Parallelbetrieb von Kopf- und Tiefbahnhof

Zwei Stuttgarter Bahnhöfe wegen S21: Die Meinungen darüber sind geteilt

Ab Ende 2026 sind in Stuttgart zeitweise zwei Bahnhöfe in Betrieb. Von "auf dem Rücken der Fahrgäste" bis "In den sauren Apfel beißen" - so reagiert die Lokalpolitik auf das Thema.

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Stand

Von Autor/in Magdalena Haupt

Politikerinnen und Politiker aus Stuttgart und der Region bewerten die Folgen der Verzögerung beim Großprojekt Stuttgart 21 für den Schienenverkehr unterschiedlich. Das zeigte sich am Montag bei einer Sondersitzung des Verkehrsausschusses des Verbands Region Stuttgart und des Gemeinderatsausschuss Stuttgart 21/Rosenstein. Wenige Tage zuvor wurde bekannt, dass ab Dezember 2026 in Stuttgart vorübergehend zwei Bahnhöfe in Betrieb sein werden, der alte Kopfbahnhof und der neue Tiefbahnhof Stuttgart 21.

Parallelbetrieb von Kopf- und Tiefbahnhof als "Soft Opening"?

Die angekündigte Eröffnung in Stufen bezeichnete der CDU-Stadtrat Carl-Christian Vetter am Montag als eine Art "Soft Opening". Die Bahn habe offenbar gelernt, mit den Problemen umzugehen und sei bemüht, Probleme zu minimieren. In Stufen zu öffnen sei besser als im Hauruck-Verfahren. Auch die CDU-Fraktion beim Verband Region Stuttgart ist zufrieden mit dem Plan der Deutschen Bahn.

Gäubahn fährt ein Jahr länger

Nach dem aktuellen Plan wird die Gäubahn ein Jahr länger bis zum Hauptbahnhof fahren, dann eben in den alten Kopfbahnhof. Das ist ein kleiner Erfolg für Städte und Gemeinden entlang der Gäubahn wie Böblingen, Rottweil oder Tuttlingen, die alle sehr für den Erhalt der Gäubahn gekämpft hatten. Durch die Verschiebung kann die Gäubahn im Jahr 2026 noch als Ausweichstrecke für die S-Bahn-Stammstrecke genutzt werden.

Ab März 2027 soll die Gäubahn unterbrochen werden, die Fahrgäste müssen in Böblingen oder Stuttgart-Vaihingen umsteigen. Das sei nötig, so die Bahn, weil dann in dem Bereich die neue S-Bahn-Anbindung gebaut werde. Auch der Umbau des Stellwerks funktioniere nicht, wenn die Gäubahn nicht unterbrochen werde.

"Inbetriebnahme auf dem Rücken der Fahrgäste"

Regionalrat Michael Lateier (Grüne) bereitet das jedoch Sorgen: Ohne die Gäubahn als Ausweichmöglichkeit werde es hart für die Fahrgäste. Das kritisiert auch Thomas Leipnitz, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Regionalversammlung. Seine Prognose: Die Menschen, die mit der S-Bahn unterwegs sind, werden am meisten leiden. Die Fahrpläne würden ausgedünnt - und welches Ersatzkonzept es mit Bussen und Bahnen gebe, stehe noch in den Sternen, so Leipnitz.

Die verzögerte Inbetriebnahme wird auf dem Rücken der Fahrgäste auf der S-Bahn ausgetragen.

Lange Sperrung der S-Bahn-Stammstrecke 2027

Von April bis Juli 2027 soll die S-Bahn-Stammstrecke zwölf Wochen lang gesperrt werden. Im Sommer 2027 werde dann die verlängerte S-Bahn-Stammstrecke und die Station Mittnachstraße in Stuttgart-Nord in Betrieb genommen, so die Bahn. Das führe zu vielen Belastungen für alle, die mit dem Zug unterwegs sind, kritisierte Rainer Wieland, Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, bereits am Freitag bei der Sondersitzung des Lenkungskreises. Den Menschen müsse unbedingt besser erklärt werden, was bei den Bauarbeiten passiere und wie komplex diese Inbetriebnahme sei.

