Der Stuttgarter Performance-Künstler Daniel Beerstecher ist zu einer einjährigen Schweigewanderung durch Deutschland aufgebrochen. Zuvor hatte er angekündigt, am Freitagabend in einem Künstlergespräch in der katholischen Kirche Sankt Maria in Stuttgart für ein ganzes Jahr seine letzten Worte zu sprechen. In den Tagen davor hatte er dem SWR in einem Interview seine Motivation für die Schweigeaktion erklärt.
Schweigen als Reaktion auf die laute Welt
Er habe in den letzten Jahren das Gefühl gehabt, diese Welt werde immer verrückter und lauter", sagt der Künstler, der 1979 in Schwäbisch Hall geboren wurde. "Oder derjenige, der am lautesten brüllt, setzt sich durch." Dem habe er etwas entgegensetzen wollen - "eine Ruhe, Zuhören, Stille". Eineinhalb Jahre hat sich Beerstecher auf die Aktion vorbereitet. Als Achtsamkeits- und Meditationslehrer ist ihm Stille vertraut.
Vor etwa zwei Jahren wollte Beerstecher einer KI das Meditieren beibringen:
Künstler will nur zuhören
Rund 3.000 Kilometer will er zu Fuß zurücklegen - und wer möchte, kann ihn für ein paar Tage begleiten. Für seine Reise hat er sich aber auch intensiv mit dem Thema "Zuhören" beschäftigt. In verschiedenen Städten will er Halt machen und den Menschen, denen er begegnet, einfach nur zuhören. "Ab und zu gibt es die Möglichkeit, dass ich einen Redestab gebe, wo die Person dann Möglichkeiten hat, zu erzählen." Es sei auch möglich, ihn nach zu sich nach Hause einzuladen und zu beherbergen - "dann holt man sich die Stille sozusagen nach Hause", sagt der Künstler.
Sorge vor dem Winter
Während seiner Schweige-Reise wird Beerstecher auch an manchen Orten für eine längere Zeit bleiben. Dazu gehört die katholische St. Maria Kirche in Stuttgart, wo er derzeit für einige Tage ist. In Ettlingen (Kreis Karlsruhe) will er mehrere Wochen in einem Tinyhouse leben. Findet er einmal keine Übernachtungsmöglichkeit, will er seine Outdoorausrüstung inklusive eines Zelts und eines Kochers verwenden. Besonders vor einer Jahreszeit graut es ihm jetzt schon: Er mache sich Sorgen darüber, wenn es in Norddeutschland in dieser kalten Zeit nur wenige Stunden pro Tag hell sei und er trotzdem schweigen werde.
Da weiß ich noch nicht, mit Schweigen und Stille, was das mit einem macht.
Beerstechers Frau wird seine Stimme lange nicht hören
Eine besondere Herausforderung werde für ihn auch, mit seiner Ehefrau zu kommunizieren. Denn während Beerstecher schweigend durch Deutschland wandert, bleibt sie zu Hause in Stuttgart. Um sich auf die Zeit vorbereiten, hätten beide ein Jahr lang immer wieder versucht, sich in die Situation hineinzuversetzen. Trotzdem wüssten sie vorab nicht, wie es sich für beide letztlich in der Realität anfühlen werde und ließen es auf sich zu kommen.
Wir lassen es aufeinander zukommen.
Er werde ihr "wahrscheinlich viel Briefe schreiben", sagt er. "Und sie kann ja sozusagen mit mir reden und ich kann zuhören", so der Künstler. Doch auch wenn Daniel Beerstecher schweigen wird, alleine sein wird er nicht: Eine Assistentin werde im Hintergrund vieles für ihn managen. Außerdem werde ihn ein Dokumentarfilmer ab und zu begleiten, ebenso wie Freunde und Bekannte und Verwandte.