Erst war alles weiß von Kirschblüten, jetzt zum Europäischen Tag der Streuobstwiesen (Freitag, 24. April) kommt durch die Apfelblüte ein Rosa-Touch dazu. Direkt das Erste, was uns die vielen Streuobstwiesen also schenken, ist ihre Schönheit, in der wir im Frühling schwelgen können bei schönen Spaziergängen. In Neidlingen (Kreis Esslingen) nennt man es auch das "Schwäbisches Hanami" - ein japanisches Wort, das übersetzt "Blütenbetrachten" heißt. In der Region Stuttgart leben wir laut dem Verein Schwäbisches Streuobstparadies mitten in der "größten zusammenhängenden Streuobstlandschaft Mitteleuropas". Rund 1,5 Millionen Obstbäume gibt es hier.
Vielfalt an Streuobst wieder unter Leute bringen
Tja, Pink Lady und Co. im Supermarkt, diesen Apfel kennen wohl die meisten. Aber es gibt - gerade durch die Streuobstwiesen - eigentlich eine sehr große Sortenvielfalt. Laut der Umweltschutzorganisation BUND Baden-Württemberg sind es über Tausend Sorten im ganzen Land. Manche würden nur in bestimmten Landstrichen wachsen, bedingt durch unterschiedlichen Boden und Klima. Diese Sortenvielfalt will das Team des Vereins Schwäbisches Streuobstparadies wieder unter die Leute bringen. Dafür haben sie eine Handelsplattform geschaffen.
Stückles-Besitzer können ihr Streuobst an den Verein abgeben und bekommen dafür zwischen 21 und 25 Euro pro 20-Kilogramm-Kiste. Der Verein leitet die Früchte weiter an Supermärkte, Bäckereien, Kantinen, Schulen oder Kindergärten, erklärt Projektmanagerin Lisa Müller. "Wir möchten das Streuobst wieder in aller Munde bringen - besonders schmackhafte Äpfel, oft alte Sorten", sagt Müller.
Über 40 Apfel-, Birnen- und Quittensorten könnten dafür abgegeben werden - mit hübschen alten Namen: Jakob Fischer, Goldparmäne, Berlepsch oder Gräfin von Paris. Annahmestellen sind etwa in Herrenberg-Mönchberg (Kreis Böblingen), für die Kreise Esslingen und Göppingen werde bis zum Herbst noch ein zentraler Ort gesucht, so Müller. Auch in den Landkreisen Reutlingen, Tübingen und Zollern-Alb ist die Handelsplattform aktiv.
Platz für bedrohte Tiere und Pflanzen
Aber durch die Streuobstwiesen gibt es nicht nur eine große Vielfalt an Früchten, die "Stückle" bieten auch eine Heimat für über 5.000 Tier- und Pflanzenarten. Vögel, Insekten, Wildblumen und auch Pilze. Wenn Streuobstwiesen verschwinden, dann ist auch diese Artenvielfalt bedroht, warnt der NABU Baden-Württemberg.
"Streuobstwiesen sind ein einzigartiges kulturelles Erbe Baden-Württembergs. Hier leben mit Wendehals und Steinkauz besondere Vogelarten, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind", sagt NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle in einem Appell an die Politik. Von der Landesregierung wünscht sich der NABU ein gutes Streuobstwiesenkonzept und mehr finanzielle Mittel. Denn intensivere Landwirtschaft, der Klimawandel und der Rückgang der Besitzerinnen und Besitzer bedrohen die bisherige Vielfalt durch die Streuobstwiesen.
Streuobstwiesen: Nachwuchs für Bewirtschaftung gesucht
"Stückle"-Besitzer werden derzeit im Schnitt immer älter und können sich oft nicht mehr kümmern. Das Problem: Oft gibt es keinen Nachfolger. "Eine Streuobstwiese ist aber von Menschen gemacht, von Menschen gepflanzt und hält sich auch nur, wenn der Mensch da Arbeit reinsteckt", sagt Lisa Müller vom Schwäbischen Streuobstparadies.
Erfreulicherweise sei ein Trend zu erkennen, dass sich auch jüngere Menschen wieder für die Wiesen interessieren. Der Verein unterstütze dann mit Tipps und Wissen, wie man sich um die Wiesen kümmern muss. In den Landkreisen Esslingen und Böblingen gibt es dazu beispielsweise das Projekt "Stücklesglück".
Privileg, das gepflegt werden muss
Zwischen Alb und Neckar befindet sich ein Teil der größten zusammenhängenden Streuobstflächen in ganz Europa - sie prägen unsere Landschaft und bieten tolle Naherholungsgebiete. Auch ein Privileg: Einfach mal so durch offene Wiesen und an Obstbäumen vorbeiwandern, in anderen Teilen der Welt undenkbar, wenn alles umzäunter Privatgrund ist. Teilweise liegen die "Stückle" ja auch im UNESCO-Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Aber sie müssen gepflegt werden.
Die NABU-Gruppe Göppingen engagiert sich da: Regelmäßig werden Bäume geschnitten, ausgemustert und neue gepflanzt, Wiesen gemäht sowie Nistenkästen aufgehängt. Außerdem lädt sie Grundschulkindern zum Saftpressen und zu Vogel- und Wildbienen-Exkursionen. Und es gibt auch Sponsoren: In Weilheim an der Teck (Kreis Esslingen) fördert etwa die Coca-Cola Foundation zusammen mit Nationale Naturlandschaften e.V. eine Streuobstwiese und finanziert die Helfer.
Fit unterwegs auf dem Obstlehrpfad
Und zum Tag der Streuobstwiesen gibt es in Filderstadt (Kreis Esslingen) eine besondere Aktion, um die Wiesen kennenzulernen: Der Obstlehrpfad OLAF in Bonlanden lädt dazu auf spielerische Weise ein. Bis zum 9. Mai können Familien, Kinder und alle anderen Interessierten der Lehrpfad über die App "Actionbound" erkunden.
Auch andere Streuobst-Erlebniswege im Kreis Böblingen hat der SWR schon vorgestellt:
Urlaub in Baden-Württemberg Der Streuobst-Erlebnisweg Gültstein: eine genussvolle Wanderung
Baden-Württemberg ist stolz auf seine Streuobstwiesen. Eine wichtige und wunderschöne Landschaft, durch die man wunderbar wandern kann.
Dabei muss ein Lösungswort gefunden werden. Wer es richtig hat, kann sich in der Filderstädter Bibliothek eine Tüte "FILÄpfele-Fruchtgummis" abholen, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Denn aus Streuobst kann nicht nur Most, Schnaps oder Kuchen werden, sondern auch Süßigkeiten.