Abreißen oder erhalten? Umbauen oder alles neu? Über das Züblin-Parkhaus im Stuttgarter Leonhardsviertel wird seit mehr als fünf Jahren gestritten. Im Juli 2022 hatte der Stuttgarter Gemeinderat ein Konzept zur Quartiersentwicklung beschlossen. Demnach sollte das markante Parkhaus Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA'27) werden und als Teil der sogenannten Neuen Mitte das Leonhardsviertel elegant mit der Innenstadt verbinden. Passiert ist seither: nichts.
Neugestaltung des Züblin-Parkhauses: Hängepartie seit 2022
Eigentlich müsste man dem Züblin-Parkhaus außen einen langen, weißen Bart aufmalen. Denn das bei Street Artists beliebte Parkhaus aus den Sechzigern hat schon eine erhebliche Hängepartie hinter sich und wird damit so langsam zur "Urban Legend": Bereits 2020 gab es einen vorbildlichen Beteiligungsprozess zur Zukunft des Parkhauses, bei dem sich viele Ideen und Anforderungen herauskristallisierten. Weil aber nicht direkt eine Konzeptvergabe erfolgte, wurde die Weiterentwicklung verschleppt.
Ende Juli 2022 erfolgte dann ein Grundsatzbeschluss des Gemeinderats zu dem Areal. Als "Wettbewerb der Ideen" sollte ab Ende 2022 die Grundstücksvergabe im Konzeptverfahren ergebnisoffen stattfinden - am besten an ein gemeinwohlorientiertes Konsortium. Und eben als IBA'27-Projekt. Heißt, nicht allein die Architektur, sondern das Konzept sollte bei der Vergabe des Auftrags zur Neugestaltung entscheiden. Die Anforderungen lauteten: kostengünstiges, gemeinschaftsorientiertes Wohnangebot, Flächen für Begegnung, Freizeit und Sport einplanen, eventuell genossenschaftliches Bauen ermöglichen. Parallel wurde eine Machbarkeitsstudie zur Bausubstanz in Auftrag gegeben.
Kaufhaus Breuninger braucht die Parkplätze noch
Dieses Konzeptverfahren sollte 2023, spätestens 2024 entschieden sein. Es hat bis heute gar nicht stattgefunden. Erschwerend kam hinzu, dass das Kaufhaus Breuninger durch den Abriss des eigenen Parkhauses nebenan Interesse an den Parkplätzen anmeldete. Der Vertrag mit dem Betreiber des Züblin-Parkhauses wäre sonst Ende 2023 ausgelaufen, wurde aber verlängert. Selbst eine Interimsnutzung des Parkhauses, die der zuständige Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) vor zwei Jahren ins Spiel brachte, fand nicht statt. Nach wie vor parken hier Autos. Einzige alternative Nutzung neben dem Sprayen: Urban Gardening auf dem Dach und der "Utopia Kiosk" mit Veranstaltungen unten.
SPD/Volt-Anfrage bringt hervor: Parkhaus soll ausgeschrieben werden
Die SPD/Volt-Fraktion im Gemeinderat hat Angst, dass sich die Umgestaltung des Züblin weiter verschleppt und zur IBA'27 hier immer noch Autos parken. Deswegen hat sie in der letzten Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft und Wohnen per Antrag nach dem Stand des Projektes gefragt. Die Antwort der Stadtverwaltung: Eine Vermarktung des Areals soll starten, ein Zeitplan hierfür werde gerade verwaltungsübergreifend erarbeitet. 2026 wolle man dann EU-weit ausschreiben.
Eine Überraschung für die Gemeinderatsfraktionen: Warum jetzt so, warum EU-weit? Die EU-weite Ausschreibung statt des geplanten einfachen Konzeptverfahrens ergebe sich dadurch, dass eine öffentliche Nutzung im Gebäude enthalten sei und die Stadt nicht selbst baue, heißt es. Die verschiedenen Anforderungen beinhalteten unter anderem, dass die Turnhalle, der Skate-Park und die Fußball-Flächen nebenan erhalten bleiben müssten, so die Stadt. Eine Vergabe an einen Investor sei dann 2028 möglich.
