20 Jahre Museum Ritter in Waldenbuch

Nicht nur Ritter Sport: Als Stuttgart Schokoladenstadt war

Eiskonfekt, Eszet-Schnitten und mehr: Diese Schoko-Leckereien kommen alle aus Stuttgart. Die Landeshauptstadt war vor mehr als 100 Jahren bis in die 1970er-Jahre Schokoladenstadt.

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Von Autor/in Kerstin Rudat

Süßer Bote der Region Stuttgart: Eins der bekanntesten regionalen Traditionsunternehmen in Familienbesitz dürfte Ritter Sport sein. Den Schokoladen-Hersteller gibt es seit 1912. Am Samstag feiert Ritter Sport das 20-jährige Bestehen seines Museums in Waldenbuch (Kreis Böblingen). Was viele aber gar nicht wissen: Es gab mal viel mehr Schoko-Fabrikanten aus der Region. Stuttgart war einst ein zentraler Standort der deutschen Schokoladenindustrie.

Das Quadrat als Leitthema: Eröffnung des Museums Ritter 2005 in Waldenbuch (Kreis Böblingen)
Das Quadrat als Leitthema, auch in der Kunst: Eröffnung des Museums Ritter 2005 in Waldenbuch (Kreis Böblingen). picture-alliance/ dpa/dpaweb | Harry Melchert (Archivbild)

Kunst aus zwei Jahrhunderten im Zeichen des Quadrats

Im Museum Ritter wird Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ausgestellt, die sich in irgendeiner Weise dem Quadrat widmet. Rund 2.000 Exponate zählt das private Museum inzwischen. Getragen wird das Museum von der Marli Hoppe-Ritter-Stiftung zur Förderung der Kunst. Marli Hoppe-Ritter sammelte schon zuvor "quadratische Kunst" und schuf ihrer Sammlung ab 2005 mit dem Museum direkt neben dem Schokoladen-Produktionsstandort eine Heimat.

Was hat es eigentlich mit dem Quadrat auf sich?

Dass das Quadrat das Markenzeichen von Ritter Sport ist, wird zur Not auch gerichtlich verteidigt. 2020 klagte Milka gegen Ritter Sport, weil das Unternehmen auch seine Schokolade quadratisch verpacken wollte, aber der Bundesgerichtshof entschied: Nur Ritter Sport-Schokolade darf quadratisch sein. Der internationale Süßwarenkonzern hinter Milka, Mondelēz, war der Überzeugung, dass kein Unternehmen sich allgemeine Formen patent- und markenrechtlich schützen lassen kann. Aktuell gibt es Streit mit einem Mannheimer Start-up, das seine Haferriegel - gemäß der Mannheimer Quadrate - quadratisch verpackt und "Monnemer Quadrat" nennt. Ritter Sport klagt gegen das Start-up.

Mannheim

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Ritter Sport hat das Unternehmen Wacker aus Mannheim verklagt. Bei dem Streit geht es um Haferriegel in quadratischen Verpackungen. Ein Anwalt für Markenrecht zu den Hintergründen.

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Aber woher kommt eigentlich die Idee mit dem Quadrat? Die hatte Firmen-Gründerin Clara Ritter. Denn natürlich war auch die Ritter Sport-Tafel nicht von Anfang an quadratisch. Schokolade galt damals als Muntermacher und wurde gerne zum Sport mitgenommen. Clara Ritter beobachtete, wie Fußballer in Bad Cannstatt sich die Tafeln in die Jackentaschen steckten und beschloss: Es muss doch eine Variante geben, die nicht so leicht zerbricht.

Also kam sie 1932 auf die Idee, eine Tafel herzustellen, die zwar dasselbe Gewicht hat wie die lange Tafel, aber besser in die Jackentasche passt. So kam die quadratische "Sport-Schokolade" auf den Markt. Ab 1970 produzierte Ritter Sport dann nur noch Tafeln in quadratischer Form und führte den Werbespruch ein, der bis heute prägend ist: "Quadratisch. Praktisch. Gut.".

Schokoladen-Produktion bei Ritter Sport
Schokoladen-Produktion am Stammsitz von Ritter Sport picture alliance/dpa | Marijan Murat (Archivbild)

Wer mehr über das Leben von Clara Ritter und die Unternehmensgeschichte von Ritter Sport nachlesen will: Eva-Maria Bast und der gebürtige Esslinger Jørn Precht haben sie unter dem Namen Romy Herold als unterhaltsamen historischen Roman aufgeschrieben. "Ritter Sport. Ein Traum von Schokolade" erschien in diesem Frühjahr.

