Minusgrade in Stuttgart. Noch bevor die Bahnhofsmission um 7 Uhr öffnet, warten bereits Menschen im Schlafsack vor der Tür. Bei der Bahnhofsmission am Stuttgarter Hauptbahnhof können sie sich morgens nach einer Nacht in der Kälte aufwärmen. "Wir wissen nie, was kommt, und das ist eigentlich das Spannende daran", sagt Schwester Birgit, die schon fast neun Jahre bei der Bahnhofsmission mitarbeitet und an diesem Morgen Kaffee und Tee kocht.
Bahnhofsmission: Neue Perspektive durch ein kleines Essen
Die Haupt- und Ehrenamtlichen geben auch ein kleines Frühstück aus - nur eine "Notration" aus Spenden, wie Schwester Birgit erklärt. Eine richtige Essenausgabe seien sie nicht. Jonathan Knodel freut sich trotzdem über das einfache Brötchen und den Kaffee für 20 Cent. Der 53-Jährige hat in der Nacht am Flughafen übernachtet. "Die Bahnhofmission gibt mir Hoffnung und etwas zu Essen. So langsam komm ich wieder raus", so Knodel.
Kann wirklich sagen, es geht aufwärts - durch die Bahnhofsmission.
Er sei unverschuldet in die Obdachlosigkeit gerutscht, erzählt er. Nach der Trennung zog er aus und in ein Hotel. Dafür reichte das Geld irgendwann nicht mehr, während er auf Jobsuche war. Aber die Bahnhofsmission habe ihm Perspektive und Essen gegeben, als er weder das eine noch das andere mehr hatte. Es gehe wieder aufwärts, sagt Knodel. Und nun steht auch ein Bewerbungstermin beim Arbeitsamt an.
Aufwärmen und Kleiderspenden - Kleines kann lebenswichtig sein
In den kalten Januartagen ist neben einer Information, einem Tee oder Gespräch vor allem das Aufwärmen bei bedürftigen und wohnungslosen Menschen sehr gefragt. Schwester Birgit und ihre Mitarbeiter haben eine zusätzliche Bierbank in dem Raum der Bahnhofsmission Stuttgart aufgestellt, damit mehr Leute reinpassen. Notfalls wird die Aufenthaltsdauer auf 20 Minuten begrenzt. Trotzdem sagt Schwester Birgit: "Mich erfüllt, dass wir Menschen helfen, die in Notlagen sind." Oft seien es schon kleine Dinge, die einen Schritt weiterhelfen und überlebenswichtig sind.
Ich muss mir - wie alle hier - bewusst sein, dass wir die Welt nicht retten können. Aber wir können kleine Dinge geben, die manchmal überlebenswichtig sind.
Die Bahnhofsmission versorgt die Menschen auch mit Decken, Schlafsäcken, Matten oder warmer Kleidung. Über 300 Jacken hätten sie gespendet bekommen, erzählt Schwester Birgit, während sie in einem kleinen Lagerraum steht, der bis unter die Decke mit Sachspenden gefüllt ist. "Rucksäcke sind auch immer gefragt. Und Gürtel haben wir oft zu wenig oder Jogginghosen, weil die eben fast allen passen", sagt die 67-jährige Nonne. Auch der Jahreszeit entsprechende Männerschuhe gebe sie immer wieder aus.
Außerdem ist die beheizbare Bank direkt neben der Bahnhofsmission sehr gefragt. Sie war vor einigen Jahren eine Spende und wärmt die Wohnungslosen, die dort übernachten.
Wo Hilfe ihre Grenzen hat
Der Paritätische Gesamtverband und der Sozialverband VdK fordern, dass es mehr niedrigschwellige Notunterkünfte brauche - nicht nur im kalten Winter. Denn die Zahl der wohnungslosen Menschen im Land steigt. Die Bahnhofsmission soll beispielsweise nur eine erste Anlaufstelle sein, versucht weiterzuvermitteln. Laut Schwester Birgit kommt man aber auch an Grenzen. "Die psychisch Angeschlagenen und Kranken oder auffällige Menschen, bei denen auch Drogen und Alkohol im Spiel sind - das ist einfach eine große Herausforderung. Das geht auch an die Substanz", so Schwester Birgit. Manchmal müsse dann auch ein Hausverbot ausgesprochen werden, um das Team und andere Gäste zu schützen.
Was die Bahnhofsmission Stuttgart noch macht
Die Teams der Bahnhofsmission sind das ganze Jahr im Einsatz. Neben der Betreuung in ihrem Anlaufpunkt am Stuttgarter Hauptbahnhof helfen sie auch bei anderen Bahn-Themen. So gibt es beispielsweise einen Begleitservice von Ehrenamtlichen. Der bringt auf Anfrage sehbehinderte Fahrgäste von der U-Bahn zu den Fernzügen oder fährt mit Scheidungskindern im Zug - selbst wenn es von Frankfurt bis Friedrichshafen ist.