Züblin-Parkhaus kann gar kein IBA-Projekt mehr werden
Das Vorhaben sei wohlüberlegt zu planen: Aufgrund der aktuellen Lage und allseits klammer Kassen habe die Stadt vor allem die Wirtschaftlichkeit zu beachten. Und man wolle unbedingt ein Ausschreibungsverfahren verhindern, auf das es dann keine Bewerbung gibt. Damit wird eine Zwischennutzung des Züblin ziemlich unmöglich. Das heißt aber vor allem: Das Züblin-Parkhaus wird kein großes, innovatives IBA-Projekt mehr wie ursprünglich vorgesehen. Rein zeitlich ist das gar nicht mehr möglich bis 2027.
SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher, Sprecherin der Fraktion für Städtebau, ist ziemlich aufgebracht: "Dass EU-weit ausgeschrieben werden soll, erfährt man also nebenbei, erst durch eine Anfrage!" Klar geworden sei dadurch aber, dass der Prozess in der jetzigen Form, also "Investoren-getrieben unter rein wirtschaftlichen Aspekten, nichts mehr damit zu tun hat, was wir im Gemeinderat beschlossen haben und wo wir hin wollten mit dem Parkhaus."
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Schanbacher sieht eine große Gefahr darin, dass mit dem Züblin ein gewisser Ausverkauf von städtischen Flächen und Immobilien starte und man am Ende keinen Einfluss mehr auf die Ausgestaltung habe. "Vor allem nach diesem aufwändigen Prozess mit viel Beteiligung und viel Kreativität ist das fatal. Da sind wir jetzt falsch abgebogen und sollten dringend wieder justieren."
IBA-Intendant Hofer ist enttäuscht, sieht aber trotzdem eine Chance
Auch IBA'27-Intendant Andreas Hofer zeigt sich überrascht von den Parkhaus-Plänen der Stadt, versteht aber die Lage der Stadtverwaltung. "Für uns als IBA sehr schade, ich hätte das Projekt gerne dabei gehabt und gezeigt. Aber ich habe auch ein gewisses Verständnis." Zu der wirtschaftlich schwierigen Lage komme, dass mit dem Mobility Hub von Breuninger und dem Haus für Film und Medien zwei weitere Großprojekte im unmittelbaren Umfeld gebaut werden, "und wir da halt erst an dritter Stelle kommen". Breuninger habe sehr viel Druck gemacht, das Haus für Film und Medien sei ein wichtiges Projekt für Stuttgart.
"Ich nehme es deswegen trotzdem als Chance", sagt Hofer. Wenn der Mobility Hub und das Haus für Film und Medien in der Neuen Mitte Leonhardsviertel gebaut seien, dann wisse man auch genau, welche Bedürfnisse im Quartier noch offen sind, die das Züblin-Areal dann erfüllen könne. "Dann kann man passgenau arbeiten. Und vielleicht kann man auch daraus lernen", sagt der IBA-Intendant. Denn Kommunen müssten umdenken.
Stadtentwicklung ist ein komplexer Prozess und braucht Zeit. Wir haben auch einige sehr komplexe Projekte bei der IBA dabei.
IBA-Intendant spricht sich für genossenschaftliches Bauen aus
"Wenn man für eine gemischte Nutzung baut, kann man damit ja auch Einnahmen generieren." Möglich sei auch, dass Bürger eine Genossenschaft gründen oder man Stiftungen hinzuhole. "Für neue Finanzierungsmodelle wäre ich sehr offen - vielleicht tut sich da eine Tür auf. Nicht jetzt, aber in fünf Jahren." Stadtentwicklung sei ein komplexer Prozess und brauche Zeit. "Wir haben ja auch einige sehr komplexe Projekte bei der IBA dabei", sagt er.
Kommt die Zwischennutzung für den Ex-Kaufhof?
Eine Hängepartie erlebt auch das ehemalige Karstadt-Kaufhof-Gebäude in der Eberhardstraße. Seit anderthalb Jahren steht das Kaufhaus leer. Aus einem Ideen-Wettbewerb im vergangenen Jahr werde derzeit eine Konzeptstudie für verschiedene mögliche Nutzungen erarbeitet, teilte die Stadt Stuttgart mit.
Bis diese Studie vorgestellt wird, werde es aber noch bis Jahresende dauern. Sowohl ein Konzept zur Zwischennutzung als auch zur langfristigen Nachnutzung des ehemaligen Kaufhauses sollte eigentlich noch vor der Sommerpause beschlossen werden, hieß es zuletzt von Fraktionen und Stadtverwaltung. Derweil prüft die IBA Stadtregion Stuttgart GmbH Möglichkeiten zur Zwischennutzung während der IBA'27. Hier sollen die Ergebnisse noch vor dem Herbst vorliegen.