Es ist nicht, wie wenn man daheim seine Märklin-Eisenbahn umsteckt, und nach 10 Minuten laufen die Fahrzeuge wieder.

Viele Bauarbeiten rund um Stuttgart-Bad Cannstatt

Vor allem am Bahnhof Bad Cannstatt müssen sich Pendlerinnen und Pendler in den Jahren 2026 und 2027 auf große Veränderungen einstellen. Denn dort werden erst die Gleise 1 bis 4 der S-Bahn und danach die Regionalverkehrsgleise 5 bis 8 gesperrt. Die Bauarbeiten sind nötig, damit die Züge von Bad Cannstatt danach über die neue Neckarbrücke und den Tunnel Bad Cannstatt in den neuen Tiefbahnhof fahren können.

Folgen für das neue Rosensteinquartier

Die Stadt Stuttgart führt die Planungen für das neue Stadtquartier auf dem Gleisvorfeld, das Rosensteinquartier, unverändert fort. Ab dem Sommer 2027 soll nach und nach der Rückbau der alten Bahnanlagen beginnen. Die Bahn und die Stadt teilen sich die Aufgaben beim Rückbau auf. Die neue Planung der Bahn führe zwar zu Verzögerungen, diese seien jedoch verkraftbar, so Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Ohne die zeitliche Streckung der Bauarbeiten wäre der Verkehr in der Stadt kollabiert, so Pätzold.

Wir müssen in den sauren Apfel beißen, damit die Stadt nicht lahmgelegt wird.

Erst vergangene Woche hat der Gemeinderat das Bebauungsverfahren für ein Teilgebiet des neuen Stadtviertels eingeleitet. Das Rosensteinquartier ist das größte Wohnungsbauprojekt der Stadt. Auf dem aktuell geplanten Gelände sollen bis zu 1.670 Wohnungen entstehen, auf dem ganzen Gelände ist Wohnraum für rund 10.000 Menschen geplant.

Blick vom Infoturm am Bahnhof auf Gleise und Züge.
Erst wenn keine Züge mehr fahren, kann mit dem Rückbau der Gleisanlagen begonnen werden.

Bürgerbegehren gegen Bebauungsplan Rosenstein

Gegen die Aufstellung des Bebauungsplans wurde ein Bürgerbegehren initiiert. In den kommenden drei Monaten müssen die Befürworter 20.000 Unterschriften dafür sammeln. Hannes Rockenbauch, für das Bündnis "Stuttgart Ökologisch Sozial" im Gemeinderat, begründet das Bürgerbegehren mit Zweifeln an der Kapazität des Tiefbahnhofs. Der Kopfbahnhof werde weiter benötigt. Wenn auf dem alten Gleisvorfeld gebaut werde, sei ein Kombibetrieb von Kopf- und Tiefbahnhof nicht mehr möglich. Deshalb müssten in den nächsten drei Monaten 20.000 Unterschriften gesammelt werden. Das sei sportlich, aber machbar.

Wenn bebaut ist, können da nie wieder Gleise liegen. Das wollen wir nicht.

Neben Rockenbauch kritisierte auch Thorsten Puttenat das Konzept für die Inbetriebnahme. Der Kombibahnhof werde Chaos mit sich bringen, kritisierte der Stadtrat für die Wählervereinigung "Die Stadtisten".

Taskforce soll weiter arbeiten

Das aktuelle Inbetriebnahmekonzept für Stuttgart 21 wurde von einer Taskforce erarbeitet, die im Mai eingesetzt worden war. In der Arbeitsgruppe waren Vertreterinnen und Vertreter von Deutscher Bahn, Land Baden-Württemberg, Stadt Stuttgart und vom Verband Region Stuttgart. Die Taskforce soll weiter arbeiten und offene Fragen klären, beispielsweise die Organisation von Ersatzverkehren während der Sperrzeiten oder Fahrpläne während der Inbetriebnahmephase.

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