Das größte Bahnprojekt der deutschen Geschichte geht in den Endspurt, nach aktuellen Plänen soll spätestens gegen Ende 2027 Stuttgart 21 vollständig in Betrieb genommen sein. Notwendige Folgeprojekte wie der Bau weiterer Tunnel werden noch bis in die 2030er Jahre gebaut werden.
Das jetzt schon seit 15 Jahren im Bau befindliche Projekt hatte zu seiner Spitzenzeit bis zu 35 Baustellen und 6.000 Angestellte, viele von Ihnen weit weg von der eigenen Heimat. Da stellt sich die Frage, wer ist für diese Menschen da? Wer hat ein offenes Ohr, wenn das Zuhause vermisst wird, wenn die Lieben vermisst werden? Wer hilft mit der Beziehung, wenn die Ferne zu viel wird? Beim Projekt S21 war von Anfang an klar, dass genau deswegen eine Betriebsseelsorge essenziell ist. Sein Name: Peter Maile.
Der Weg zum Seelsorger bei Stuttgart 21
Das Büro des Betriebsseelsorgers befindet sich am Nordbahnhof, ein kleines Rechteck im zweiten Stock eines Baucontainers. Was sofort ins Auge sticht, ist das Luftbild von Stuttgart, welches fast die komplette linke Wand von Mailes Büro einnimmt. Darauf hat der Seelsorger dutzende Bilder seiner Kolleginnen und Kollegen geklebt, denn für diese Menschen ist er hier.
Peter Maile selbst ist ein typischer Diakon. Ruhig, entspannt. Ein Mann, der weiß, wo er gebraucht wird und seinen Job mit Herzblut macht. Doch Diakon, geschweige denn Betriebsseelsorger, war nicht immer Peter Mailes Plan. Seine ursprüngliche Berufswahl war Heizungsbauer. Eine Wahl, die ihm heute auf der Baustelle zugutekommt.
Ich kann die Sprache der Bauarbeiter sprechen und sie verstehen und das ist essenziell für meine Arbeit.
Seinen Wendepunkt hatte Peter Maile durch den Verlust eines engen Freundes, welcher Maile mit der Frage zurückließ: "Was ist tatsächlich der Sinn und was ist mein Sinn, was ist meine Berufung?" Maile entschied sich, Glaube und Beruf zusammen zu bringen. Diese Entscheidung führte ihn zur Diakonie und schlussendlich dann zu der Arbeit des Betriebsseelsorgers.
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Ein Alltag auf der Baustelle von Stuttgart 21
Seit 13 Jahren ist das S21 Projekt nun Peter Mailes Arbeitsplatz. Als einzige Person, die Zugang zu allen Baustellen hat, verbringt der Seelsorger seinen Arbeitsalltag inmitten der Bauarbeiten. Da wo die Menschen sind, und diese kommen mit allem Möglichen zu ihm. "Die Menschen reden über die Probleme, die wir eigentlich im Alltag kennen. Immer wenn wir an den Schnittstellen unseres Lebens sind, wo wir Fragen nach dem woher, wohin, warum, weshalb, wieso. Dann kommen die Leute auf mich zu."
Betriebsseelsorger bei Stuttgart 21: Beziehungen sind ein wichtiges Thema
Vor allem das Thema Beziehungen ist bei den Arbeiterinnen und Arbeitern ein zentrales Thema. Sie stellen sich Fragen darüber, wie sie die Rolle der Eltern gut ausfüllen oder wie sie konstruktiv mit der Partnerin oder dem Partner in Beziehung treten können.
Eines von Mailes Lieblingsbeispielen ist der Vergleich der Schwarzwälder Kirschtorte und des Marmorkuchens, welches er einem hilfesuchenden Arbeiter unterbreitete, der mit seiner Beziehung haderte. "Und dann war klar, er hat sich für den Marmorkuchen entschieden, also im übertragenen Sinne für seine Frau entschieden. Und hat dann erkannt das Sonntagsliebe [die Schwarzwälder Kirschtorte] nur ein Moment ist, aber nichts andauerndes."
Seelsorger: Wertschätzung ist wichtig
Was Peter Maile als Betriebsseelsorger insbesondere wichtig ist: am Arbeitsplatz einen Ort der Wertschätzung zu schaffen. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen das Gefühl haben, mehr als nur eine Arbeitskraft zu sein, die ihre Stunden abbaut.
Der Mensch ist mehr wie eine Arbeitskraft. Der Mensch ist ein göttliches Wesen, der hat ein Charisma, der hat Talente, der kann sich einbringen.
Auf die Frage, wie sein Kredo zu seinen 13 Jahren als Betriebsseelsorger auf der S21 Baustelle lautet, zitiert der Diakon das Alte Testament: "Suchet mich und ihr werdet mich finden, in den Gesichtern der Menschen."
Seelsorge wird überall gebraucht
Für Maile ist klar: Menschen sind Beziehungswesen. Sie brauchen Austausch, sie brauchen einander. Deshalb muss Betriebsseelsorge seiner Ansicht nach überall ein Thema sein, egal ob nun auf der Baustelle, in der Schule oder im Gefängnis. Dort wo Menschen sind, müsse auch Seelsorge sein.
Auch Mailes Kolleginnen und Kollegen sind froh ihn da zu haben. Für sie ist er ein Rettungsanker, ein Fürsorger, jemand der immer für die Leute da ist - und sie auch gerne mal mit Kaffee versorgt.