Nun ist es offiziell: Der alte Stuttgarter Kopfbahnhof wird auch 2027 noch von Zügen angefahren werden – zumindest für einige Monate. Das hat die Deutsche Bahn zusammen mit den S21-Projektpartnern am Freitagnachmittag bekannt gegeben. Dennoch soll der neue Tiefbahnhof im Dezember 2026 feierlich eröffnet werden. Der gesamte Fernverkehr - mit Ausnahme der Gäubahnzüge - und etwa die Hälfte des Nahverkehrs sollen dann durch den Durchgangsbahnhof fahren können. Für die restlichen Züge sowie für den S-Bahn-Verkehr wird es noch länger dauern, bis komplett auf die neue Infrastruktur umgestellt werden kann. Bis Ende 2027 sollen dann weitestgehend alle Teile von Stuttgart 21 in Betrieb sein. Zwar sollen die Bauarbeiten für Fahrgäste erträglich bleiben, aber viel Geduld und Nerven dürften dennoch gefordert sein.
S21-Projektpartner alle zufrieden mit neuer Lösung
Berthold Huber, Infrastruktur-Vorstand der Bahn, bestätigte, dass es dennoch zu Einschränkungen im Bahnverkehr kommen wird. "Stuttgart 21 steht für die Verkehrswende im Südwesten. Dafür müssen wir unseren Fahrgästen im Zuge der hochkomplexen Inbetriebnahme noch einmal einige Unannehmlichkeiten zumuten." Gemeinsam mit den Projektpartnern sei es aber gelungen, die Unannehmlichkeiten für Fahrgäste zu verringern.
Wichtig sei es nun, die Einschränkungen verlässlich und planbar zu halten, sodass Fahrgäste keine Überraschungen erleben, so Rainer Wieland (CDU), Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart. "Ich glaube, dass Stuttgart zum Vorreiter für die digitale Schiene in Deutschland wird", sagte Wieland weiter.
Auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) unterstützt das neue Vorgehen der Bahn bei der Inbetriebnahme: "So wie die Baumaßnahmen und Störungen des Bahnbetriebs liefen, konnte es nicht weitergehen. So funktioniert kein geordneter, fahrgastfreundlicher Übergang vom alten zum neuen Bahnhof." Hätte man am alten Konzept der vollständigen Inbetriebnahme 2026 festgehalten, hätte es einen "monatelangen Stillstand im Knoten Stuttgart" gegeben. "Die Bahn hat unsere Kritik aufgenommen und gehandelt", so Hermann. Dass der Tiefbahnhof Ende kommenden Jahres in Betrieb gehen soll, sei ein "Anlass zur Freude", so Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU).
ICE-Züge fahren ab Dezember 2026 über Neubaustrecke
Konkret bedeutet das: Der S21-Tunnel Feuerbach sowie der Fildertunnel und die Tunnel nach Unter- und Obertürkheim sollen im Dezember 2026 gemeinsam mit dem Tief- und Flughafenbahnhof in Betrieb genommen werden. Das heißt: ICE-Züge zwischen Mannheim, Karlsruhe und Ulm können von da an deutlich schneller als bisher zwischen den Städten fahren. Zwischen Stuttgart und Ulm wird die Fahrzeit dann teilweise nur noch 28 statt 43 Minuten betragen. Vom Hauptbahnhof zum Flughafen werden es nur noch sechs Minuten sein.
Welche Nahverkehrszüge genau durch den Tiefbahnhof und welche durch den Kopfbahnhof fahren werden, kann die Bahn bisher nur für einzelne Verbindungen sagen. Demnach soll aber der neue Regionalzug von Stuttgart über Ulm nach Friedrichshafen dann über die Schnellfahrstrecke fahren, dadurch wird die Verbindung nach Friedrichshafen deutlich schneller. Eventuell werden auch Züge aus Tübingen bereits über die Neubaustrecke nach Stuttgart fahren.
Kopfbahnhof bleibt vorerst in Betrieb - Aufatmen für Gäubahnreisende
Die Verbindung vom Tiefbahnhof zum Bahnhof Bad-Cannstatt (Tunnel Cannstatt) und auch die neue S-Bahn-Strecke über die zukünftige Haltestelle Rosenstein werden vorerst noch nicht in Betrieb genommen. Daher wird ein Großteil der Nahverkehrszüge bis zum Sommer 2027 weiterhin in den alten Kopfbahnhof fahren. Welche Züge das genau sein werden, ist noch unklar. Es könnte sich dabei aber laut Experten primär um Verbindungen handeln, die in Stuttgart beginnen und enden.
Klar ist aber: Die Fahrgäste der Gäubahn können für ein weiteres Jahr aufatmen. Denn die Unterbrechung der Strecke aus Zürich, Singen und Horb wird auf März 2027 verschoben. Erst dann sollen die Züge endgültig in Stuttgart-Vaihingen enden, bis der neue Pfaffensteigtunnel fertig gebaut ist. Von Vaihingen soll es eigentlich mit der S-Bahn weiter zum Hauptbahnhof gehen, würde da nicht noch eine größere Sperrung kommen.
