Es war ein ganz normaler Tag im Stuttgarter Zoo. Der Biologie-Student Max Härtel und seine Mutter Christine wollen endlich mal zusammen die Wilhelma besuchen. Von dem, was kreucht und fleucht, interessieren sich die beiden besonders für Ameisen. An diesem Tag im August 2024 passiert etwas, das nun zu einem wissenschaftlichen Erstnachweis und einer Publikation in der Fachzeitschrift "Zootaxa" wurde.
Max Härtel erzählt vom Fund der besonderen Insekten: "Wir haben draußen auf einer gepflasterten Strecke zwei kleine Arbeiterinnen rumlaufen sehen", so der Student. "Meine Mutter hat mich zuerst darauf hingewiesen. Sie sahen so anders aus als alle heimischen Arten, sie waren relativ länglich. Und das Laufverhalten war auch anders. Also haben wir die Ameisen sofort mitgenommen, um sie im Labor genauer anzuschauen."
An der Uni Hohenheim identifizieren die Studenten Max und David die fremde Ameise
Es handelt sich um eine ungewöhnlich schnelle, schlanke und glänzende Art. Wer Insekten erforscht, hat immer irgendwas dabei, um eine Ameise einzupacken. In dem Fall tut es laut Max eine kleine Plastiktüte. Er nimmt die Ameisen mit ins Labor an die Uni Hohenheim, wo er im Fachgebiet "Integrative Taxonomie der Insekten" studiert.
Dort schaut sein Kommilitone David Grunicke auf die Tiere - und merkt sofort: "Das ist was, was hier nicht wirklich hingehört, also nicht heimisch ist", so der Insekten-Experte. "Ich hab sie mir angeschaut und schnell festgestellt, dass es die 'chinensis' ist. Ich war vor zwei Jahren schon an einem anderen Erstnachweis aus Italien beteiligt und mir war dann auch klar, dass es eine invasive Ameise ist, die relevanter ist."
Damit steht fest: Max und seine Mutter haben die Asiatische Nadelameise, Fachbegriff "Brachyponera chinensis", gefunden und mit seinen Mitstudenten identifiziert. Diese Art lebt eigentlich in Ostasien.
Sie sahen so anders aus als alle heimischen Arten.
Forschende der Senckenberg Gesellschaft finden ganze Ameisen-Kolonie
Ein Jahr später wird der Zufallsfund groß: Ein Team der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des Naturkundemuseums Stuttgart geht in den Rosensteinpark - direkt neben dem Zoo.
Brendon Boudinot ist Erstautor der Studie und Kurator für Ameisen und Wespen am Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt: "Als ich in den Büschen im Rosensteinpark Baumrinden auf dem Boden aufgebrochen habe und ein Nest gefunden habe, war klar: Die Ameisen leben hier draußen, sie vermehren sich." Und: "Das sind etablierte Kolonien, die überwintert haben."
In dem neuen Paper beschreibt er gemeinsam mit den Studierenden die Nadelameise nun genauer als bisher und belegt, dass es in Stuttgart nicht nur einzelne Tiere, sondern etablierte Kolonien ihrer Art gibt. Für die Biodiversitätsforschung handelt es sich um eine wichtige Erkenntnis, aber was bedeutet die Ameise nun für Menschen oder Hunde, die sich im Stuttgarter Park aufhalten? Denn wer die Ameise googelt, stößt schnell auf alarmierende Berichte.
Invasive Ameisenart kann schmerzhaft zustechen
Boudinot hat die Ameise selbst erlebt - im wahrsten Sinne des Wortes: "Die Stiche tun weh. Ich wurde schon von vielen Ameisen gestochen, und die haben mich umgehauen", berichtet der Studien-Autor.
"Die aus dem einen Nest haben mich etwa 16 Mal gestochen." Das hat Folgen: "Ich hatte ein bis zwei Stunden rote, heiße Quaddeln. Es kann auch zu allergischen Reaktionen kommen. Hunde können gestochen werden, aber ich wäre mehr um Kinder besorgt, die in Büschen spielen und versehentlich eine Kolonie aufscheuchen."
Die Stiche der Ameisen haben mich umgehauen.
Doch er sagt auch: Die Kolonien sind eher klein, aus einigen Dutzenden bis Hundert Ameisen. Außerdem müsse man die Asiatischen Nadelameisen schon stören, damit sie stechen.
Folgen für Natur und Mensch Tigermücke und Co: Diese invasiven Arten sind in BW auf dem Vormarsch
Von Mücken über Käfer bis hin zu Ameisen: In BW breiten sich viele nicht-heimische Insekten, aber auch Pflanzen aus. Das kann Folgen für Mensch und Natur haben. Eine Übersicht:
Wie sind die Asiatischen Nadelameisen nach Deutschland gelangt?
Die invasiven Ameisen könnten mit tropischen oder subtropischen Pflanzen aus aller Welt - am wahrscheinlichsten aus Asien - nach Baden-Württemberg gereist sein: "Das ist oft ein sehr simpler Ausbreitungsweg", vermutet Max Härtel. "Es werden Pflanzen aus aller Welt importiert und wenn dann in der Erde von diesen Pflanzen zufällig eine Ameisenkolonie sitzt, kommen solche Tiere eben auch immer wieder zu uns nach Deutschland."
Ob die Pflanzen im Zoo vielleicht das Einfallstor waren? Boudinot sagt: "Das kann ich nicht sagen, aber ich wäre nicht überrascht, wenn ich sie in einigen Töpfen dort finden würde." Die Ameise hat sich in Stuttgart etabliert und könnte als invasive Art heimische Arten verdrängen.
Deshalb müsse laut Boudinot nun beobachtet werden, ob sie sich über den Park hinaus ausbreitet und wie heimische Arten reagieren. Das könne ein Problem werden, sagt der Forscher. Sinnvoll sei es jetzt, zu versuchen, die Kolonien zu beseitigen und sie zu kontrollieren, bevor etwas Schlimmeres passiere.
Student betont: Jeder kann auffällige Funde melden
Aufzupassen, wie sich Ameisen in Deutschland ausbreiten - da könne sogar jeder und jede mithelfen, der draußen unterwegs ist und ein Handy hat, sagt Max Härtel. Wenn man eine ungewöhnliche Ameise sieht, solle man sie so nah wie möglich fotografieren und das dann bei einer der vielen Meldeplattformen hochladen.
Die Hinweise sind wichtig, denn solche Entdeckungen bleiben laut Studienmitautor Benjamin Palm in Deutschland dem Zufall überlassen: "Der Fund ist ja nur durch zwei unabhängige Zufallsfunde möglich geworden. Grundsätzlich sehen wir, dass eigentlich alle Funde von Ameisen-Invasionen in Deutschland nicht das Ergebnis von gezielten Suchen sind, sondern fast ausschließlich Zufallsfunde", so der Mitstudent. "In anderen Ländern, zum Beispiel in den Niederlanden, gibt es aber ein ganz aktives Monitoring nach invasiven Ameisen."
Ausbildung zum Erkennen der Arten wichtig
Genau deshalb sei es so wichtig, dass Menschen wie Max und seine Kommilitonen genau hinschauen - und dass überhaupt Leute ausgebildet werden, die solche Arten erkennen können. Denn nur so konnte der Zufallsfund von Max und seiner Mutter zum ersten Nachweis führen, dass sich diese invasive Ameisenart in Stuttgart eingenistet hat.
Eigentlich wollten sie ja nur einen schönen Tag in der Wilhelma verbringen. Am Ende ist dank ihnen eine invasive Ameisenart auf dem Radar der Forschung in Deutschland gelandet.