Stuttgart Anfang Dezember: Wolfgang Kimmig-Liebe ist im Stress. Mehr als 40 Termine stehen dieses Jahr in der Vorweihnachtszeit bei ihm an. Mehr als 5.000 Menschen will er besuchen - auf Weihnachtsmärkten, in Altersheimen, in Kindergärten oder im Hospiz. Oft sind es mehrere Termine an einem Tag. Zig Mal war er als Nikolaus auch schon im Ausland. Obwohl er schon 70 Jahre alt ist, verfolgt er unaufhaltsam seine Mission: Der Nikolaus soll Menschen glücklich machen.
SWR Aktuell: Herr Kimmig-Liebe, andere Männer machen es sich mit 70 im Fernsehsessel gemütlich und genießen einfach den Ruhestand. Was treibt Sie an, als Nikolaus von einem Termin zum nächsten zu hetzen?
Wolfgang Kimmig-Liebe: Wenn ein Mensch wieder gesund wird durch die Begegnung mit mir, das treibt mich an. Oder wenn ein Mensch wieder an sich selbst glaubt. Wenn Menschen ein bisschen von der Ellenbogengesellschaft Abstand nehmen und stattdessen, sagen wir mal, alten Leuten in der Straßenbahn Platz machen. Wir müssen lernen, wieder mehr füreinander da zu sein. Das ist meine Botschaft. Das möchte ich auch Kindern vermitteln, die ich als Nikolaus besuche.
SWR Aktuell: Interessieren sich die Kinder nicht mehr für die Süßigkeiten, die Sie bringen, als für Lebensweisheiten?
Kimmig-Liebe: Ich verbinde das beides miteinander. Neulich zum Beispiel hat ein Mädchen im Kinderhort mir eine Umarmung geschenkt. Danach habe ich mit den Kindern darüber geredet, wie wichtig es ist, jemanden zum Umarmen und zum Reden zu haben und dass man immer drüber reden sollte, wenn es einem schlecht geht. Merkt euch das vom Nikolaus! Das sage ich dann. Ein Tag mit dem zwei Meter großen Nikolaus, im stattlichen Gewand, mit Geschenken: Das ist ein besonderer Tag für Kinder. Ich hoffe, dass ihnen auch ein bisschen was von dem, was ich sage, im Gedächtnis bleibt.
SWR Aktuell: 40 Termine bis Weihnachten. Wie schaffen Sie das überhaupt?
Kimmig-Liebe: Das wäre nicht möglich ohne meine Frau und meinen Helfer und Fahrer Gerhard Nagel. Gerhard und ich haben 20 Jahre lang zusammen in einem Autohaus in Böblingen gearbeitet. In der Weihnachtszeit weicht Gerhard kaum von meiner Seite. Er hilft mir beim Anziehen. Mein Kostüm wiegt etwa fünf Kilo. Er fährt mich zu den Terminen, sodass ich mich unterwegs vorbereiten kann. Er trägt mir die Süßigkeiten hinterher und hilft mit meinem Gewand, wenn ich mich im Kindergarten auf den Stuhl setze. Meine Frau ist oft auch dabei und beobachtet alles. Abends gibt sie mir Hinweise, was ich besser machen könnte, wenn eine Formulierung vielleicht mal unglücklich war.
SWR Aktuell: Sie waren als Nikolaus auch schon zig Mal im Ausland. Häufig besuchten Sie die Türkei. Warum ist Ihnen das Land so wichtig?
Kimmig-Liebe: Das ist die Erde, wo ich eigentlich gerne hergekommen wäre. Denn in Myra, dem heutigen Demre in der Türkei, lebte der historische Nikolaus. Er war Bischof und ein guter Mensch. Er hat anderen mehr geholfen als sich selbst. Ich habe viele, viele Bücher über ihn. Ich spüre ihn, wenn ich als Nikolaus wirke. Wenn man jemanden nicht nachahmt, sondern die Person sein will - das ist der Unterschied. Ich bin jetzt der Nikolaus, wenn ich in diese Rolle schlüpfe. Der historische Nikolaus ist mir sehr wichtig. Ich habe die Ehrenbürgerschaft von Demre und möchte auch dort begraben werden. Das ist alles schon organisiert. Wenn ich dort bin, spüre ich die Kraft des historischen Nikolauses. Das motiviert mich unheimlich stark.
SWR Aktuell: Was passiert bei Ihnen, wenn Weihnachten vorbei ist? Legen Sie sich dann erstmal zwei Monate ins Bett?
Kimmig-Liebe: Als Nikolaus bin ich das ganze Jahr unterwegs, zum Beispiel im Hospiz. Oft wünschen sich alte Menschen, die ich im Altersheim besucht habe, in ihren letzten Stunden, dass der Nikolaus nochmal zu Besuch kommt. Dann ziehe ich mein Kostüm an und fahre los - auch im August. Wenn ich ins Ausland fliege, steige ich auch im Nikolauskostüm ein. Die Polizei hat häufig gedacht: Das ist ein Wahnsinniger. Die haben mich öfter einbehalten. Wir haben auch schon einen Flug verpasst. Aber inzwischen wissen die, wer ich bin. Generell haben Sie aber schon recht, Januar und Februar sind für mich eher die Zeit der Erholung. Manchmal kippt meine Stimmung dann auch ein bisschen. Da bin ich froh, wenn ich meine Frau und Gerhard zum Reden habe. Ich gehe viel schwimmen. Das lockert die Muskulatur und erfrischt den Geist. Und wenn dann erstmal April ist, mache ich schon wieder an meinem Gewand rum - und wie das endet, sehen Sie ja jetzt, in der Weihnachtszeit.