Am Samstag zogen mehrere Hundert Mitarbeitende von WMF und anderer Firmen der Region in Geislingen an der Steige (Kreis Göppingen) nach einer Kundgebung durch die Innenstadt. Aufgerufen zum Protest hatte die Gewerkschaft IG Metall. Der Grund: Viele Unternehmen haben Personal abgebaut, Betriebe schließen, Insolvenzen häufen sich - und nun gebe es auch noch Tarifflucht bei einem Traditionsunternehmen wie WMF.
WMF-Betriebsrat: "Geht um Existenzen in der ganzen Region"
DieTeilnehmerinnen und Teilnehmer sammelten sich zunächst zu einer Kundgebung vor dem Geislinger Alten Rathaus, um dann weiterzuziehen, durch die Innenstadt und bis zu den Toren von WMF. Mit dabei WMF-Betriebsratsvorsitzender Metin Dogan. "Wir waren einmal eine große Firma. In den letzten zwei Jahren ist immer mehr abgebaut und umgeschichtet worden", schilderte Dogan die Lage.
"Natürlich macht uns zusätzlich die wirtschaftliche Lage zu schaffen. Aber dass Teile, die wir hier produziert haben, jetzt abgeschafft werden und zukünftig in China produziert werden sollen, das macht den Mitarbeitern Angst." Es gehe dabei nicht nur um die Kosten für die heimischen Produkte, sondern um die Kaufkraft und später auch die Existenz der Menschen hier: Wenn in der Region niemand mehr Geld verdiene, so Dogan, "wer soll dann unsere Kaffeemaschinen noch kaufen?"
Lage im Filstal für kleinere Automobilzulieferer besonders drastisch
"Wir demonstrieren für die Wiederherstellung der Tarifbindung bei WMF, und wir demonstrieren auch gegen den Aderlass im Filstal", sagte die Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg Barbara Resch vor Ort. Die Lage im Filstal sei besonders drastisch, weil hier viele kleinere Automobilzulieferer "in zweiter Reihe hinter ZF und Bosch" ihren Sitz haben, so Resch. "Die sind mit dem Rücken an der Wand, diese Unternehmen haben keine Eigenkapitalquote mehr."
Ein mittelgroßer Automobilzulieferer ist bereits nicht mehr zu retten und schließt Ende des Jahres seine Pforten für immer: Allgaier Automotive in Uhingen. Hier ist es nicht gelungen, die Insolvenz abzuwenden und einen neuen Investor zu gewinnen. Rund 600 Mitarbeitende sind hier betroffen.
WMF-Geschäftsführung brach Gespräche mit Gewerkschaft ab
Die IG Metall im Filstal warnt seit längerem vor einem "schleichenden Verlust industrieller Stärke in der Region". "Wir erleben seit Jahren eine Deindustrialisierung", sagt Michael Kocken, erster Bevollmächtigter der IG Metall Filstal. Bereits Ende September verabschiedete die Delegiertenversammlung der IG Metall daher eine Resolution und forderte die Unternehmen zum Handeln auf, wenigstens zu Gesprächsbereitschaft.
Die Geschäftsführung von WMF habe Gespräche mit der IG Metall abgebrochen und verweigere weitere Verhandlungen, so Kocken. Dabei könnten verbindliche Zukunftsvereinbarungen, wie sie größere Unternehmen wie Mahle getroffen haben, auch für die kleineren entwickelt werden. Zusätzlich müsse der aktuelle Wandel durch eine kluge regionale Strukturpolitik begleitet werden, so die IG Metall Filstal.
WMF soll Verhandlungen mit IG Metall wieder aufnehmen
2023 hatte der WMF-Betriebsrat mit dem Besitzer Groupe SEB ausgehandelt, dass die drei GmbHs der Marke WMF und die Tochterfirmen noch bis mindestens Ende 2025 im Tarif bleiben - sowie einen Kündigungsschutz für die Mitarbeitenden bis Ende 2030. Da jetzt die Tarifflucht drohe, fordere der Betriebsrat die Geschäftsleitung dringend zu weiteren Verhandlungen mit der IG Metall auf, so Dogan. "Es wäre ja auch ein Haustarifvertrag möglich." Auf keinen Fall dürfe sein, dass hier nur noch über Betriebsräte entschieden werde.
Die französische Groupe SEB ist Weltmarktführer im Bereich Elektrokleingeräte, Haushaltswaren und Kochgeschirr und übernahm WMF im Jahr 2016.