Es sind Taten, die selbst erfahrene Berufskollegen sprachlos machen: Über zehn Jahre lang soll ein Bestatter aus Freiburg regelmäßig Zahngold, Schmuck und andere Wertgegenstände von Verstorbenen gestohlen und verkauft haben. Nun ist gegen ihn, sowie seine Frau und einen Juwelier Anklage erhoben worden. Darin ist die Rede von mindestens 250 Einzelfällen. Der Schaden laut Staatsanwaltschaft: rund 250.000 Euro.
Diebstahl von Zahngold und Schmuck: Wie konnte es dazu kommen?
Der angeschuldigte Bestatter war beim Eigenbetrieb Friedhöfe der Stadt Freiburg angestellt. Seine Hauptaufgabe war die Abholung von Verstorbenen aus ihrer Wohnung, Alten- und Pflegeheimen oder Kliniken. Außerdem richtete der Bestatter die Verstorbenen her. "Durch seine Arbeit hatte er Zugang zu den Leichnamen sowie zu Überresten bei der Auflösung von Gräbern", erklärt Stadtsprecherin Martina Schickle.
Genau das hat der Bestatter offenbar ausgenutzt: Laut Staatsanwaltschaft soll er aus den Gebissen von Leichnamen, die im Krematorium eingeäschert werden sollten, Goldfüllungen, Goldbrücken, Goldprothesen und Goldkronen entnommen haben. Auch Schmuckgegenstände wie Uhren soll er gestohlen haben, obwohl diese mit den Toten bestattet werden sollten.
Was passiert normalerweise mit Edelmetallen und Schmuck von Verstorbenen?
Bei abnehmbaren Schmuckgegenständen wie Uhren, Ketten oder Ringen entscheiden meist die Hinterbliebenen, ob sie diese behalten wollen oder ob sie mit dem Leichnam zusammen bestattet oder eingeäschert werden, sagt Ralf Homburger von der Bestatterinnung Baden-Württemberg. Edelmetalle, die sich im Körper befinden - etwa Zahngold oder Hüftgelenke - werden mit dem Leichnam zusammen beerdigt oder im Krematorium mitverbrannt.
"Bei der Verbrennung fallen immer wieder Metallreste an", weiß Ralf Homburger. "Manchmal kommen sie zusammen mit der Asche in die Urne. Manchmal werden die Metallreste aussortiert und entsorgt. Entsorgungsfirmen zahlen den Krematorien dafür in der Regel Geld." Homburger sagt, es sei eine Entscheidung der jeweiligen Gemeindevertreter, ob mit diesem Geld die Stadtkasse aufgebessert werde oder es beispielsweise gespendet würde.
In Freiburg werden mit einem Handmagneten größere Metallteile aus den Kremationsresten entnommen, weil sie nicht in die Aschenkapsel passen. Laut Stadtsprecherin Martina Schickle werden die Metalle recycelt.
Was können Hinterbliebene tun, um Schmuckdiebstahl zu verhindern?
Grundsätzlich sei es wichtig, ein seriöses Bestattungsunternehmen zu wählen, empfiehlt Ralf Homburger, der selbst ein Bestattungsinstitut in Singen (Hohentwiel) betreibt. Das sei zum Beispiel daran erkennbar, dass ein Unternehmen schon lange auf dem Markt sei oder dass es Nachwuchs ausbilde.
Helfen würden auch sogenannte Markenzeichen: "Sie legen Abläufe und Dokumentationspflichten fest. Dadurch kann man nachvollziehen, was insbesondere mit Schmuck- und Wertgegenständen passiert." Eine saubere Auflistung von Wertgegenständen gehöre seiner Meinung nach immer dazu.
Welche Konsequenzen zieht die Stadt Freiburg aus dem Fall?
Wie Stadtsprecherin Schickle dem SWR sagte, habe die Stadt aus einem anonymen Brief von dem Diebstahlverdacht erfahren. Die Stadt habe daraufhin sofort Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Außerdem sei der verdächtige Bestatter zunächst freigestellt und später gekündigt worden.
Im nächsten Schritt habe man die organisatorischen Abläufe überprüft und Vorgaben verschärft: "Wir haben beispielsweise die Dokumentationspflichten sowie das Vier-Augen-Prinzip ausgeweitet. Als weitere Maßnahme wurde veranlasst, dass die Särge nach der zweiten Leichenschau durch den Amtsarzt versiegelt werden", so Stadtsprecherin Martina Schickle. Diese Maßnahmen hätten sich in der Praxis bewährt.