Das Staatsarchiv Ludwigsburg ist eine Schatzkammer für Historiker und Familienforscher. In langen Metallregalen lagern Datensätze aus der Zeit des Nationalsozialismus - mehr als eine halbe Million: vergilbte Blätter, fein säuberlich sortierte Ordner und Originaldokumente. Archivar Hartmut Obst arbeitet seit mehr als 30 Jahren im Archiv. Er beschäftigt sich besonders mit der Zeit der Entnazifizierung, also den Jahren nach dem Kriegsende, von 1945 bis 1951. Täglich melden sich Menschen bei ihm, weil sie mehr über ihre Familiengeschichte zur NS-Zeit erfahren möchten.
Spurensuche im Ludwigsburger Staatsarchiv
Wer eine Anfrage ans Archiv stellen möchte, dem rät Hartmut Obst zu einer Vorrecherche. Mithilfe des Wohnorts könne man herausfinden, an welches Staatsarchiv man sich wenden muss: "Nordwürttemberg wären wir, Nordbaden das Generallandesarchiv Karlsruhe, Südbaden Freiburg und Südwürttemberg dann das Staatsarchiv Sigmaringen. Man sollte Name, Vorname, eventuell Geburtsname, Geburtsdatum und den Wohnort wissen, dann findet man in der Regel etwas."
Doch nicht immer ist die Suche erfolgreich. "Wenn der Wohnort nicht bekannt ist und es gab kein Verfahren, dann hat man eigentlich keine Chance", fügt der Archivar hinzu. Die meisten Dokumente stammen aus Entnazifizierungsverfahren vor den sogenannten Spruchkammern.
Auch Meldebögen - eine Art Selbstauskunft über Tätigkeiten während der NS-Zeit - sind häufig erhalten geblieben. Solche Dokumente bieten wertvolle Einblicke in eine Zeit, über die viele Familien bis heute nur ungern sprechen. In einem Workshop mit dem Titel "War mein Opa ein Nazi?" unterstützt Archivar Hartmut Obst die Teilnehmenden bei der biografischen Forschung. Er erklärt, welche Informationen für die Recherche wichtig sind und welche Unterlagen am häufigsten und am zielführendsten genutzt werden können.
Schweigen in der Familie zur NS-Vergangenheit
So einen Kurs hat auch Detlef Schwarz aus Mannheim besucht, um mehr über die Vergangenheit seiner Familie zu erfahren. Seit mehr als 40 Jahren forscht er bereits nach den Spuren seiner Familie. Für ihn war die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit seiner Familie ein langer und mühsamer Prozess. Sein Großvater war beim Reichsarbeitsdienst, acht Geschwister des Großvaters traten freiwillig der NSDAP bei. Doch in seiner Familie wurde darüber geschwiegen, wie Schwarz berichtet: "Ich komme aus so einer Schweigerfamilie. Meine Mutter hat auch den Spruch gesagt: 'Erzählt nichts.' Und da habe ich mich jahrelang dran gehalten. Aber wenn man über die Sachen weiter schweigt, dann bleiben die Geheimnisse geheim. Es kann sich nichts ändern, nichts öffnen. Wenn man die Geheimnisse weitererzählt, löst sich dann auch der Knoten."
Mithilfe von Internetportalen sucht er nach alten Wohnorten und versieht historische Familienfotos mit Namen. Besonders wertvoll ist für ihn der Austausch mit Verwandten. Von seiner Cousine erhielt er eine ermutigende Nachricht im Familienchat: "Ich finde es toll, dass du dich so für die Vergangenheit unserer Eltern und Großeltern interessierst. Ich habe noch einiges Material von der Familiengeschichte. Durch KI konnten auch einige Schriftstücke aus Sütterlin übersetzt werden." Sütterlin ist eine deutsche Schreibschrift, die von 1914 bis 1941 in Schulen unterrichtet wurde.
Trotz technischer Hilfsmittel bleibt für Schwarz das persönliche Gespräch mit Zeitzeugen unersetzlich: "Mein Großvater war überzeugter Nazi, und für mich kann trotzdem die Sonne scheinen. Ich will trotzdem wissen, was da los war. Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt, aber wenn ich ihn kennenlernen würde, dann würde ich auch nachfragen: Was war denn da los? Warum hast du das gemacht? Diese Frage bleibt natürlich offen." Fast täglich beschäftigt Detlef Schwarz sich mit der Recherche. Inzwischen erforscht er auch die Familiengeschichte seiner Frau.
Archive sind wichtig im Kampf gegen das Vergessen
Für den Ludwigsburger Archivar Hartmut Obst ist seine Arbeit nicht nur Beruf, sondern auch gesellschaftlicher Auftrag. Er sieht die Quellen als unverzichtbare Grundlage, um das Vergessen zu verhindern. Denn das beste Mittel dagegen sei Bildung: "Und Bildung braucht eine Grundlage. Wir haben die Quellen dafür. Wir haben hier die authentischen Quellen, und das ist so eine einmalige und wichtige Überlieferung. Die darf einfach nicht verloren gehen."
Doch die Zeit drängt: Die Dokumente sind aus Papier, und Papier zerfällt mit der Zeit. Die Digitalisierung könnte eine Lösung sein, doch sie ist teuer und zeitintensiv. Archivar Obst schätzt, ein zehnköpfiges Team bräuchte allein für die Entnazifizierungsakten in Ludwigsburg rund 20 Jahre, um alles zu digitalisieren.