Mitgliederzahlen und Einnahmen sinken

Stuttgart: Beten Katholiken und Protestanten bald öfter in der gleichen Kirche?

An Feiertagen wie Ostern kommen viele Menschen in die Kirche, doch die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Deshalb wird in Stuttgart über sogenannte Simultankirchen nachgedacht.

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Stand

Von Autor/in Deborah Kölz

Die katholische und die evangelische Kirche in Stuttgart halten es für denkbar, dass sie künftig Kirchen und andere Gebäude im Stadtgebiet gemeinsam nutzen. Stuttgarts katholischer Stadtdekan Christian Hermes sieht in solchen sogenannten Simultankirchen großes Potential. "Historisch gab es schon mal viel mehr gemeinsam genutzte Kirchen als heute. Das war nämlich nach dem Krieg, als viele Kirchen gar nicht benutzbar waren. Und ich glaube, da müssen wir mal frei denken", sagte Hermes im SWR-Interview.

Anlass für solche Überlegungen ist, dass sinkende Kirchensteuereinnahmen durch Austritte von Mitgliedern sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche in Stuttgart und bundesweit vor große Herausforderungen stellen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart beispielsweise hat deshalb den Prozess "Kirche der Zukunft" eingeleitet. Dazu gehört die Reduzierung der kirchlichen Gebäude und die Fusion von kleineren Kirchengemeinden.

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Gemeinsam genutzt Kirchen - Evangelischer Stadtdekan findet es gut

Auch die evangelische Kirche in Stuttgart ist der Idee von Simultankirchen gegenüber aufgeschlossen. Ihr Stadtdekan Søren Schwesig sagte dem SWR, er begrüße die Idee "mit offenen Armen". Denn auch die evangelische Kirche in Stuttgart wäge in einem Drei-Jahres-Turnus immer wieder ab, welche Kirchen, Pfarrämter und Gemeindehäuser als Immobilien noch ausreichend genutzt werden und von welchen man sich "schweren Herzens" trennen müsse.

"Das ist unsere Partner-, unsere Schwesterkirche. Wir sind alle miteinander in den verschiedenen Stadtteilen präsent, mit jeweils eigenen Kirchen." Er könne es sich sehr gut vorstellen, dass man in manchen Stadtteilen die Kirche einer Konfession aufgibt, aber dafür das Gebäude der anderen Konfession vor Ort gemeinsam nutzt.

Ich sehe dem sehr, sehr offen und positiv entgegen.

Der katholische Stadtdekan Hermes und der evangelisch Stadtdekan Schwesig nehmen gemeinsam an einem Gottesdienst teil. Vielleicht teilen sich die beiden Kirchen auch balod Gotteshäuser.
Die Stuttgarter Stadtdekane Hermes (links im Bild) und Schwesig (rechts) arbeiten oft ökumenisch zusammen, wie beim Landesfloriansgottesdiest 2022.

Stuttgarter Martinskirche bereits von drei Gemeinden genutzt

Innerhalb der evangelischen Kirche in Stuttgart gebe es aber bereits ein gutes Beispiel, sagt Schwesig. Das Gebäude der Martinskirche am Pragfriedhof werde mittlerweile von drei verschiedenen Trägern genutzt: der Jugendkirche des Kirchenkreises Stuttgart, der Nord-Gemeinde und der Kesselkirche, eine junge-Erwachsenen-Gemeinde, die jeden Sonntag 300 bis 400 Leute anziehe. "Das ist für mich eine Blaupause, wie es gehen kann in der Zukunft. Dass wir nicht mehr nur einen Nutzer haben in der Kirche, sondern das Gebäude vielfältig genutzt wird", so Schwesig.

Vor vielen Jahren habe er in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) ebenfalls ein Gemeindezentrum erlebt, das von beiden Kirchen organisiert und genutzt wurde. "Und das hat wunderbar geklappt und wir haben in einer großen ökumenischen Nähe dort gearbeitet", so Schwesig weiter.

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Stadtdekane glauben, dass Kirchenleitungen Simultankirchen zulassen würden

Hermes und Schwesig arbeiten viel zusammen. Beide sind sich sicher, dass auch ihre jeweiligen Bischöfe, Ordinariate und Oberkirchenräte solchen Simultankirchen zustimmen könnten. "Die geben uns, glaube ich, so viel Freiheit vor Ort, dass sie sagen 'Schaut nach Lösungen, die für euch das Gottesdienst- und Gemeindeleben für die Zukunft ermöglichen'. Von daher hab ich da eine große Rückendeckung", erklärt Søren Schwesig.

"Und natürlich ist es tausendmal besser, dass wir eine Kirche vielleicht erhalten und mit zwei Konfessionen nutzen, als dass beide Konfessionen ihre Kirchen in einem Stadtteil, einer Stadt oder einem Dorf gar nicht mehr erhalten und beide machen dann zu. Das wäre glaube ich die unintelligenteste Lösung", findet Christian Hermes.

Es brauche immer wieder neue effiziente Konzepte. So wird die Kirche St. Maria in Stuttgart-Süd zum Beispiel grundlegend erneuert und umgebaut, um auch sozialen und gesellschaftlichen Events Platz zu bieten. Dazu sagte Hermes, der die Südgemeinden leitet: "St. Maria ist und bleibt ein geweihter Ort - und öffnet zugleich einen Ort für die Menschen und Themen dieser Stadt."

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"Kirche der Zukunft" soll Verwaltung effizienter machen

Die katholische Kirche will durch das Projekt "Kirche der Zukunft" vor allem Verwaltungsaufgaben bündeln. So könnten die Ehrenamtlichen vor allem für die Menschen da sein, sagte Hermes: "Die wollen Gottesdienste gestalten, den Glauben weitergeben, konkret etwas tun." Die Energie sollte nun unter anderem für Seelsorge, Nächstenliebe, kulturelle Themen oder Hospize eingesetzt werden, so Hermes im SWR. "Ich möchte, dass wir unser Geld nicht in Beton versenken."

Das Geld soll in die Menschen und nicht in die Steine fließen.

Um die Verwaltung zu verschlanken, sollen die bisherigen 42 katholischen Kirchengemeinden in Stuttgart beispielsweise zu ein bis vier Körperschaften zusammengeschlossen werden. Das gemeindliche Leben vor Ort solle dadurch aber nicht automatisch abgebaut werden, so Hermes.

Bereits jetzt arbeiten die katholische und die evangelische Kirche in Stuttgart in einigen Bereichen zusammen, um Ressourcen zu bündeln. So stemme man etwa gemeinsam rund um die Uhr den Seelsorgedienst, zum Beispiel in der Krankenhausseelsorge, erklärte Hermes.

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Autor/in
Deborah Kölz
Deborah Kölz ist Redakteurin im SWR Studio Stuttgart.

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