"Digitalzwang" im öffentlichen Nahverkehr?

SSB will Barzahlung in Stuttgarter Bussen abschaffen - Verbände sorgen sich um Teilhabe

Das für Juli geplante Ende der Barzahlung in Stuttgarter Bussen führt zu Diskussionen. Die SSB sieht einen besseren Ablauf, Kritiker fürchten um soziale Teilhabe.

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Von Autor/in Max Schäfer

Wer ab dem 1. Juli mit dem Bus in Stuttgart unterwegs ist und kein Abo hat, kann beim Ticketkauf bei der Fahrerin oder dem Fahrer nicht mehr mit Bargeld bezahlen. Denn die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) als Betreiber will die Bezahlung dann nur noch mit Kreditkarten, EC- und Debitkarten, per Smartphone oder Smartwatch ermöglichen. Außerdem können Passagierinnen und Passagiere Tickets laut SSB in den verschiedenen Apps der SSB mit fünf Prozent Rabatt kaufen (polygo App, VVS BWeit App, VVS Mobil App).

SSB will Barzahlung in Bussen beenden

Die Barzahlung soll dann nur noch an Automaten der SSB möglich sein. Dort gebe es auch weiterhin das Vierer-Stempel-Ticket. In einer Mitteilung begründet das Unternehmen den Schritt mit geringer Nachfrage. Im Durchschnitt werde nicht einmal ein Ticket pro Fahrt direkt beim Fahrpersonal verkauft, der Umsatz liege bei rund einem Prozent im Vergleich der Vertriebskanäle. Außerdem argumentiert das Unternehmen, dies sei ein Schritt hin zu Modernisierung und schaffe Doppelstrukturen ab. Andere Verkehrsunternehmen sind den Schritt laut SSB schon gegangen, darunter diejenigen in Hamburg, Berlin oder Nürnberg.

Ausschließlich digitale Zahlung als Einschnitt in Teilhabe

Die Digitalisierung des Ticketkaufs sei jedoch ein Einschnitt in die soziale Teilhabe, so die Kritik. "Wir erleben in einem größeren Rahmen gerade, dass immer mehr Menschen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden", sagte Jonas Grill, Sprecher von Digitalcourage. Der Verein setzt sich für Datenschutz ein. Die Grundversorgung von öffentlichen Betrieben wie Verkehrsverbünden werde zunehmend auf digitale Zugangswege umgestellt. "Diese digitalen Lösungen sind meistens auch mit einem intensiven Tracking der Nutzerinnen und Nutzer verbunden."

Digitalcourage kritisiert deshalb einen zunehmenden "Digitalzwang". Das sei erfüllt, wenn nur noch ein digitaler Zugang ermöglicht werde, obwohl es analoge Optionen gibt. Dieser sei im Beispiel der Stuttgarter Busse auch erfüllt. Zwar sei Barzahlung an Automaten noch möglich, diese gebe es aber nur noch an wenigen Stellen. "Das heißt, es führt tendenziell trotzdem zu einem Digitalzwang", so Grill. Personen, die nicht am Hauptbahnhof oder zentralen Umschlagspunkten wohnen, müssten die digitalen Optionen nutzen oder seien andernfalls mit großen Hürden konfrontiert.

Die Folge laut Grill: "Wir Bürgerinnen und Bürger verlieren zunehmend die Kontrolle über unsere Daten, weil wir sie für diese Zugänge herausgeben müssen und am Ende nicht wissen, wo sie landen." Es gefährde die Demokratie, wenn Personen nicht mehr Bus und Bahn fahren könnten, die sich den digitalen Zugängen entziehen.

Wir Bürgerinnen und Bürger verlieren zunehmend die Kontrolle über unsere Daten, weil wir sie für diese Zugänge herausgeben müssen und am Ende nicht wissen, wo sie landen.

Stadtseniorenrat und Fahrgastverband kritisieren Bargeld-Aus

Der Stadtseniorenrat Stuttgart und der Fahrgastbeirat des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart kritisierten in der "Stuttgarter Zeitung" die Entscheidung. Es fehle eine Lösung für Menschen, die weder eine Bankkarte besitzen, noch in der Lage seien, mit mobilen Endgeräten zu bezahlen, sagte Wolfgang Steiger, Vorsitzender des Fahrgastbeirats. Dazu gebe es längst nicht an allen Haltestellen Fahrscheinautomaten, wie Seniorenratsvorsitzende Margarete Voll bemängelte.

CDU plant Anhörung im Ausschuss

Politisch ist das Bargeld-Aus in den Bussen noch nicht abgeschlossen. Die CDU im Stuttgarter Gemeinderat möchte das Thema in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung und Technik (STA) am 16. Juni diskutieren. Die Fraktion will unter anderem von der SSB wissen, wie hoch der finanzielle Vorteil durch den Wegfall ist. Im Ausschuss will die Fraktion laut eines Sprechers alle Informationen einholen und abwägen, wie groß der Handlungsbedarf ist.

Die CDU bringt einen Aufschub der Regelung ins Spiel. "Damit geben wir den betroffenen Bürgern im Gelegenheitsverkehr die Möglichkeit, sich länger auf die neue Regelung einzustellen", teilte ein Sprecher auf Anfrage des SWR mit. Das VVS-weite Vierer-Ticket bleibe als Alternative zur Barzahlung in den Bussen in Zukunft unerlässlich. Weil der Kauf von Fahrscheinen sich auf die Stadtbahnhaltestellen konzentriere und an den meisten Bushaltestellen nicht möglich sei, mache sich die Fraktion Gedanken, wie Kunden, die bisher bar gezahlt haben, weiterhin den ÖPNV nutzen können. Mittelfristig kann sich die CDU-Fraktion laut der Antwort eine Chipkarte vorstellen.

Linke, SÖS und Tierschutzpartei fordern Erhalt von Barzahlung

Die Fraktion aus der Linken, Stuttgart Ökologisch Sozial und Tierschutzpartei will dagegen an der Barzahlung festhalten. Zwar setze sich die Fraktion dafür ein, dass der öffentliche Nahverkehr als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge kostenlos werde, sagte der Vorsitzende Hannes Rockenbauch dem SWR. Wenn das nicht möglich sei, müsse weiter mit Bargeld gezahlt werden können. Das sei eine Grundsatzfrage, unabhängig von der Dichte von Fahrkartenautomaten an Haltestellen.

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Landesschau Baden-Württemberg SWR BW

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Max Schäfer
Bild von SWR-Redakteur Max Schäfer.

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