S-Bahn-Stammstrecke: Drei Monate Sperrung des Tunnels
Denn sobald die Gäubahn gekappt ist, soll ab dem 3. April 2027 bis zum 2. Juli der S-Bahn-Tunnel gesperrt werden. In dieser Zeit wird die Verbindung über die neue Haltestelle Rosenstein umgebaut, dafür müssen die S-Bahn-Gleise an den Hauptbahnhof, an den Nordbahnhof und nach Bad Cannstatt angeschlossen werden. Letzterer Anschluss gilt als besonders kompliziert, denn der gesamte Bahnhof Bad Cannstatt muss im Jahr 2027 dafür komplett umgebaut werden, damit zukünftig die Züge von dort über die neue Neckarbrücke in den Tunnel Cannstatt fahren können.
In dieser Zeit werden teilweise die S-Bahn-Züge im alten Kopfbahnhof enden. Dass die Gäubahn-Züge währenddessen weiterhin in den Kopfbahnhof fahren, hält die Bahn offensichtlich nicht für möglich. Die Bahn hatte in der Vergangenheit wiederholt betont, dass die Gäubahntrasse nicht mehr befahrbar ist, wenn direkt daneben die neue S-Bahn-Anbindung gebaut wird - die S21-Gegner hatten ein Gegengutachten vorgelegt, das dieser Aussage widerspricht.
Da mit fehlender Gäubahn-Anbindung auch keine Umleitung zwischen Stuttgart-Vaihingen und Hauptbahnhof über die sogenannte Panoramabahn mehr stattfinden kann, muss in Bus- und Stadtbahn umgestiegen werden. Die Bahn empfiehlt darüber hinaus, mit dem Regionalzug über den Flughafen zu fahren und dort in die S-Bahn umzusteigen. Denn da der neue Fernbahnhof am Flughafen dann bereits im Betrieb sein soll, beträgt die Fahrzeit zwischen Flughafen und Hauptbahnhof nur noch sechs Minuten.
Sommer 2027: Kopfbahnhof geht außer Betrieb – Bad Cannstatt wird umgebaut
Mit dem Ende der S-Bahn-Stammstrecken-Sperrung soll laut Bahn auch endgültig der Kopfbahnhof außer Betrieb gehen. Die S-Bahn fährt ab dann mit neuer digitaler Zugtechnik über die neue Wegführung und die Haltestelle Rosenstein. Aber im Herbst muss noch weiterhin der Bahnhof Bad Cannstatt umgebaut werden. Das heißt, es wird auch im zweiten Halbjahr 2027 Baustellen und Einschränkungen im Stuttgarter Bahnknoten geben. Im Dezember 2027 sollen dann alle Bauabschnitte von Stuttgart 21 fertig gestellt sein - mit Ausnahme der sogenannten P-Option und des Pfaffensteigtunnels.
Künftiger Zugang zu den Gleisen Stuttgart 21: So sieht das erste Eingangsportal vom neuen Bahnhof aus
Die Bahn hat das erste Eingangsportal des künftigen Stuttgarter Hauptbahnhofs enthüllt. Hier werden Reisende in Zukunft zu den Zügen gelangen.
Baustellen und Ersatzverkehr: Weiter Geduld für Fahrgäste gefragt
Die Entscheidung, die Inbetriebnahme bis ins Jahr 2027 in mehrere Abschnitte zu staffeln, soll die Baustellenphasen in den nächsten Jahren ertragbarer machen, so die Verantwortlichen. Dafür ist im Mai extra eine S21-Baustellen-Taskforce eingerichtet worden. Dabei wurde klar: Hätte man die Inbetriebnahme bis Ende 2026 durchgezogen, wäre ein Verkehrskollaps in Stuttgart die Folge gewesen. Durch das neue Vorgehen soll das zwar verhindert werden, aber die Einschränkungen, Umleitungen und Zugausfälle dürften in der gleichen Form wie bisher weiter gehen.
Das bedeutet auch: Wer nicht im neuen Tiefbahnhof abfährt oder ankommt, wird auch weiterhin teilweise weite Laufwege gehen müssen, um zum alten Kopfbahnhof zu kommen. Zum neuen Durchgangsbahnhof hingegen soll man dann schon durch die neuen Bahnhofsportale und den Bonatzbau kommen können. "Der Weg bis zur Inbetriebnahme wird allerdings aufgrund mehrerer Streckensperrungen steinig und beschwerlich“, so Oberbürgermeister Nopper am Freitag. „Er wäre noch viel steiniger und beschwerlicher geworden, wenn verschiedene Baumaßnahmen nicht ins Jahr 2027 verschoben worden wären." Verkehrsminister Hermann stellt aber auch klar: "Erst wenn die Anbindung in Bad Cannstatt neu gebaut ist, sehen wir langsam ein Ende der Dauerbaustellen rund um Stuttgart."