"Es muss gegen 18 Uhr gewesen sein", erinnert sich die Verkäuferin einer direkt an der Unfallstelle gelegenen Bäckerei. Den Unfall selbst hat sie nicht gesehen, aber "plötzlich war da Geschrei. Menschen haben geweint." Die Verkäuferin drückt sich die Hände auf die Ohren, um zu zeigen, wie laut es war am 2. Mai vor einem Jahr, als ein Auto am Stuttgarter Olgaeck in eine Gruppe Fußgänger fuhr.
Nach Unfall am Olgaeck: Kreuzung macht Angst
Sie habe weiter gearbeitet, erzählt die Verkäuferin. "Ich musste ja." Aber aus dem Augenwinkel habe sie mitbekommen, wie Polizei und Rettungskräfte kamen und Sichtschutzwände aufbauten. Erst später erfuhr sie, dass eine Frau starb, acht andere Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Der Unfall sei ihr noch lange nachgegangen, die Kreuzung mache ihr nach wie vor Angst.
Kommunen arbeiten an höherer Verkehrssicherheit Nach tödlichen Unfällen in der Region Stuttgart: Was bringt Tempo 30?
Seit den tödlichen Unfällen in Esslingen, Ludwigsburg und Stuttgart steht kommunalpolitisch eine Frage wieder ganz oben: Wie kriegen wir die Innenstädte verkehrssicher für alle?
"Das ist eine der gefährlichsten Kreuzungen in Stuttgart", sagt ein junger Mann. Er zeigt auf die Autos, Laster, Busse und Stadtbahnen, die hier am Rande der Stuttgarter Innenstadt durchkommen, dazwischen Fußgänger mit - wie er findet - "viel zu kurzen Grünphasen". Während er spricht, überqueren mehrere Personen die Spuren der stadtauswärts führenden Bundesstraße bei Rot. Sie wollen eine gerade eingefahrene Stadtbahn erreichen.
Tempo 30 statt Tempo 40 am Olgaeck
Nach dem Unfall hat die Stadt Tempo 30 an der Unfallstelle eingeführt. Momentan ist zusätzlich ein mobiler Blitzer vor Ort aufgebaut. Einer Anwohnerin reicht das nicht. "Der Blitzer steht vor der Kreuzung. Dort", sie zeigt auf eine zweite Fußgängerampel, nur wenige zig Meter weiter, "gilt schon wieder Tempo 40."
Peter Erben von FUSS e.V., der Interessensvertretung von Fußgängern, nennt die Einführung von Tempo 30 rund um die Unfallstelle eine "kosmetische Maßnahme". Die Verkehrssituation habe sich nicht wesentlich verändert zu vor dem Unfall. Er sieht ein grundsätzliches Problem: Am Olgaeck ballten sich alle Verkehrsarten. Es gebe nicht genügend Platz - insbesondere für Fußgänger.
Und die eigentlich "sicheren" Orte seien, wie der Unfall zeige, nicht sicher. Neben Fußgängerinnen und Fußgängern sowie dem Autoverkehr kreuzen auch noch fünf Stadtbahn- und drei Buslinien die Kreuzung.
Fußgänger warteten auf Grün
Denn vor einem Jahr warteten die Fußgänger auf einer kleinen Verkehrsinsel zwischen Stadtbahngleisen und Straße auf Grün, als der Geländewagen des Unfallfahrers von der Straße abkam und in die Menschenmenge fuhr. Eine Metallkonstruktion, die den Fußgänger- von dem Straßenbereich abtrennt, bot den Fußgängern offenbar keinen Schutz. Ein Passant fragt sich ein Jahr nach dem Unfall: "Warum wurde da jetzt nichts Stabileres gebaut? Eine Betonwand zum Beispiel."
Die Stadt Stuttgart verwies auf SWR-Anfrage Anfang Mai in diesem Zusammenhang auf ein noch nicht abgeschlossenes Sicherheitsaudit. Ziel sei es, die Verkehrssituation umfassend zu analysieren, insbesondere hinsichtlich Verkehrsführung, Sichtbeziehungen und den Konfliktpunkten zwischen den verschiedenen Verkehrsarten. Die Ergebnisse der Untersuchung würden im Laufe dieses Jahres erwartet und anschließend vorgestellt.
Prozessbeginn terminiert Olgaeck: Ein Jahr nach dem tödlichen Unfall
Vor einem Jahr wurden bei einem Unfall am Stuttgarter Olgaeck acht Menschen verletzt. Eine Frau starb später in der Klinik. Die Diskussionen um die Verkehrssicherheit halten an.
Erwartungen an den Gerichtsprozess
Was die Menschen am Olgaeck von dem Prozess erwarten? Die meisten Passantinnen und Passanten zucken mit den Schultern. "Das bringt die tote Frau auch nicht mehr zurück", sagt eine Frau, die erzählt, dass sie seit 30 Jahren in der Nähe des Olgaecks wohne. Was sie sich wünscht: mehr Umsicht bei Autofahrern und etwas längere Ampelphasen für Fußgänger.