Endhaltestelle "Ruhbank" am Fernsehturm in Stuttgart: Die U15 fährt ein, alle Fahrgäste steigen aus und verlassen zügig den Bahnsteig. Dann geht die Tür der Fahrerkabine auf und Ersan Ayakdas steigt aus. Seit rund einem Jahr ist er Stadtbahn-Fahrer bei der SSB AG. Hier, an der Endhaltestelle hat er jetzt rund zehn Minuten Zeit, bis er wieder losfahren muss, dann in Richtung Stammheim. Und diese Wartezeit kommt ihm gelegen.
An der Endhaltestelle: Workout statt Warten
Als Ayakdas seinen neuen Job als Stadtbahn-Fahrer antritt, merkt er schnell: Im Schichtdienst ist es schwierig, genug Zeit fürs Fitness-Studio zu finden. Kein Sport ist für ihn aber keine Option, also muss der in seinen neuen Alltag integriert werden. Am Bahnsteig kommt er auf eine Idee: "Dann habe ich mich umgeschaut, es war keiner an der Endhaltestelle mehr da und dann habe ich mit Gymnastikübungen angefangen, Liegestütze und Burpees gemacht."
Ein kurzes Workout, das ihn ganz schön ins Schwitzen bringt und ihm hilft in der Nachtschicht konzentriert zu bleiben. Um zu prüfen, ob er seine Übungen richtig macht, nimmt Ayakdas seine Workouts auf. Zu Hause zeigt er sie seiner Familie, und die ist sich einig: Die Videos soll Ayakdas auf Social Media teilen. Damit tritt Ayakdas eine unerwartete Welle los.
TikTok-Hype: Ersan Ayakdas begeistert Community
Auf TikTok werden einige seiner Videos über 200.000-mal angesehen und tausende Male kommentiert. An das erste Kommentar erinnert sich der 51-Jährige noch genau: "Das werde ich nie vergessen: 'Alter ist definitiv eine Zahl', das hat mir zu denken gegeben". Andere Userinnen und User kommentieren auf TikTok: "Maschine vor Maschine", "Wow" oder auch ein augenzwinkerndes "Morgen bitte pünktlich um 6:22 Uhr". Auf so gut wie jeden Kommentar antwortet Ayakdas und ist überwältigt.
Videos werden zur Fitness-Motivation
Seine Workouts bleiben aber nicht nur ein kurzes TikTok-Phänomen - auch im echten Leben wird Ayakdas mittlerweile regelmäßig auf seine Videos angesprochen, manchmal wird er sogar nach Selfies gefragt. "Als ich mir letztens einen Döner gekauft habe, wurde ich vom Verkäufer angesprochen und sogar hinter die Theke geholt", erzählt Ayakdas mit einem Lächeln. Der Verkäufer habe ihm in einem kleinen Raum gezeigt, wo er jetzt zwischen Mehlsäcken und halbleeren Getränkekisten immer seine Liegestütze mache - seit er auf Ayakdas Videos gestoßen sei. "Das hat mir schon sehr gefallen, ich war gerührt."
Jobbörse TikTok: Jugendliche bewerben sich als Stadtbahn-Fahrer
Und seine Videos motivieren nicht nur zum Sport. Ab und zu wird Ayakdas auch zur Jobbörse. Vor allem Jugendliche schreiben ihm und wollen wissen, wie sein Leben als Stadtbahn-Fahrer so ist, erzählt er. "Sie haben natürlich hunderte Fragen, zum Beispiel zum Gehalt und zu den Arbeitszeiten." Auch dafür nimmt sich der Stuttgarter Zeit. "Der ein oder andere hat sich schon beworben und wurde auch eingestellt. Das ist schon schön," erzählt Ayakdas stolz.