Nicht nur Ritter Sport - diese Schoko-Fabrikanten kommen aus Stuttgart

Klar - das Quadrat verbindet man also mit Ritter Sport. Aber die Alfred Ritter GmbH & Co. KG nicht unbedingt mit Stuttgart. Dabei hat das Unternehmen seine Wurzeln in der Landeshauptstadt - wie etwa ein halbes Dutzend andere Schokoladen-Fabrikanten auch. Nur gibt es die Firmen inzwischen nicht mehr. Wer den Zweiten Weltkrieg nicht überlebte, dem setzten die 1970er-Jahre zu, als Kakao sehr teuer wurde. Ein Überblick über die größten damaligen Firmen:

Ritter startete als Alrika - Abkürzung für "Alfred Ritter Kannstatt". Ja, genau, nicht "Cannstatt", obwohl das Unternehmen ganz am Anfang seiner Firmengeschichte den Sitz in Stuttgart-Bad Cannstatt hatte. Die ersten Tafeln kamen 1919 auf den Markt. Erst 1930 zog die Firma nach Waldenbuch im Kreis Böblingen um.

Die Schokoladenfabrik Haller saß in Obertürkheim im Gebiet des späteren Nanz-Areals, wo ab 2013 einer der ersten Tunnel für Stuttgart 21 entstand. Die Fabrik wurde 1921 von Karl Haller gegründet. Neben Schokolade stellte Haller auch Schokoladen-Zutaten (etwa zum Backen oder Kakaopulver), Pralinen und Bonbons her. Bemerkenswert war hier, dass früh auf Vertrieb gesetzt wurde, sodass ein Viertel der rund 400 Mitarbeiter im Außendienst unterwegs war, wie es in einem Bericht von 2022 der "Eßlinger Zeitung" heißt.

Die Brüder Franz und Gustav Waldbauer gründeten zusammen die Fabrik Waldbaur (das e wurde später gestrichen) - fast 130 Jahre lang von 1848 bis 1977 einer der wichtigsten Schokoladenproduzenten in ganz Deutschland. Ihre Produktion residierte in der Rotebühlstraße gegenüber dem Feuersee. Das Besondere bei Waldbaur: Die Kakaomühlen der Maschine in der Produktion wurden dampfbetrieben. Und deswegen nannten Franz und Gustav ihre Schokolade auch "Dampf-Chokolade". Die Gebrüder Waldbaur vertrieben auch Tee und Liköre.

Schoko-Buck und Tobler: Schoko-Buck hatte seinen Sitz in der Ostendstraße und ging aus einer Fusion eines Schokoladenherstellers aus Bietigheim (Kreis Ludwigsburg) mit einem aus Stuttgart-Ostheim hervor. 1954 beteiligte sich Tobler an Schoko-Buck, und ein Jahr später ging diese in der Schweizer Firma auf. Bis 1985 wurden hier für Tobler vor allem Tafelschokolade und Pralinen hergestellt.

Die beliebten Eszet-Schokoschnitten fürs Brot stammen auch aus Stuttgart. Der Name setzte sich durch die Anfangsbuchstaben der beiden Gründer Ernst Staengel und Karl Ziller zusammen. Die Schwager gründeten ihren Betrieb 1857, residierten zuerst in der Olgastraße und zogen später aus Platzgründen nach Untertürkheim um. Neben Schokolade wurden hier auch Bonbons hergestellt. Das Unternehmen existierte bis in die Siebziger. Heute stellt der Kölner Schokoladenhersteller Stollwerck die Eszet-Schnitten her.

Moser-Roth war die größte Schokoladenfabrik in Stuttgart und galt als Edelschokolade. Sie residierte in der Räpplenstraße in der Nähe der heutigen Stadtbibliothek. Das Unternehmen basierte auf den Fabriken zweier Konditoren, Wilhelm Roth, der 1841 in der Kronenstraße anfing, und Eduard Otto Moser, der in der Calwer Straße begann und später in die Heilbronner Straße umzog. Moser und Roth waren die ersten Schoko-Fabrikanten in Stuttgart und schlossen sich 1894 zusammen. 1902 wurde der Markenname Moser-Roth geschützt. Heute gibt es die Marke Moser-Roth wieder beim Discounter als Edelmarke. 

