenbahnbundesamt. Das solle einschreiten und dem Ärger über den geplanten Neubau und die Parkplätze ein Ende bereiten. "Wir haben eine Stellungnahme abgegeben und diese Stellungnahme geht an das Eisenbahnbundesamt", erläutert Güthler. Sollte auch das Eisenbahnbundesamt nicht einschreiten, werde die Stadt prüfen, ob rechtliche Schritte eingeleitet werden.

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Frieder Kümmerer
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