Zum wiederholten Mal seit Anfang Februar streikt die Stuttgarter Müllabfuhr. Die Positionen von Anwohnern und Müllwerkern prallen in der Landeshauptstadt aufeinander.
Anwohnerin in Stuttgart: Seit sechs Wochen Tonne nicht geleert
Ulrike Dasenbrock aus dem Stuttgarter Heusteigviertel ist verärgert. Während andere Leute in diesen Tagen ihren Balkon für den Frühling schön machen, lagern auf ihrem Balkon zwei Müllsäcke. Sechs Wochen sei es inzwischen her, dass der Restmüll bei ihr das letzte Mal abgeholt wurde. So erzählt es die 56-Jährige.
Die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) bestätigt auf Anfrage: "Bedingt durch die Streiktage wird es tatsächlich zu den genannten Ausfällen gekommen sein." Denn seit Anfang Februar hat die Müllabfuhr in Stuttgart schon an sieben Tagen gestreikt, hieß es am Donnerstag von der AWS, Darunter sind auch die Daten, an denen bei Frau Dasenbrock eigentlich der Termin für Restmüll gewesen wäre.
FAQ Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst vorerst gescheitert: Wie geht es jetzt weiter?
Geschlossene Kitas, Kliniken im Notbetrieb, eingeschränkter Nahverkehr: Rückt ein unbefristeter Streik näher, nachdem sich Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht einig geworden sind?
Müllstreik in Stuttgart: Nachbarn nehmen Müll mit zu den Eltern
"Jetzt wird die Situation etwas brenzlig", sagt Dasenbrock. Viele ihrer Nachbarn stapelten den Müll inzwischen auf dem Balkon, manche würden ihn mit zur Verwandtschaft nehmen. Unterwegs im Viertel sieht sie zahlreiche überquellende Mülltonnen. Jüngst sei ihr auch eine Ratte begegnet. So beschreibt Dasenbrock die Situation.
"In gewisser Weise habe ich zwar schon Verständnis für den Streik", sagt Dasenbrock. "Aber wir haben in Deutschland viele Vorteile. Angestellte bekommen auch Gehalt, wenn sie krank sind und es gibt sogar Kind-Krank-Tage. Es ist nicht so, dass wir nur ausgebeutet werden. Dieses Narrativ der Gewerkschaften nervt mich. Ich fordere, dass sich die Parteien im Tarifstreit jetzt mal einigen."
Die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) streikt bis einschließlich diesen Freitag. Grund dafür ist die Tarifverhandlung zwischen Bund und Kommunen für den öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaft ver.di fordert unter anderem acht Prozent mehr Lohn, die Arbeitgeberseite hält das für nicht finanzierbar. Der SWR hat auch mit streikenden Müllwerkern in Stuttgart gesprochen. Dort ist die Gegenposition zu Ulrike Dasenbrocks Ärger zu hören.
Müllmänner in Stuttgart: So viel verdienen sie
"Wir müssen knechten, es ist ein Knochenjob, wir arbeiten bei Regen und bei schlechtem Wetter. Es ist nicht einfach. Wir müssen viel laufen, Eimer ziehen. Unsere Körper sind belastet. Am Wochenende sind wir erschöpft und wir sind überfordert. Wir brauchen mehr Geld, um am Ende des Monats klarzukommen", sagt ein Mitarbeiter der Stuttgarter Müllabfuhr.
Sein Kollege Jens Garzareck fügt hinzu: "Jeden Tag 16 bis 17 Kilometer laufen von Montag bis Freitag, das geht in die Beine. Ich glaube nicht, dass man das bis zum Alter von 67 Jahren schafft."
Anlässlich des Streiks wird nun mehr über das Gehalt von Beschäftigten im öffentlichen Dienst gesprochen. In Stuttgart sind Mülllader in der Entgeltgruppe vier des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst eingeteilt, so die AWS auf Anfrage. Das bedeutet: Zwischen 2800 Euro brutto und 3400 Euro brutto verdient ein Mülllader damit pro Monat (gerundete Beträge). Müllfahrer verdienen etwas mehr, sie sind laut AWS größtenteils in der Entgeltgruppe sechs eingruppiert. Hier reicht die Spanne von etwa 3000 Euro bis 3700 Euro im Monat.
Stuttgarter Müllwerker: "Wir riskieren unser Leben"
Auch Müllwerker Kevin Hartmann streikt für mehr Lohn. Neben dem Gehalt beschäftigen ihn auch die Gefahren bei seinem Job. "Wir riskieren unser Leben dafür. Wir hatten schon Fälle, wo Autofahrer über den Gehweg gefahren sind und Kollegen verletzt haben. Es ist schon heftig", sagte Hartmann dem SWR.
Welchen Fall Hartmann genau meint, lässt sich nicht verifizieren. Allerdings gibt es immer wieder Vorfälle in Baden-Württemberg, bei denen Müllwerker während ihrer Arbeit schwer verletzt werden - zum Beispiel wurde im Kreis Waldshut vergangenen Sommer ein Müllmann vom Müllauto überfahren, als dieses rückwärts fuhr. Im Rems-Murr-Kreis wurde vor einigen Jahren ein Müllwerker beim Leeren von Mülltonnen von einem Linienbus erfasst, auf den Gehweg geschleudert und schwer verletzt, wie die Stuttgarter Zeitung damals berichtete.
Müllabfuhr Stuttgart: "Wir geben unser Bestes"
Streikende Müllwerker auf der einen Seite, verärgerte Anwohner wie Ulrike Dasenbrock auf der anderen: Wie es weitergeht, wird sich an diesem Freitag zeigen. Dann startet die dritte Verhandlungsrunde in der Tarifauseinandersetzung.
Die Abfallwirtschaft Stuttgart schreibt im Netz, dass sie ihren Service nach dem Streik wie gewohnt wieder aufnehmen werde und den zusätzlichen Abfall, der angefallen ist, nach und nach abholen werde. Anwohner "können in der Zwischenzeit ihren Abfall in reißfeste Säcke und Altpapier in Kartons gepackt am Abfuhrtag neben ihre Behälter stellen", informiert die AWS im Internet und wirbt dort für Geduld: "Alle streikbedingten Mehrmengen sofort auf einmal abzufahren – das schaffen wir auch mit vereinten Kräften nicht. Wir geben unser Bestes! Versprochen."