Und nicht nur Schokolade ist mit Stuttgart fest verbunden, sondern auch - wer hätte es gewusst? - Brausepulver! Die "Ahoj-Brause" naschte vermutlich jeder als Kind. Die Firma Friedel, später Frigeo, stellte in der Kegelenstraße in Bad Cannstatt von 1925 bis 1953 nicht nur Schokolade und Eiskonfekt her, sondern auch Brausepulver, bevor sie ihren Standort nach Remshalden (Rems-Murr-Kreis) verlegte. Die Ahoj-Brause gab es zunächst in Tablettenform und nur in den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange, später gab es nur noch das Pulver, und Himbeere und Waldmeister kamen als neue Sorten hinzu. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war Frigeo mit Brause-Produkten marktführend. 2002 wurde das Unternehmen von Katjes übernommen. Schokolade von Friedel wird heute von Rübezahl Schokoladen in Dettingen unter Teck (Kreis Esslingen) vertrieben.

das Bundeskanzleramt, geformt aus Schokolade, präsentiert 2005 in Stuttgart für die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU)
2005 bekam Bundeskanzlerin Angela Merkel in Stuttgart beim Landesparteitag der CDU von Konditormeister Eberhard Holz (rechts) das Bundeskanzleramt aus Schokolade geschenkt. In der Mitte der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, links der Ex-Geschäftsführer der Jungen Union BW, Andreas Ziefle. Das Schokoladen-Prachtwerk wurde jedoch nicht in 80 Arbeitsstunden in Stuttgart fabriziert, sondern in Baiersbronn im Schwarzwald. picture-alliance/ dpa/dpaweb | Bernd Weißbrod (Archivbild)

Hier gibt es noch Spuren der Schokoladenstadt Stuttgart

Mit der "Schokoladenseite" Stuttgarts beschäftigt sich Klaus Enslin seit Jahren. Er ist Vorsitzender des Bürgervereins Untertürkheim, hat eine beachtliche Sammlung von Material zum Thema und vor zwei Jahren mal eine Ausstellung zur Schokoladenstadt Stuttgart konzipiert. Leider kann die nirgendwo dauerhaft gezeigt werden. "Eigentlich bräuchte es ein Schokoladenmuseum in Stuttgart", sagt Enslin. Aber dafür sei wohl kein Geld da. Also versucht er, auch über das Internet sein Wissen nach außen weiterzutragen, damit dieser Teil der Stadtgeschichte nicht vergessen wird. Allerdings sind die ehemaligen Firmen auch Teil der ständigen Ausstellung im StadtPalais.

Wer sich vor Ort auf die Suche nach der vergangenen Schokoladenstadt Stuttgart begeben möchte, könne noch ein paar Spuren finden, sagt Enslin. So ist das Gebäude von Staengel & Ziller in Untertürkheim noch erhalten, hier ist jetzt der Standort einer Bettwarenfabrik. Auch gibt es auf der flankierenden Stadtbahn-Linie in Untertürkheim eine Haltestelle "Eszet".

In der Stadtmitte findet sich am wiederaufgebauten Gebäude in der Rotebühlstraße 83 noch der Namenszug von Waldbaur. Hier erinnert auch eine Infotafel an das Unternehmen, das hier einst ein ganzes Areal mit 700 Mitarbeitenden betrieb.

Vom Produktionsstandort von Moser-Roth im Norden ist heute nichts mehr übrig, denn die Fabrik brannte nach einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg vollständig aus. Es gibt aber noch private Spuren von Eduard Otto Moser am Pragsattel zu finden, denn da stand einst seine prächtige Villa mit riesigem, mediterranem Garten über mehrere Terrassen. Auch die Villa hielt einem Luftangriff 1944 nicht stand.

Ruine der Villa Moser in Stuttgart
Mit einer Installation war die Ruine der Villa Moser begehbar, aber auch deren Leitwege aus Holz verrotten schon. Kerstin Rudat

Die Ruine der Villa Moser im Leibfriedschen Garten kann man erkunden, wenn man an der Haltestelle Löwentor aussteigt und jenseits der Pragstraße hinter dem Kunstwerk "Gate of Hope" von Dan Graham rechts in den von Bäumen gesäumten Abschnitt geht - ein klassischer "lost place" mitten in Stuttgart. Zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 konzipierte der Architekt Hans Dieter Schaal an der Villa eine Kunstinstallation, die die Überreste und ihren verwilderten Park zugänglich macht und zudem verdeutlicht, wie die Villa Moser und der Garten damals aussahen.

Ruine der Villa Moser in Stuttgart
Hier wurde versucht, den anschließenden Garten der Villa Moser nachzuempfinden. Kerstin Rudat
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Kerstin Rudat
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